Forschung

Was die Forschung untersucht und herausfindet, wird durch  Wissenstransfer greifbar und verständlich.
Und ermöglicht so sinnvolles und effektives Handeln für die Meere .

Überfischung der Weltmeere nimmt weiter zu und beschleunigt sich laut Welternährungsorganisation

Pressemitteilung Fair Oceans
Rom, 11.07.2018

Überfischung der Weltmeere nimmt weiter zu und beschleunigt sich
– Nahezu ein Drittel der von der Welternährungsorganisation erfassten Fischbestände ist überfischt

Alle zwei Jahre anlässlich der Sitzung des Ausschusses für Fischerei veröffentlicht die Welternährungsorganisation der UN ihren Bericht über den Zustand der Weltfischbestände und der Aquakultur. SOFIA, so die Abkürzung von State of World Fisheries and Aquaculture, basiert auf den offiziellen Daten der Staaten, die zusammengetragen und detailliert ausgewertet werden. Die Ergebnisse und von SOFIA aufgezeigten Entwicklungstendenzen sind weltweit ein Gradmesser für die Probleme in der Fischereiwirtschaft. Fair Oceans nimmt zum mittlerweile vierten Mal an der Sitzung teil, die derzeit vom 09. bis 13. Juli in Rom stattfindet. Die zu Beginn der Ausschusssitzung vorgelegten Zahlen aus dem aktuellen SOFIA-Bericht von 2018 machen deutlich, dass die Überfischung der Ozeane und Meere weiterhin ungebremst zunimmt.

Von 1974 bis 2015 hat sich die Überfischung der Weltmeere von 10% auf nun 33,1% erhöht. Durchschnittlich gab es in diesem Zeitraum von Jahr zu Jahr einen Anstieg von gut einem halben Prozentpunkt. Der Vergleich mit den Zahlen aus den Jahren 2009, 2011 und 2013 zeigt nun eine überdurchschnittlich starke Zunahme der Überfischung, die sich mit dem neuen Bericht bestätigt. Von 1989 bis 2009 betrug der Anstieg über diese 20 Jahre insgesamt nur rund 4%. In jüngster Zeit hat sich die Geschwindigkeit mit der die Überfischung zunimmt jedoch dramatisch beschleunigt. Seit 2009 addiert sich diese Zunahme schon jetzt bis zur aktuell in Rom vorgestellten Bestandsaufnahme aus dem Jahr 2015 auf 3,2%. Allein von 2013 bis 2015 wuchs die Zahl der über ihre ökologischen Grenzen hinaus ausgebeuteten Bestände um 1,7%.

Der Bericht der Welternährungsorganisation zur Fischerei ist aber weit mehr als eine bloße Zahlensammlung. Er verdeutlicht die globale Bedeutung der Fischerei für die Ernährungssicherheit, ebenso wie die Notwendigkeit die Fischbestände nachhaltig zu managen.

In Rom bewertet Kai Kaschinski, Projektkoordinator von Fair Oceans, die aktuelle Entwicklung: „Der Meeresschutz hat in Öffentlichkeit und Politik an Gewicht gewonnen. Trotzdem verschlechtert sich der Zustand der Meere und speziell der Fischbestände unaufhörlich. Der aktuelle Bericht der Welternährungsorganisation zeigt die ganze Dramatik dieser Situation. Die Ausweitung der Überfischung wird mittelfristig katastrophale Folgen haben. Schreibt sich die Entwicklung fort, bricht rein rechnerisch spätestens Ende diesen Jahrhunderts der letzte Fischbestand zusammen. Die Fischereiwirtschaft wird entsprechend früher in der Bedeutungslosigkeit versinken.“

SOFIA stellt unter anderem auch die neuen Zahlen zum Pro-Kopf-Verbrauch von Fisch und Meeresfrüchten vor. 2017 waren es 20,5 kg, 0,4 kg mehr als 2014, die weltweit durchschnittlich pro Kopf verzehrt wurden. Rund 3,2 Mrd. Menschen deckten dabei ihren Bedarf an tierischem Eiweiß zu etwa 20% aus der Fischerei und Aquakultur. Während die Wildfänge seit Mitte der 90er Jahre stagnieren, sichert die Aquakultur mit ihren Produktionssteigerungen den kontinuierlichen Anstieg des Angebots. 80 Mio. t der Gesamtmenge an Fisch und Meeresfrüchten von 171 Mio. t kamen Ende 2016 aus der Aquakultur. Da ein erheblicher Teil des Wildfangs zu Fischmehl verarbeitet wird, stammt mittlerweile mehr als die Hälfte des Fisches und der Meeresfrüchte für den menschlichen Verzehr aus der Aquakultur.

Kai Kaschinski führt hierzu aus: „Die großen Umbrüche, die wir derzeit auf dem Meer erleben, treffen die Fischereiwirtschaft in doppelter Hinsicht. Zum einen verändert sie sich von innen heraus und wird mehr und mehr von der Aquakultur dominiert, mit all den negativen Aspekten der Massentierhaltung. Auf der anderen Seite ist der Zusammenbruch der natürlichen Bestände nicht nur dem Missmanagement in der Fischerei geschuldet. Meeresverschmutzung, Offshore-Projekte, Schifffahrt, Tourismus und nicht zuletzt der Klimawandel bedrohen die Fischbestände in vielerlei Hinsicht. Die Industrialisierung der Meere mit ihren negativen Begleiterscheinungen geschieht auf Kosten der Fischerei.“

Allein in ihrer neuesten Studie zum Klimawandel, die am zweiten Tag der Sitzung des Ausschusses für Fischerei vorgestellt wurde, geht die Welternährungsorganisation durch die Erwärmung der Ozeane von zusätzlichen Verlusten beim Fischfang von bis zu 12,1% aus.

