Forschung

Was die Forschung untersucht und herausfindet, wird durch  Wissenstransfer greifbar und verständlich.
Und ermöglicht so sinnvolles und effektives Handeln für die Meere .

Schätze am Meeresboden schützen

Eine gemalte Darstellung vom Tiefseebergbau

© WWF Portugal

Pressemitteilung, 10.02.2021, WWF

WWF: Tiefseebergbau ist eine vermeidbare Umweltkatastrophe / Weltweites Moratorium gefordert

Der heute veröffentlichte WWF-Bericht „In Too Deep: What We Know, And Don’t Know, About Deep Seabed Mining“ skizziert die wichtigsten ökologischen und sozialen Risiken des Tiefseebergbaus, die mit der Zulassung dieser Industrie verbunden wären. Laut WWF hätte der kommerzielle Abbau von marinen mineralischen Rohstoffen wie Kobalt, Lithium und Nickel in Tausenden Metern Wassertiefe aller Voraussicht nach zerstörerische Auswirkungen auf die Ökosysteme und die Artenvielfalt der Tiefsee.

Auch die globale Fischerei, Lebensgrundlage von weltweit etwa 200 Millionen Menschen, insbesondere in Entwicklungsländern, könnte beeinträchtigt werden. Außerdem könnten großflächige Eingriffe am Meeresgrund die Kohlenstoff- und Nährstoffkreisläufe im Meer gefährden.

„Einige industrielle Akteure behaupten, dieser Rohstoffabbau in der Tiefsee sei notwendig, um die Nachfrage nach Mineralien zu befriedigen, die in Batterien für Elektroautos und in den elektronischen Geräten in unseren Taschen stecken. Aber hier sind die Prioritäten wohl falsch gesetzt“, sagt Tim Packeiser, WWF-Experte für Tiefseebergbau. „Wir können unsere bereits belasteten Meere nicht noch weiter zerstören. Stattdessen sollten vorhandene Materialien besser recycelt werden. Statt einen Run auf die Tiefsee zu eröffnen, müssen wir in die Entwicklung rohstoffsparender Produktionsweisen und alternativer Produkte investieren und insgesamt unseren Verbrauch senken.“ Die Unterstützung des industriellen Tiefseebergbaus läuft der Idee einer Kreislaufwirtschaft und den Zielen der Agenda 2030 der Vereinten Nationen zuwider.

Auch die Behauptungen von Tiefseebergbau-Akteuren hinsichtlich der Möglichkeiten, Umweltschäden zu mindern, betrachtet der WWF skeptisch. „Angesichts der Langsamkeit der Tiefseeprozesse ist es unwahrscheinlich, dass sich zerstörte Lebensräume innerhalb menschlicher Zeiträume erholen. Vorsorge muss deshalb das leitende Prinzip für alles Handeln in der Tiefsee sein“, betont Tim Packeiser. Durch Bergbauaktivitäten am Meeresgrund aufgewirbelte Sedimente und der Wiedereintrag von Abraum ins Meer können riesige Trübungswolken bilden, die mit den Meeresströmungen weit über die eigentlichen Abbaugebiete hinausgetragen werden. Letztlich tragen die Allgemeinheit und der gesamte Planet die Risiken, während sich die wirtschaftlichen Vorteile des Tiefseebergbaus auf wenige Unternehmen beschränken werden. Dabei gilt der Meeresboden außerhalb nationalstaatlicher Grenzen laut Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen als „Gemeinsames Erbe der Menschheit“.

Der WWF fordert ein weltweites Moratorium für den Tiefseebergbau, bis die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen umfassend verstanden sind und bis bewiesen ist, dass Tiefseebergbau in einer Weise betrieben werden kann, die den effektiven Schutz der Meeresumwelt gewährleistet und den Verlust der Artenvielfalt verhindert. Zudem sollten zuvor alle alternativen Möglichkeiten, unseren Rohstoffverbrauch durch Kreislaufwirtschaft zu minimieren, ausgeschöpft werden. „Mit dem Wissensstand von heute ist Tiefseebergbau ein unverantwortliches Risiko. Bevor nicht bewiesen ist, dass großflächiger Rohstoffabbau ohne erhebliche Auswirkungen auf die hochsensiblen Lebensgemeinschaften der Tiefsee betrieben werden kann, darf gar nicht erst damit begonnen werden. Die Tiefsee selbst ist der Schatz“, so Tim Packeiser.