Francisco Mari, Referent von Brot für die Welt, begleitet ebenfalls die Ausschusssitzung und stellt fest: „Mit der zunehmenden Überfischung und dem Verlust der Fischbestände werden die Existenzgrundlagen der Kleinfischer gefährdet. Ihre zentrale Rolle für die Ernährungssicherheit im globalen Süden muss jedoch in jedem Fall gewahrt bleiben. Wir unterstützen deshalb die Umsetzung der Richtlinien zum Schutz der Kleinfischerei. Die Initiativen der Welternährungsorganisation in diesem Bereich müssen von der EU politisch und auch mit ausreichenden finanziellen Mitteln unterstützt werden. Das Gleiche gilt für den Klimaschutz und die illegale Fischerei. Auch hier müssen die EU und die Bundesregierung handeln und dabei vorrangig die Bedürfnisse der Kleinfischerei in ihre Überlegungen einbeziehen.“

Fair Oceans sieht in der Richtlinie zum Schutz der Kleinfischerei eine gute Grundlage um entwicklungspolitischen Problemen in der internationalen Fischereipolitik Geltung zu verschaffen und das Management der Küstenzonen sozial gerechter und zugleich ökologisch sinnvoll zu gestalten. Es sind die armen Küstengemeinschaften, die am stärksten von einer intakten Meereswelt abhängig sind und denen die Verschlechterung des Zustands der Ökosysteme am meisten zusetzt.

Bei Nachfragen wenden Sie sich bitte an

Kai Kaschinski
kai.kaschinski@fair-oceans.info

Den vollständigen Report findet ihr hier:
http://www.fao.org/3/I9540EN/i9540en.pdf

LNG: Gut für die Luft, schlecht fürs Klima?

Neue Ergebnisse einer Studie der britischen Beratungsfirma University Maritime Advisory Services (UMAS) zeigen, dass sich der CO 2-Austoß der Schiffe, die Liquefied Natural Gas (LNG) verwenden, kaum verringert und sich der Methanausstoß sogar erhöht. Die Hamburg Port Authority arbeitet weiterhin am Aufbau einer LNG-Infrastruktur für den Hamburger Hafen.

Elbvertiefung, 28.06.2018

Vor wenigen Wochen erst hat sich die internationale Schifffahrtsbranche zu klar
festgelegten Klimaschutzzielen verpflichtet: Bis 2050 soll die weltweite Flotte
ihren CO2-Ausstoß um die Hälfte verringern. Und Flüssiggas,
sogenanntes Liquefied Natural Gas (LNG) spielt bei diesen Überlegungen eine
zentrale Rolle: Im Gegensatz zu Schweröl und Diesel gilt es als umweltfreundlicher
Kraftstoff, sein Einsatz wird europaweit mit etwa 20 Milliarden Euro gefördert. In
Hamburg arbeitet die Hamburg Port Authority an einer LNG-Infrastruktur im Hafen,
weil sie davon ausgeht, dass immer mehr Schiffe entsprechend umgerüstet werden.
Nun aber kommt eine Studie der britischen Beratungsfirma »University Maritime
Advisory Services« zu dem Schluss, dass sich der CO 2 -Ausstoß der mit LNG
betriebenen Schiffe – anders als bisher gedacht –kaum verringert, der
Methanausstoß wäre demnach sogar noch höher als bei herkömmlichem
Treibstoff. Die Forscher warnen vor weiteren Investitionen in die Technologie. Doch
was heißt das für Hamburg? Der hohe CO 2 -Ausstoß ist schließlich nur ein
Problem der Schifffahrtsindustrie, ein anderes die Luftverschmutzung – gerade
in einer Hafenstadt tragen die Schiffe erheblich dazu bei. »LNG ist nach dem
heutigen technischen Stand die erste Wahl, wenn es darum geht, etwas gegen
Schwefel, Stickoxide und Partikel zu tun«, sagte uns Christian Füldner, Sprecher
der Verkehrsbehörde. Zwar sei es richtig, dass Methan entweiche, doch trotz
dieses sogenannten »Methanschlupfs«, der je nach Motor und Betriebsart variiere,
würde immer noch zehn bis 20 Prozent weniger CO 2 ausgestoßen. »Die
Klimabilanz in Sachen Luftreinhaltung ist positiv für uns«, so Füldner, noch besser
wären allerdings synthetische Treibstoffe, dafür fehle aber noch die Technologie.
»Zwar ist LNG derzeit eine Übergangslösung, aber aus heutiger Sicht der
richtige Weg.«

Quelle: https://www.zeit.de/hamburg/2018-06/elbvertiefung-28-06-2018

Die vollständige Studie der University Maritime Advisory Services (UMAS) findet ihr hier.

Elbevertiefung: https://www.zeit.de/serie/elbvertiefung

 

 

Meeresumweltsymposium 2018 zeigt positive Entwicklungen auf

Hamburg 22.06.2018

Die Entwicklungen zum Schutz der Meeresumwelt haben in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gezeigt.

Umweltbelastende Chemikalien haben auf Grund der gesetzlichen Regulierung in Nord- und Ostsee deutlich abgenommen. Einige Substanzen im Bereich der Flammschutzmittel nehmen bereits im Vorfeld des ab 2020 geltenden Verbotes ab. Die präsentierten Untersuchungen zum Verhalten von Seevögeln in der Nähe von Offshore-Windparks fließen in die Konsultationen zum Vorentwurf des Flächenentwicklungsplans für Nord- und Ostsee ein.

Das sind einige Ergebnisse aus dem 28. Meeresumwelt-Symposium in Hamburg. Schwerpunkte waren dieses Jahr Vorhaben zur Erreichung des Nachhaltigkeitsziels 14 „Schutz und Nachhaltige Nutzung der Meere und ihrer Ressourcen“ der Agenda 2030 der Vereinten Nationen sowie Fragen im Bereich „Schifffahrt und Umwelt“, „Meeresmüll“, „Offshore-Windenergie und Seevögel“ und „Nachhaltige Aquakultur“.

In ihrer Rede zur Eröffnung zeigte die Präsidentin des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie und maritime Botschafterin der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation IMO, Monika Breuch-Moritz, auf, dass die internationalen Übereinkommen zum Schutz der Umwelt wirken. „Diese positiven Ergebnisse motivieren die Nutzer der Meere, sich weiter dem Umweltschutz zu verschreiben“, betonte sie vor rund 400 Gästen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung, Umweltschutzverbänden, Politik und Medien. „Gerade beim Kampf gegen Müll im Meer ist es erforderlich, weltweit bei den Hauptbelastungspfaden von Land aus anzusetzen, um möglichst effektiv die Meeresumwelt zu schützen. “ Dies komme auch der dortigen Bevölkerung zugute, erläuterte sie.