Diese Pressemitteilung und den zugehörigen WWF Report „In Too Deep: What We Know, And Don’t Know, About Deep Seabed Mining findet ihr beim WWF.

Weitere Informationen zum Tiefseebergbau könnt ihr bei unserer Kampagne DEEP SEA und in unserem Tiefseeblog nachlesen.

Erstmals Glyphosat-Nachweis im Meer

Pressemitteilung, 14.12.2020, IOW Leibnitz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde

IOW entwickelt neue Methode und führt erfolgreiche Messungen in der Ostsee durch

Glyphosat ist einer der weltweit meistgenutzten Unkrautvernichter. Das umstrittene Herbizid,
das unter anderem im Verdacht steht, krebserregend zu sein, wird auch in Deutschland
intensiv genutzt. Vom Land gelangt es in Flüsse, die es ins Meer spülen. Wie viel sich dort
findet, war allerdings bisher unbekannt, denn in Salzwasser waren Glyphosat und sein
Abbauprodukt Aminomethylphosphonsäure (AMPA) aus methodischen Gründen nicht
nachweisbar. Marisa Wirth vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) hat
nun eine neue Methode entwickelt, mit der beide Stoffe im Meer zuverlässig gemessen
werden können. Damit konnte sie Glyphosat und AMPA erstmals in der Ostsee nachweisen.
Glyphosat, das als sogenanntes „Totalherbizid“ vor allem in Landwirtschaft, Gartenbau und
Industrie genutzt wird, aber auch in Privathaushalten häufig zur Anwendung kommt, gelangt
durch Regen- und Winderosion von den Einsatzflächen in Bäche, Flüsse und Seen.
Dementsprechend kann es gemeinsam mit seinem durch biologische Prozesse entstehenden
Abbauprodukt, der Aminomethylphosphonsäure (AMPA), weltweit im Süßwasser
nachgewiesen werden. IOW-Forscher konnten beide Stoffe auch schon in Ästuaren
nachweisen, die in die Ostsee münden, niemals jedoch im Meer selbst. Wie toxisch das
Herbizid auf Meeresorganismen wirkt, ist nicht abschließend geklärt.
„Als Grundvoraussetzung, um das Gefahrenpotenzial einer Substanz für ein Ökosystem
beurteilen zu können, muss man zu allererst herauszufinden, ob und in welchen
Konzentrationen die Substanz dort nachgewiesen werden kann“, hebt Marisa Wirth hervor,
die sich in ihrer Doktorarbeit am IOW auf den Nachweis von Glyphosat in Umweltproben
spezialisiert hat. „Ausgangspunkt für unsere aktuelle Studie war daher die Frage, ob
Glyphosat und AMPA tatsächlich nicht im Meer ankommen – etwa durch biologischen
Abbau und Ablagerung in den Fließgewässern –, oder ob es schlichtweg methodische
Schwierigkeiten sind, die bislang einen Nachweis in marinen Ökosystemen verhindert
haben“, erläutert die Meereschemikerin weiter.
Eine aus den Ästuar-Studien bekannte Hürde für einen zuverlässigen Nachweis im Meer ist die
starke Verdünnung der beiden Zielsubstanzen, je weiter man sich von den Flussmündungen
entfernt und Proben im offenen Meer nimmt. „Bevor man Glyphosat und AMPA mit
instrumentellen Mitteln – Flüssigchromatographie und Massenspektrometrie – überhaupt
messen kann, werden die Proben so stark aufkonzentriert, dass die Geräte die Substanzen
erfassen können“, schildert Wirth einen wichtigen Arbeitsschritt in der Glyphosat-Analytik. Bei
Meerwasserproben erwies sich für diesen Schritt bislang das darin enthaltene Salz als
Problem: Bei der Festphasenextraktion, mit der man die Aufkonzentration erreicht und bei der
die Zielsubstanzen aus einer flüssigen Probe erst an ein festes Trägermaterial gebunden und
danach wieder in ein sehr viel kleineres Flüssigkeitsvolumen überführt werden, verhindern die
Salzionen die Bindung der Glyphosat- und AMPA-Moleküle an die feste Phase. „Unsere
Zielsubstanzen ‚rauschen‘ also quasi ungehindert durch die Festphase durch und gehen
verloren, weil das Salz alles blockiert“, so Wirth. Auch bei der eigentlichen Messung können
die Salze Störeffekte hervorrufen und instrumentelle Signale verschieben oder unterdrücken,
so dass keine zuverlässige Analyse möglich sei, führt die Chemikerin aus.
Um die Salz-Störeffekte bei der Probenaufkonzentration in den Griff zu bekommen, testete
Wirth verschiedene Trägermaterialien für die Festphasenextraktion und konnte als geeignetes
Material schließlich ein Polymer identifizieren, das durch sogenannte molekulare Prägung
hochselektiv Glyphosat und AMPA bindet und zugleich unempfindlich gegenüber dem Salz
der Meerwasserproben ist. Außerdem etablierte sie erfolgreich einen zusätzlichen
Aufreinigungsschritt vor der instrumentellen Messung, der eine störungsfreie Analytik erlaubt.
Nach gründlicher Validierung der neuen Methode, auch für unterschiedliche Salzgehalte
zwischen 5 und 20 bzw. 35, wie sie typischerweise in der Ostsee und in den offenen Ozeanen
auftreten, wurde das Verfahren an natürlichen Umweltproben von sieben verschiedenen
Beprobungsstellen in der Westlichen Ostsee getestet. Beide Substanzen, sowohl Glyphosat,
als auch sein Abbauprodukt AMPA konnten nachgewiesen werden – damit erstmals im Meer.
Die Glyphosatkonzentrationen zwischen 0,42 und 0,49 ng/l waren, unabhängig von der
Entfernung zur Küste, recht konstant mit Ausnahme einer Messung von 1,22 ng/l in der
inneren Lübecker Bucht. Die AMPA-Konzentrationen (maximal 1,47 ng/l) waren in der Nähe
von Flussmündungen deutlich höher als weiter draußen im Meer, wo sie zum Teil unter die
Nachweisgrenze der neuen Methode fielen.
„Mit der am IOW entwickelten Glyphosat- und AMPA-Analytik können wir erstmals in
Konzentrationsbereichen unterhalb von 1 ng/l messen, wie sie in marinen Ökosystemen zu
erwarten sind – und das störungsfrei bei allen Salzgehalten, die man in den unterschiedlichen
Meeresgebieten der Welt findet“, sagt Marisa Wirth. Die jetzt in der Ostsee gemessenen Werte
lägen weit unterhalb der Konzentrationen, die für Menschen oder Meeresorganismen als
bedenklich diskutiert werden. Aber da bisher nur diese punktuellen Messungen vorliegen, sei
noch keine Datenbasis für eine Einschätzung vorhanden, inwieweit die Ostsee durch diese
Stoffe gefährdet ist, so Wirth weiter. „Wir haben jetzt aber eine hinreichend sensitive und
zuverlässige Methode, mit der man ein aussagefähiges Umweltmonitoring im Meer für beide
Substanzen durchführen kann. Auch sind jetzt Studien möglich, die sich mit aktuellen
Forschungsfragen beschäftigen, beispielsweise mit Transport, Beständigkeit oder Abbau von
Glyphosat und AMPA in der Meeresumwelt“, kommentiert die IOW-Forscherin abschließend.

Diese Pressemitteilung findet ihr beim IOW.

Welche Auswirkungen diese Umweltgifte auf große Meeressäuger wie Wale haben, erfahrt ihr in unserem  Forschungsblog.

 

 

Kehren die großen Räuber in die Nordsee zurück?

Pressemitteilung, 26.11.2020, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

Forschungsverbundprojekt BioWeb gestartet.