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Florian Pronold, bezeichnete Meeresschutz als das Bohren dicker Bretter auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene. Er warnte davor, die gleichen Anforderungen, die in den hochentwickelten Industrienationen umgesetzt werden können, an den Meeresumweltschutz in Entwicklungsländern zu stellen.

Der Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Reeder betonte die Verantwortung der Nutzer der Meere, so auch der Schifffahrt für deren Schutz. Die Ablösung des Schweröls durch alternative Kraftstoffe, zum Beispiel verflüssigtes Erdgas LNG, sei ein wichtiger Schritt zu einem klimaneutralen Seetransport. Er forderte hierzu eine Innovationsoffensive in Forschung und Entwicklung.

Erste Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen des Verhaltens von Seetaucher, Trottellumme und Dreizehenmöwe im Bereich von Offshore-Windparks waren ein weiterer Bestandteil der Diskussion auf dem 28. Meeresumweltsymposium. Die Untersuchungen hatte das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie gemeinsam mit dem Bundesamt für Naturschutz in Auftrag gegeben, um die neuesten Erkenntnisse aus dem Betriebsmonitoring der Windparks auswerten zu lassen. Die Erkenntnisse werden in den Entwurf des Flächenentwicklungsplans von Nord- und Ostsee einfließen.

Das Meeresumwelt-Symposium ist die wichtigste interdisziplinäre Plattform zum Schutz der marinen Umwelt in Deutschland. Jährlich diskutieren Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung, Politik und Umweltverbänden die drängenden Fragen und aktuellen Erkenntnisse zum Schutz der Meere.

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) ist die zentrale maritime Behörde in Deutschland. Rund 850 Menschen in rund 100 Berufen befassen sich mit Aufgaben in der Seeschifffahrt, der Ozeanographie, der nautischen Hydrographie, der Offshore-Windenergie und der Verwaltung. Fünf eigene Vermessungs-, Wracksuch- und Forschungsschiffen operieren in der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone von Nord- und Ostsee. Das BSH arbeitet international in mehr als 12 Organisationen und etwa 200 dort angesiedelten Gremien unter anderem bei der Entwicklung internationaler Übereinkommen mit. Das BSH ist eine Bundesoberbehörde und Ressortforschungseinrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur mit Dienstsitzen in Hamburg und Rostock.

BLUE STRAW Kampagne geht weiter!

Plastikmüll in den Meeren ist ja inzwischen in aller Munde – und das nicht nur im übertragenen Sinne: wer heute Fisch isst, verspeist dabei munter zerbröseltes Plastikspielzeug, alte Tupperdosen und vor allem eins: Strohhalme. Die heißen zwar so, sind aber genauso aus Plastik wie die Sixpackringe und Feuerzeuge der letzten Party. Milliarden Plastikstrohhalme, die ein Schlürfen lang benutzt werden – um dann 500 Jahre im Meer zu treiben. Wenn sie nicht vorher im Magen von Pottwalen landen, die daran elendig verenden, oder in den Nasen von majestätischen Meeresschildkröten, die daran ersticken. Dieses Video hat inzwischen fast jeder gesehen. Und dennoch: „Sie sind so schön BUNT! Sie sind so schön BILLIG! Gibt es nichts Wichtigeres?“

So war die Stimmung, als wir 2014 anfingen, unsere Strohhalm-Kampagne zu entwickeln. Plastikstrohhalme? Ein Problem? Für die Meere?

Wir haben mit unserer BLUE STRAW Kampagne darauf aufmerksam gemacht und gezeigt, dass es Alternativen gibt. Und haben mit dieser Kampagne so viele Menschen überzeugt, dass wir durch ihr Voting die Google Impact Challenge 2016 gewonnen haben.

Seitdem hat sich in rasantem Tempo so viel getan!

Die Meere sind in den Fokus gerückt wie nie zuvor. Heute ist fast allen bewusst, dass sie für unser Überleben auf diesem Planeten essentiell sind. Er heißt nicht umsonst der BLAUE Planet.
Und heute kennen wir die Zahlen: Plastikstrohhalme sind nicht pille palle. Sie landen über die Flüsse und Strände – wie wir bei unseren Müllsammelaktionen am Elbstrand immer wieder sehen – in den Meeren. Und bilden einen Hauptteil der Plastikmüllsuppe, an der unsere Meere langsam aber sicher ersticken, wenn wir nichts dagegen tun.
Weltweit werden derzeit Verbote von Einwegplastikartikeln entwickelt und durchgesetzt. (By The Way: Deutschland ist darin mal wieder am lahmsten…) Nur was nützen Verbote, wenn es keine greifbaren Alternativen gibt?

Daher war die Ursprungsidee der BLUE STRAW Kampagne zu zeigen, dass es Alternativen gibt und – anhand einer App – vor allem WO es sie gibt.

Natürlich ging es uns erst einmal um STROH, aus dem die Strohhalme waren, als sie erfunden wurden. Gutes, geeignetes, biologisch angebautes Roggenstroh war 2014 noch Luxus und Nischenware. Heute kommen die wenigen Pioniere im Anbau der plötzlich gestiegenen Nachfrage kaum nach.

Stroh ist gut, wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt, die Strohhalme als Wegwerfding zu benutzen. In Bars, Clubs, Cafés, Mensen und Kantinen, Coffee Shops, Eisdielen, Strandbars, Restaurants, Hotels und Ressorts, zu Hause und in der Tasche für Unterwegs gibt es inzwischen viel mehr gute, coole, hippe Alternativen. Allen voran unzerbrechliches Glas.

Und es gibt viele Initiativen, die sich mit viel Elan dafür einsetzen, dass irgendwann in ganz naher Zukunft der allerallerletzte Plastikstrohhalm benutzt wird.

DEEPWAVE hat mit der BLUE STRAW Kampagne den Anfang gemacht, den wir jetzt gemeinsam mit anderen Initiativen weiterentwickeln werden.

Alle die DEEPWAVE kennen, wissen, dass Onno die Kampagne entworfen und vorangetrieben hat, und dass er, wenn er an diesem Montag im Oktober 2016 wiedergekommen wäre, an ihr weitergearbeitet hätte.

Das tun wir jetzt für ihn. Und für die Meere.

Euer DEEPWAVE Team

 

Gi­gan­ti­sches sub­ma­ri­nes Kaltwasserkorallen-Gebirge

Verschiedene Kaltwasserkorallen in orange, rot und in Brauntönen wachsen am Meeresgrund

© Wolf Wichmann

Pressemitteilung, 04.03.2018, MARUM

Internationales Forscherteam untersucht Korallenriffe vor Mauretanien

Auf einer Länge von etwa 400 Kilometern erstreckt sich am Meeresboden vor der Küste Mauretaniens die weltweit größte zusammenhängende Kaltwasserkorallenstruktur. Dr. Claudia Wienberg vom MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften an der Universität Bremen und ihre Kolleginnen und Kollegen haben untersucht, wie sich die Kaltwasserkorallen vor Mauretanien in den vergangenen 120.000 Jahren entwickelten. Ihre Ergebnisse haben sie in der Zeitschrift Quaternary Science Reviews veröffentlicht.

An­ders als tro­pi­sche Ko­ral­len, die in fla­chen, licht­durch­flu­te­ten Ge­wäs­sern le­ben, fin­det man Kalt­was­ser­ko­ral­len in Was­ser­tie­fen von meh­re­ren hun­dert bis tau­send Me­tern. Mehr als die Hälf­te der be­kann­ten, heu­te le­ben­den Ko­ral­len­ar­ten exis­tie­ren in völ­li­ger Dun­kel­heit in der Tief­see. Auch sie sind ge­schäf­ti­ge In­ge­nieu­re, die be­ein­dru­cken­de Ko­ral­len­rif­fe auf­bau­en. Maß­geb­lich an der Riff­bil­dung be­tei­ligt ist die Kalt­was­ser­ko­ral­len­art Lophelia pertusa. Sie ge­hört zu den Stein­ko­ral­len und bil­det stark ver­zweig­te, bus­ch­ar­ti­ge Ko­lo­ni­en. Wo vie­le sol­cher Ko­lo­ni­en ne­ben­ein­an­der exis­tie­ren, bil­den sich rif­far­ti­ge Struk­tu­ren, die neu­en Le­bens­raum bie­ten für ver­schie­de­ne an­de­re Tier­ar­ten wie Weich­ko­ral­len, Fi­sche, Kreb­se und Schwäm­me. Eine Kalt­was­ser­ko­ral­le sitzt ihr Le­ben lang fest ver­bun­den auf dem Sub­strat, auf dem die Lar­ve einst sie­del­te. Kalt­was­ser­ko­ral­len wach­sen be­vor­zugt auf ih­res­glei­chen und las­sen so über Zeit­räu­me von Jahr­tau­sen­den bis Jahr­mil­lio­nen rie­si­ge Struk­tu­ren am Mee­res­bo­den ent­ste­hen.

Alpen vor Mauretanien

Die welt­weit größ­te zu­sam­men­hän­gen­de Kalt­was­ser­ko­ral­len­struk­tur mit ei­ner Län­ge von etwa 400 Ki­lo­me­tern exis­tiert ent­lang der Mau­re­ta­ni­schen Küs­te. Hier er­rei­chen die Ko­ral­len­hü­gel Hö­hen von 100 Me­tern. „Die Grö­ße der Hü­gel und die Län­ge die­ser Struk­tu­ren ist wirk­lich spe­zi­ell. Im Grun­de ge­nom­men könn­te man hier tat­säch­lich von ei­nem Kalt­was­ser­ko­ral­len-Ge­bir­ge un­ter Was­ser spre­chen“, sagt Dr. Clau­dia Wien­berg vom MARUM – Zen­trum für Ma­ri­ne Um­welt­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Bre­men. „Vor Mau­re­ta­ni­en sind die ein­zel­nen Kaltwas­ser­ko­ral­len-Hü­gel ver­mut­lich über die Zeit zu­sam­men­ge­wach­sen. So et­was gibt es nir­gend­wo sonst in den Welt­mee­ren.“ Wien­berg war Teil ei­nes in­ter­na­tio­na­len Teams von Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern, das an Bord des For­schungs­schiffs MA­RIA S. ME­RI­AN die­ses Ge­biet in­ten­siv be­prob­te, um mehr über die Ent­wick­lung der Kalt­was­ser­ko­ral­len zu er­fah­ren. In ei­ner Stu­die, die im Wis­sen­schafts­jour­nal Quaternary Science Reviews ver­öf­fent­licht wur­de, stel­len sie und ihre Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen nun die Er­geb­nis­se vor.

Sauerstoffmangel versetzte Korallen in Ruhezustand

Prof. Dr. Nor­bert Frank und sein Team von der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg ana­ly­sier­ten Ko­ral­len­frag­men­te von der Ober­flä­che und aus ver­schie­de­nen Tie­fen des Mee­res­bo­dens und be­stimm­ten de­ren Al­ter. Mit die­sen und wei­teren Un­ter­su­chun­gen konn­ten die Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler nach­zeich­nen, wie sich die Kaltwasser­ko­ral­len vor Mau­re­ta­ni­en in den ver­gan­ge­nen 120.000 Jah­ren ent­wi­ckel­ten. So gab es in der Ver­gan­gen­heit im­mer wie­der Pha­sen, in de­nen die Wachs­tums­ra­ten Spit­zen­wer­te von 16 Me­tern pro 1000 Jah­re er­reich­ten. So schnell wächst nicht ein­mal das der­zeit größ­te Kalt­was­ser­ko­ral­len-Riff vor Nor­we­gen. Vor fast 11.000 Jah­ren sta­gnier­te das Wachs­tum der Mau­re­ta­ni­schen Ko­ral­len­hü­gel. Zu die­ser Zeit sind die Ko­ral­len wahr­schein­lich gänz­lich von den Hü­geln ver­schwun­den. Erst heu­te tau­chen dort wie­der ver­ein­zelt le­ben­de Kaltwas­ser­ko­ral­len auf. Das Wachs­tum der Ko­ral­len hängt von ver­schie­de­nen Um­welt­be­din­gun­gen ab, wie Was­ser­tem­pe­ra­tur, Sau­er­stoff­ge­halt, dem Nah­rungs­an­ge­bot und den vor­herr­schen­den Strö­mun­gen, die Nah­rung zu den un­be­weg­li­chen Kalt­was­ser­ko­ral­len trans­por­tie­ren. Von al­len Ein­flüs­sen mach­ten die For­schen­den den nied­ri­gen Sau­er­stoff­ge­halt von etwa 1 Mil­li­li­ter Sau­er­stoff pro Li­ter Was­ser als kri­ti­schen Fak­tor aus. „Das ist ex­trem we­nig. Ur­sprüng­lich wur­de an­ge­nom­men, dass bei 2,7 Mil­li­li­ter pro Li­ter die un­ters­te Gren­ze für Kaltwasserkorallen liegt, bei der sie zwar über­le­ben, aber kei­ne Rif­fe mehr bau­en kön­nen“, so Wien­berg. „Die ver­ein­zel­ten Kaltwasserkorallen auf den Hü­geln zei­gen zwar, dass sie zu­min­dest zeit­wei­se sehr ge­rin­ge Sau­er­stoff­ge­hal­te über­le­ben kön­nen, aber gut geht es ih­nen nicht.“