Senckenberg-Wissenschaftlerin Ingrid Kröncke koordiniert das neu gestartete Forschungsverbundprojekt „BioWeb“. Ziel der Projektpartner*innen ist es, die Veränderungen in der Artenvielfalt und in den Nahrungsnetzen der Nordsee zu untersuchen. Zudem sollen Lösungen für eine ökologisch, ökonomisch und sozial verträgliche zukünftige Nutzung entwickelt werden.

Wie sieht die Nordsee in zwanzig Jahren aus? Und welche Konsequenzen haben die rasanten Änderungen der Umwelt für die Artenvielfalt, die Nahrungsnetze und die Menschen, die von und mit der Nordsee leben? Diese Themen werden im neuen Forschungs-Verbundprojekt „BioWeb“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, untersucht. „Vor allem die Akteur*innen vor Ort im Nordseeküstenbereich, zu denen die lokale Fischerei, Aquakultur, Wirtschaft, Tourismus sowie Politik und Verwaltung gehören, brauchen Lösungsvorschläge, wie eine ökologisch, ökonomisch und sozial verträgliche zukünftige Nutzung der Nordsee aussehen kann und welche Möglichkeiten der Anpassung es für sie gibt“, so Frau Prof. Dr. Ingrid Kröncke von Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven und Koordinatorin des Verbundprojektes, zu denen auch das Alfred-Wegner-Institut, die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover und das Thünen-Institut für Seefischerei gehören.

Im Vergleich zur globalen Situation ändern sich die Artenvielfalt und das Nahrungsnetz der Nordsee besonders schnell, unter anderem angetrieben durch massive Zunahme der wirtschaftlichen Aktivitäten sowie durch den Klimawandel. Allerdings gibt es auch positive Signale: Wertvolle Fischbestände profitieren vom nachlassenden Fischereidruck und verminderte Nährstofffrachten der großen Flüsse wirken sich positiv auf die Eutrophierung der südlichen Nordsee aus. „Wie sich die Vielzahl der verändernden Faktoren auf die Zusammensetzung und Funktionsweise der Nahrungsnetze in der Nordsee auswirken und zusammenspielen werden, ist dagegen weitgehend unbekannt“, erklärt Kröncke.

Daher sollen in dem neuen Projekt vorhandene Daten aus vielen einzigartigen Langzeitreihen kombiniert werden, um besser zu verstehen, wie sich zukünftige Änderungen auswirken könnten – von der Verfügbarkeit der Nährstoffe an der Basis der Nahrungsketten bis hin zu großen Räubern, wie Thunfischen und Kegelrobben am oberen Ende. Dies sind die Grundlagen für Zukunftsszenarien, wie die Nordsee sich entwickeln wird, und damit Handlungsspielräume aufzeigen zu können. Kröncke hierzu: “Mit diesem Ansatz werden wir der Gesellschaft die notwendigen Entscheidungsgrundlagen bieten, die für Weichenstellungen zu einer nachhaltigen Nutzung der Nordsee gebraucht werden“.

Diese Pressemitteilung findet ihr bei der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung.

Was es mit der Idee, Treibhausgase unter der Nordsee zu speichern, auf sich hat, könnt ihr in unserem Forschungs- und Klimablog nachlesen.

 

 

Squalen in Covid-19 Impfungen erhöht Druck auf Haie

In dunklem Wasser kommt von der Seite ein grauer Hai ins Bild geschwommen.

© David Clode / Unsplash

Gebt Haien eine Stimme und unterschreibt die Petition Stop Using Sharks in COVID-19 Vaccine – Use EXISTING Sustainable Options.

Update vom 16. OktoberSharks, Squalene, and a SARS-CoV-2 vaccine

Laut der roten Liste der International Union for Conservation of Nature IUCN sind jetzt schon ein Viertel aller Haispezies aufgrund von Haifischflossenhandel, Umweltverschmutzungen und Fischerei gefährdet. Und wäre das nicht schon Druck genug für die Tiere, wird vermehrt Squalen in Covid-19 Impfungen eingesetzt.