Die Er­geb­nis­se zei­gen, dass die Hoch­pha­sen der Kalt­was­ser­ko­ral­len, in de­nen die Hü­gel in die Höhe wuch­sen, mit Zei­ten zu­sam­men­fal­len, in de­nen mit Sau­er­stoff an­ge­rei­cher­te Was­ser­mas­sen aus dem Nor­den in das Ge­biet ström­ten. Wa­ren die Kalt­was­ser­ko­ral­len in der Ver­gan­gen­heit wie auch heu­te von sau­er­stoff­ar­men Was­ser­mas­sen aus dem Sü­den um­strömt, so wuch­sen die Hü­gel nicht oder nur sehr lang­sam. Je nach vor­herr­schen­dem Kli­ma ver­schob sich die Front zwi­schen die­sen Was­ser­mas­sen von Nord nach Süd und um­ge­kehrt, und die Ko­ral­len wur­den von sau­er­stoff­rei­chem, dann wie­der von sau­er­stoff­ar­mem Was­ser um­strömt.

Wien­bergs Theo­rie zu­fol­ge fan­den die Kaltwasserkorallen bei ex­trem nied­ri­gen Sau­er­stoff­ge­hal­ten in klei­ne­ren Schluch­ten zwi­schen den gro­ßen Hü­gel­struk­tu­ren Zu­flucht. In die­sen Can­yons fin­den sich heut­zu­ta­ge auch weit mehr Kalt­was­ser­ko­ral­len als auf den Hü­geln. Die schwim­men­den Ko­ral­len­lar­ven sind über eine ge­wis­se Stre­cke mo­bil, be­vor sie sich end­gül­tig nie­der­las­sen. So könn­ten Mi­gra­ti­ons­be­we­gun­gen von den Hü­geln in die Can­yons und – un­ter dem Ein­fluss der nörd­li­chen Was­ser­mas­sen – wie­der zu­rück statt­ge­fun­den ha­ben.

„Laut wis­sen­schaft­li­cher Pro­gno­sen wer­den sich die Zo­nen mit ge­rin­gem Sau­er­stoff­ge­halt in den Welt­mee­ren wei­ter aus­deh­nen“, so Wien­berg. „Auch wenn Kaltwasserkorallen eine hohe To­le­ranz zei­gen, so ist dies doch ein ent­schei­den­der Stress­fak­tor für die­se Öko­sys­te­me der Tief­see. Hin­zu kom­men die durch den Kli­ma­wan­del er­höh­ten Was­ser­tem­pe­ra­tu­ren so­wie die zu­neh­men­de Oze­an­ver­saue­rung.“

Diese Pressemittelung findet ihr beim MARUM.

Weitere Informationen zu Korallenriffen und die Auswirkungen der Klimakrise auf das Great Barrier Reef, findet ihr in unserem Forschungs- und Klimablog.

DBG: Lingulodinium polyedrum lässt das Meer leuchten

Nachtansicht von sich am Strand brechender Welle, die durch Lingulodinium polyedrum blau leuchtet

© MierCatPhotography / Pixabay

Pressemitteilung, 02. Januar 2013, Sektion Phykologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft

Algenforscher haben den Einzeller Lingulodinium polyedrum zur Alge des Jahres gewählt.
Der mit einem Panzer und zwei Geißeln ausgestattete Dinoflagellat fasziniert nicht nur die Forschenden sondern auch Skipper und Strandgänger, weil er sich unter bestimmten Bedingungen massenhaft vermehren und nachts das Meer blau leuchten lassen kann. Die Wissenschaftler, die den Dinoflagellaten auswählten und in der Sektion Phykologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft organisiert sind, wollen damit eine Algenart würdigen, deren Leuchtfähigkeit fasziniert, einen ausgeprägten Tag-Nacht-Rhythmus hat und als Sensor genutzt wird, wie PD Dr. Mona Hoppenrath vom Deutschen Zentrum für marine Biodiversitätsforschung DZMB bei Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven ausführt.

Schwimmt im Phytoplankton
Lingulodinium polyedrum gewinnt seine Energie wie Pflanzen durch Photosynthese und lebt deshalb in den lichtdurchfluteten oberen Schichten temperierter und warmer Meere. Wie alle Dinoflagellaten hat Lingulodinium zwei Geißeln, mit denen er sich im Wasser fortbewegt. Eine der beiden Geißeln treibt ihn mit Wellenbewegungen an, sodass sein Körper rotiert. So kam die Art zu ihrem Namen, da „dineo“ sich drehen oder wirbeln bedeutet. Nachts wandern Dinoflagellaten um sich rotierend mehrere Meter in die Tiefe, wo sie Nährstoffe aufnehmen, wie etwa Nitrat. Sind genügend Nährstoffe vorhanden, und hat das Meer eine für sie optimale Temperatur, kann sich der Flagellat massenhaft vermehren. Wie viele Dinoflagellaten ist Lingulodinium außen von einer Hülle aus stabilen Platten geschützt, weshalb diese Lebewesen im deutschen Sprachraum oft als „Panzergeißler“ bezeichnet werden. In unseren Breiten machen Dinoflagellaten gemeinsam mit Kieselalgen den Hauptteil des pflanzlichen Planktons aus. Unter für sie günstigen Bedingungen können sich Dinoflagellaten massenhaft vermehren und dann das Meer rötlich, orange oder braun färben, je nach den in ihnen enthaltenen Farbstoffen.

Wie der Dinoflagellat das Meer färbt
Lingulodinium polyedrum ist einer der wenigen Dinoflagellaten, die mit einer biochemischen Reaktion in ihrem Inneren blaues Licht erzeugen können. Dieses Biolumineszenz genannte Phänomen bewerkstelligt der Einzeller in winzigen, abgeschlossenen, organartigen Abteilen in seinen Zellen, den sogenannten Szintillonen, die das dazu notwendige Enzym und ein Binde-Eiweiß für das Substrat enthalten. Lingulodinium erzeugt blaue Lichtblitze, wenn Scherbewegungen an ihm rütteln oder die Zellen aufgebrochen werden und glimmt, besonders gegen Ende der Nacht. Werden mehrere Millionen Zellen gleichzeitig geschüttelt, etwa durch Boote oder sich brechende Wellen, verschwimmen Lichtblitze und Glimmen der einzelnen Zellen zu einem Leuchten. Das ist besonders gut an manchen Küsten während der Nacht zu beobachten. In unserer Region tritt das Phänomen im Sommer vor der Küste Helgolands auf, wo es allerdings von dem Dinoflagellaten Noctiluca erzeugt wird. An nordeuropäischen Küsten ist aufgrund des kühlen Klimas dagegen kaum mit einer Massenvermehrung von Lingulodinium zu rechnen.

Leuchten zur Feindabwehr?
Noch ist nicht endgültig geklärt, warum Lingulodinium polyedrum nachts überhaupt leuchtet. Einer bislang nicht widerlegten Hypothese zufolge locken die Dinoflagellaten damit Raubtiere an, die die sie selbst bedrohenden Feinde auffressen. „Versuche zeigten, dass Fische, die Räuber von Dinoflagellaten – beispielsweise kleine Krebse – fressen, in der Nacht effektiver jagen, wenn die Dinoflagellaten leuchten. Dies wird als „burglar alarm“ Hypothese, also als eine Art Alarmanlagenfunktion diskutiert“ erklärt Hoppenrath, die bereits 21 neue Arten der weltweit etwa 2000-2500 vorkommenden Arten von Dinoflagellaten erstmals beschrieben und mit einem Namen versehen hat. „Es ist wichtig, die einzelnen Arten zu benennen und wissenschaftlich exakt zu beschreiben, weil das die Grundlage für viele wissenschaftliche wie angewandte Disziplinen ist. Das ist wichtig für Ökosystem- oder Biodiversitätsforscher, für Evolutionsbiologen und für Menschen im Fischereiwesen“, fasst die auf die Klassifikation (Taxonomie) von Dinoflagellaten spezialisierte Biologin ihre Arbeit zusammen.

Mehr interdisziplinäre Forschung ist notwendig
Lingulodinium polyedrum wird mit Substanzen in Verbindung gebracht, die auch von anderen Panzergeißlern bekannt sind. Vermutlich ist er in der Lage, die als Yessotoxin und Saxitoxin bezeichneten Stoffe herzustellen, die in der Lebensmittelsicherheit eine Rolle spielen. Für den Menschen werden sie dann bedenklich, wenn sie in der Nahrungskette angereichert werden. Damit Menschen keine zu großen Mengen davon aufnehmen, weil sie Schalentiere wie Muscheln oder Krebse essen, die das Meerwasser filtrieren und diese Substanzen daher im Laufe ihres Lebens anreichern, hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) 2009 Grenzwerte für den Verzehr von Schalentierfleisch festgelegt. In welchen Mengen Lingulodinium polyedrum die beiden Stoffe produziert, ist aber bislang nicht exakt bestimmt. Da aber nie ganz auszuschließen ist, ob sich nicht auch andere, bedenklichere Organismen in den leuchtenden Wellen befinden, sollte Vorsicht beim Baden walten. Denn andere Arten von Dinoflagellaten können durchaus relevante Mengen Toxine produzieren, die dem Menschen auch ohne Verzehr gefährlich werden können. Daher sei es so wichtig, Dinoflagellaten genau zu klassifizieren, betont Hoppenrath. Zur weiteren Forschung sollten nicht nur Toxikologen oder Ernährungsforscher, sondern auch auf die Verwandtschaftsverhältnisse (Taxonomie) spezialisierte Biologen beitragen.

Lingulodinium hat ein Nachtleben
Für Lingulodinium polyedrum interessieren sich auch andere Forscher, weil er einem ausgeprägten Tag-Nacht-Rhythmus folgt. Das Meeresleuchten entsteht hauptsächlich nachts. „In der Nacht gibt es eine viel größere Anzahl von Szintillonen als am Tag. Diese enthalten die nachts auch vermehrt vorkommenden Eiweiße, die an der biolumineszenten Reaktion beteiligt sind, “, führt Professorin Dr. Maria Mittag aus, die den Regulatiosmechanismus eines dieser Eiweiße des Tag-Nacht-Rhythmus an Lingulodinium polyedrum erforschte, als dieser noch den wissenschaftlichen Namen Gonyaulax polyedra trug. Auch die Wanderung von den oberen Meeresschichten in die Tiefe werde bei Lingulodinium polyedrum von seiner inneren Uhr gesteuert. „Interessanterweise ist die Periode des Biolumineszenz-Rhythmus bei Lingulodinium aber etwas kleiner als 24 Stunden, im Gegensatz zum Menschen, bei dem der Schlaf-Wach-Rhythmus – ohne die tägliche Justierung durch den Wechsel von Sonne und Nacht- bei etwa 25 Stunden liegt“, erklärt Professorin Mittag.

Lingulodinium polyedrum fasziniert Biologen, weil er noch einige genetische Geheimnisse birgt. Bislang weiß niemand genau, warum dieser winzige Organismus viel mehr Erbsubstanz enthält, als der sehr viel größere Mensch oder warum die Gene für manche Eiweiße in tausenden von Kopien vorkommen, wie etwa die des genannten Bindeproteins oder das des Farbstoffes Peridinin, der ihm seine orange-braune Farbe verleiht. Die vielen Kopien erschweren es auch, ihn wissenschaftlich zu untersuchen, um etwa molekularbiologische Prozesse zu enträtseln.