Squalen ist ein Bestandteil des Leberöls von Haien. Man findet es in vielen Supplementen und in Kosmetikartikeln wie Make-Up, Sonnencreme und Nagellack. Jetzt wird es aufgrund seiner immunantwortverstärkenden Eigenschaft in der Forschung für einen Covid-Impfstoff benutzt. Hai-Squalen ist bereits in vielen Impfstoffen gegen Influenza- und Coronaviren vorhanden. Durch die aktuelle Situation steigt die Nachfrage erheblich.

Dass es andere, tierleidfreie und umweltfreundliche Squalenquellen gibt, wird außer Acht gelassen. Aus einigen Bakterien und Pflanzen wie Oliven und Zuckerrohr kann man den Stoff extrahieren. Doch diese Art der Gewinnung ist deutlich zeitintensiver, aufwendiger und verursacht somit ungefähr 30% mehr Kosten als die Entnahme aus der Haileber.

Um eine Tonne des Leberöls herzustellen, benötigt man 2500 bis 3000 Haie und so werden schätzungsweise 2,7 Millionen Haie jedes Jahr für den regulären Squalenbedarf getötet. Diese Zahl wird erheblich ansteigen, wenn sich die Nachfrage für Impfstoffe weiter erhöht. Je nach Dosis würden im schlimmsten Fall nach einer Hochrechnung bis zu 500000 Haie ihr Leben lassen. Diese Zahl beschreibt das Szenario von zwei Impfungen pro Person pro Jahr. Wenn die Impfung aber öfter verabreicht werden muss, zum Beispiel saisonal, erhöht sich diese Zahl dramatisch.

Wenn ihr in Zukunft Produkte ohne tierisches Squalen kaufen wollt, achtet sowohl auf „squalene“ als auch auf „squalane“ in der Produktbeschreibung. Informiert euch über die Herkunft der Inhaltsstoffe, denn oft wissen selbst die Unternehmen nicht, aus welchen Quellen sie das Squalen beziehen.

Weitere Informationen zu Hai-freien Produkten findet ihr bei den Shark Allies.

Schaut euch auch unseren Beitrag zur EU-Bürgerinitiative gegen Haifischflossenhandel an.

 

 

Forscher rätseln über Orca-Angriffe

Eine Gruppe von vier Orcas mit einem Orca im Vordergrund schwimmt im blauen Meer an der Wasseroberfläche

© NOAA / Unsplash

Das Beutespektrum von Orcas ist groß. Sie jagen Pinguine, Robben, Schwarmfische und sogar Haie. Der Mensch taucht unter diesen Schwertwalleckerbissen nicht auf. In Spanien ist man jetzt allerdings in Alarmbereitschaft, weil Orcas immer wieder Boote gerammt und beschädigt haben. Wissenschaftler:innen sind diese Orca-Angriffe ein Rätsel.

Die vermeintlichen Angreifer werden durch den Menschen vielfach bedroht. Orcas stehen ganz oben in der Nahrungskette und sind somit stark von der Schadstoff- und Müllverschmutzung betroffen. Giftstoffe gelangen durch falsche Entsorgung ins Meer und reichern sich im Körper der Tiere an. Plastikteile werden mit Nahrung verwechselt und verschluckt oder durch andere Lebewesen, die bereits Plastik im Organismus haben, konsumiert. Die Ortung von echter Nahrung wird außerdem durch Schiffslärm gestört.

Viele werden bei diesen Vorfällen an die bildstarken Beschreibungen genau solcher Angriffe aus dem Roman „Der Schwarm“ von Frank Schätzing erinnert. Versuchen sich die Orcas mit ihren Kollisionen Gehör zu verschaffen?

Beim Spiegel findet ihr den zugehörigen Artikel.

Nur die Weichen bleiben

Links und rechts ragen zwei große, bunt bewachsene Steinkorallen aus dem Meeresboden, im Hintergrund tummeln sich kleine Fische

© Fezbot2000 / Unsplash

Korallenriffe, wie das berühmte Great Barrier Reef an der australischen Ostküste, verschwinden zunehmend. Genau wie bei anderen Ökosystemen auch sorgt der Klimawandel bei den Korallen für eine Verschiebung der dominanten Arten. Vor allem Steinkorallen – diejenigen, die für die Bildung großer Riffe zuständig sind – sind gefährdet. Weichkorallen wie die Lederkorallen oder die Gorgonien hingegen sind anders aufgebaut und können sich besser an veränderte Bedingungen anpassen. So ergeben sich neue Zusammensetzungen, die sich auf das ganze Ökosystem Meer auswirken. Meeresbiologin Andrea Quattrini vom National Museum of Natural History in Washington hat diese Auswirkungen jetzt untersucht und ihre Ergebnisse zusammengetragen.