Nutzung als Sensor
Wegen seiner Leuchtfähigkeit kann der Panzergeißler Lingulodinium polyedrum auch zum Messen von Giften und / oder neuen Wirkstoffen genutzt werden. Beispielsweise kann bei toxischen Substanzen der Zeitpunkt bestimmt werden, ab wann die meisten Lingulodinium-Zellen absterben und zerfallen, was am stärkeren Aufleuchten zu erkennen ist. Zum anderen können Lingulodinium-Zellen als Sensor für Versuche über Zellstress dienen, der sich ebenfalls über die Biolumineszenz messen lässt. „Als Testsystem eignet sich Lingulodinium besonders gut, weil er sich recht gut kultivieren lässt, weil schon einiges über ihn bekannt ist und die Biolumineszenz automatisiert zu messen ist“, erklärt Hoppenrath. „Außerdem kann mit diesem Einzeller die Zahl von Tierversuchen, mit denen sonst solche Erkenntnisse gewonnen werden, vermindert werden“.

Diese Pressemitteilung findet ihr bei der Sektion Phykologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft.

WWF: Gefahr von Ölschiffsunfällen ist groß

Tanker auf offener See

© Freiheitsjunkie / Pixabay

Pressemitteilung, 19. März 2009, WWF

Frankfurt – 20 Jahre nach der Havarie der Exxon Valdez in Alaska – einer der größten Umweltkatastrophen aller Zeiten – ist die Gefahr einer Wiederholung groß. Das ist das Ergebnis einer heute veröffentlichten WWF-Studie „Lessons not Learned“. Demnach gibt es noch immer keine Techniken, um im Falle einer Ölpest deren Folgen wirksam verringern zu können. Zugleich breitet sich die Ölindustrie in der Arktis immer weiter aus, und durch das Schmelzen des Eises auf den arktischen Meeren wird die Schifffahrt in bislang unzugänglichen Gebieten möglich. Der WWF verlangt deshalb „No-Go-Areas“ wenigstens für die empfindlichsten Meeresgebiete in der Arktis. So müssten etwa die Bristol Bay in Alaska, aber auch andere Regionen der Welt wie die Umgebung der Lofoten in Norwegen für die Durchfahrt von Tankern und für die Förderung von Öl gesperrt werden.

„In den letzten 20 Jahren hat sich nur wenig getan, was den Schutz der Arktis vor einer Ölpest verbessert hat“, so WWF Meeresexperte Hans-Ulrich Rösner. „Gleichzeitig ist das Risiko einer neuen Katastrophe gestiegen. Die Ölindustrie versucht an immer mehr Stellen der Arktis Öl und Gas auszubeuten. Und ausgerechnet der ebenfalls vom Menschen verursachte Klimawandel sorgt durch den Rückgang des Eises auch noch dafür, dass immer mehr arktische Meeresgebiete für die Industrie zugänglich werden, dort neue und riskante Schifffahrtsrouten entstehen können.“

Die Folgen des Unfalls der Exxon Valdez vor 20 Jahren sind nach den Ergebnissen der Studie noch heute dramatisch. Trotz eines riesigen Aufwandes bei der Bekämpfung dieser wohl teuersten Ölpest aller Zeiten sind erhebliche Mengen des Öls noch in der Umwelt vorhanden und leicht unter Steinen oder im Boden zu finden. Dies hängt auch mit der arktischen Umwelt zusammen, da Öl bei niedrigen Temperaturen langsam abgebaut wird.

„Viele wild lebende Arten und Fischgründe haben sich bis heute nicht erholt, die Lebensgrundlagen der Fischer wurden zerstört, und die Wirtschaft in Alaska hat Milliarden von Dollar verloren. Wir müssen weitere Unfälle dieser Art unbedingt verhindern“, so Rösner.

Der 300 Meter lange Großtanker Exxon Valdez war am 24. März 1989 im Prince William Sound in Alaska trotz guten Wetters auf Grund gelaufen. Danach liefen 40.000 Kubikmeter Rohöl aus und verpesteten das Ökosystem – mit riesigen Folgen für die Natur sowie für das Leben und die Kultur der Bewohner der Region. 2100 Kilometer Küste wurden verschmutzt, 250.000 Seevögel, 4000 Seeotter und 300 Robben starben. Auch die Wirtschaft Alaskas wurde schwer getroffen. Allein die Verluste für die regionale Fischerei betrugen mindesten 286 Millionen Dollar. Die Schäden für Natur und Wirtschaft halten bis heute an, denn noch immer befinden sich Gifte der Exxon Valdez in der Nahrungskette.

Diese Pressemitteilung findet ihr beim WWF.

Hüpft wie ein Frosch: Neuer Tiefseefisch entdeckt

Psychedelica am Meeresboden

© CC BY-SA 3.0 / Wikimedia Commons

Bei dem jetzt entdeckten Tiefseefisch Histiophryne psychedelica handelt es sich um eine neue Art, die der Art der Anglerfische und der Gattung der Histiophryne angehört. Psychedelica unterscheidet sich jedoch in vielen Merkmalen von anderen Anglerfischen, da er sich hüpfend fortbewegt: Er stößt sich mit den beinartig ausgeprägten Flossen vom Meeresboden ab und sinkt wieder zu Boden. Zudem besitzt er keine Angel oder einen anderen Köder, mit dem er seine Beute anlockt. Vielmehr ist er sehr scheu und tarnt sich mit seinem wild gemusterten Köper im Sediment. Allerdings ist Psychedelica – anders als andere Anglerfische – nicht in der Lage, seine Musterung an die Umgebung anzupassen. Auch sein weiteres Aussehen unterscheidet sich von anderen Arten: Seine gebogene Schwanzflosse und die Hautfalten lassen ihn wie einen Ball erscheinen und seine Augen sind – ähnlich wie unsere Augen – nach vorne gerichtet, sodass sich seine Sehbereiche überlappen.

Den Artikel „Psychedelischer“ Anglerfisch hüpft wie ein Frosch vom 26.02.2009 findet ihr bei SCINEXX.

Ein weiterer Tiefseefisch, der jedoch auch als Speisefisch auf unseren Tellern landet, ist der Orange Roughy. Wie wir in unserem Blogbeitrag Tag des Artenschutzes: Tiefseefisch – Orange Roughy erklären, ist er ist aufgrund der rücksichtslosen Fangmethoden vom Aussterben bedroht.

In dem Blogbeitrag So tarnen sich Fische in der finsteren Tiefsee erfahrt ihr außerdem, was Tiefseefische mit Paradiesvögeln gemeinsam haben.

Kalte Quellen: Forscher:innen gehen auf Tauchstation

Schwarzer Raucher vor schwarzem Hintergrund

© CC BY 4.0 / Wikimedia Commons

Forscher:innen haben die Biodiversität an Methanquellen in der afrikanischen Tiefsee untersucht. An sogenannten kalten Quellen existieren nur sehr angepasste Lebewesen, die ohne Licht, mit enorm hohem Druck und giftigen Verbindungen, die aus den kalten Quellen austreten, auskommen müssen. Trotzdem enthält der Meeresboden in der Nähe von kalten Quellen ein Drittel der weltweiten Biomasse: In einem Gramm Meeressediment können sich mehrere Milliarden Zellen von Bakterien und Archaeen befinden, da kalte Quellen – abgesehen von den genannten lebensfeindlichen Bedingungen – Methan und andere Kohlenwasserstoffe liefern, die sehr wichtig für anaerob lebende Bakterien sind. Indem die Bakterien durch ihre Aktivität eine gleichbleibende Konzentration der Kohlenwasserstoffe im Sediment sicherstellen, haben sie ebenfalls eine wichtige Rolle im Kohlenstoffgleichgewicht inne.

Den Artikel Forscher gehen auf Tauchstation von Christina Beck vom 27.02.2009 findet ihr bei SCINEXX. Dort ist auch der von den beteiligten Wissenschaftler:innen geführte Blog über die Expedition zu finden.

UPDATE: 2013 beweist eine internationale Gruppe, dass in der unter dem Sediment liegenden ozeanischen Erdkruste Leben existiert. Diese Erkenntnis stellen wir in dem Blogbeitrag Forscher:innen finden Leben in der ozeanischen Kruste vom 15.03.2013 dar.

Da die Bakterien in dem Tiefseeboden sehr unzureichend erforscht sind und gleichzeitig so einen großen Teil der Biomasse ausmachen, scheint es unverantwortlich, wirtschaftlichen Interessen wie dem Tiefseebergbau oder dem Fischfang in der Tiefsee nachzugehen. Wahrscheinlich würden wir Gleichgewichte zerstören, von denen wir nicht einmal ahnen, dass es sie gibt.

IDW: Walfang ist keine Lösung

Älterer Fischer auf einem Fischkutter hält ein Stück Fleisch in den Händen

© Robert Bahn / Unsplash

Pressemitteilung, 13. Februar 2009, Informationsdienst Wissenschaft

Studie einer Freiburger Wissenschaftlerin widerlegt die Hypothese, dass Großwale in tropischen Gewässern der Fischerei die Fische wegfressen

In den vergangenen Jahren haben Japan und andere Walfangnationen vermehrt behauptet, dass Wale in Hinblick auf Nahrungsressourcen in direkter Konkurrenz zur Fischerei stünden und Schuld seien am Rückgang und teilweisem Zusammenbruch von Fischbeständen. Aus diesem Grund, so argumentieren Walfangsbefürworter häufig, sei die Dezimierung von Walbeständen ein geeignetes Mittel, um Fischfangmengen zu erhöhen.

Die Meeresbiologin Dr. Kristin Kaschner, Gastwissenschaftlerin am Institut für Biologie I der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, ging der Aussage nach, dass Wale der Fischerei in den Gewässern Nordafrikas und der Karibik die Fische wegfressen. In Zusammenarbeit mit amerikanischen und kanadischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern entwickelte sie auf der Basis bereits vorhandener Daten Ökosystemmodelle der Meeresgebiete. Die Forscher simulierten, was passieren würde, wenn man die Walbestände in diesen Ökosystemen verringern würde. Die Ergebnisse dieser Studie sind jüngst als Artikel im Policy Forum von Science (Bd. 323, Issue 5916, S. 880-881, 2009) erschienen. Sie zeigen, dass, selbst unter Berücksichtigung der unsicheren Datenlage, eine komplette Ausrottung aller Großwale in den Forschungsgebieten nur zu einem sehr geringfügigen Anstieg der kommerziell genutzten Fischbestände führen würde. Anderseits konnte nachgewiesen werden, dass schon kleine Veränderungen im Fischereimanagement eine deutliche Vergrößerung der Fischbestände zur Folge hätten.

Japan als vehementer Befürworter des Walfangs wird in dieser Diskussion innerhalb der Internationalen Walfangskommission vor allem von Politikern aus neueren Mitgliedsstaaten in Nordwestafrika und der Karibik unterstützt. Es handelt es sich meist um Küstenländer, die an die subtropischen und tropischen Paarungsgebiete der Bartenwale angrenzen – Gewässer, in denen Bartenwale sich nur während der Paarung und zur Aufzucht ihrer Kälber aufhalten und in denen sie gewöhnlich fast nichts fressen.

Trotzdem wird das Thema der Nahrungskonkurrenz zwischen Walen und Fischerei auf den jährlich stattfindenden Treffen der Internationalen Walfangskommission stets neu diskutiert. Es würden wertvolle Zeit und Energie verschwendet, die dafür verwendet werden könnten, um konstruktive Lösungsstrategien zu entwickeln für den schwelenden Dauerkonflikt zwischen Walfängern und Walfangsgegnern, so Kaschner.

Die Wissenschaftler schlussfolgern aus ihrer Arbeit, dass Walfang keinesfalls eine Lösung für die massiven Fischereiprobleme von Entwicklungsländern ist. Stattdessen sollten diese Probleme im größeren Kontext einer globalen Fischereikrise gesehen werden, bei der Faktoren wie lokales Missmanagement, Ausbeutung von tropischen marinen Ressourcen durch Industrienationen sowie auch die Auswirkungen des Klimawandels berücksichtigt werden müssten.

Diese Pressemitteilung findet ihr beim Informationsdienst Wissenschaft.

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