Süddeutsche Zeitung, 31.08.2020, Autorin: Tina Baier

Trotz Klimakrise wird es weiter Korallen geben. Allerdings keine mehr, die Riffe bilden. Was bedeutet das für den Menschen?

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Veränderung des Klimas das Überleben der Korallen bedroht. Nach neuen Erkenntnissen gibt es die Nesseltiere seit 770 Millionen Jahren. Sie haben also schon öfter starke Veränderungen sowohl des Klimas als auch der chemischen Zusammensetzung der Ozeane mitgemacht.

[…]

Den vollständigen Artikel findet ihr bei der Süddeutschen Zeitung.

Weitere Informationen zu Korallenriffen könnt ihr in unserer Themenübersicht finden und in unserem Factsheet Korallenriffe: Bedrohte Paradiese der Meere.

 

 

Tassen statt Tampons: die Meere schützen

Eine Frau mit blauem DEEPWAVE T-Shirt steht lachend am Rheinufer und wirft eine pinke Tasse (Menstruationscup) in die Luft, die ihr in die geöffnete Hand fallen wird.

© DEEPWAVE / Bea Baurmann

Für die Projektvorstellung August 2020 der Organisation one for the planet e.V. haben wir ein kleine Kampagne enwickelt, über die auf deren Website bis zum 31. August  abgestimmt werden konnte.

Unsere Gründungsidee und Hauptaufgabe ist es ja, Wissen zu teilen, um sinnvoll handeln zu können.
Für unsere Arbeit als NGO bedeutet das auch, dieses Wissen in konkreten Projekten und Kampagnen umzusetzen. Seit Anbeginn klären wir über die Problematik von Mikro- und Nanoplastik in den Meeren auf und mit unserer BLUE STRAW Kampagne haben wir anhand des Plastiktrinkhalms beispielhaft zeigen können, wie überflüssig Single Use Items sind und wie gefährlich für unsere Meeresumwelt.

Hier setzt unsere Kampagne Tassen statt Tampons: die Meere schützen an: Auch hier geht es darum, Alternativen für Einwegprodukte zu finden, die allzu oft in den Meeren landen, und diese Alternativen den Mädchen und Frauen vorzustellen, die nicht so leicht dazu Zugang haben.

Irgendjemand hat einmal ausgerechnet, dass eine Frau im Laufe ihres Lebens 10.000 Tampons benutzt, wir haben es hier also nicht mit einem Bagatellproblem zu tun. Abgesehen von der absurden Ressourcenverschwendung ist es kein Wunder, dass davon welche im Meer landen, direkt vom Strand, den Dünen oder über die Böschungen der Flüsse, inkl. rasch aufgerissener Verpackung. Ist ja nur so ein Fitzelchen. Menstruationstassen halten bis zu 10 Jahren. Das heißt abgesehen von allen anderen Vorteilen bräuchte eine Frau im Laufe ihres Lebens davon: vier.

Zeichnung eines Strandes von oben mit Wellensaum, an dem ein Tampon liegt, der Tampon ist als Foto dazugefügt, mit einem zweiten Tampon, der sich ins Meer auflöst

© DEEPWAVE / Illustration: Anna Mandel

Mit der finziellen Unterstützung der one-for-the-planet-Community könnten wir Menstruationstassen kaufen und diese verschenken. In Brennpunktschulen und Flüchtlingsprojekten, zu denen wir persönlichen Kontakt haben. So bieten wir Mädchen und Frauen die Möglichkeit, die Menstruationstasse auszuprobieren, die noch nicht von diesem Konzept gehört haben oder sich diese Investition nicht leisten können. Wir möchten ihnen ermöglichen, gesünder, angenehmer, kostengünstiger und auch selbstbewusster mit ihrer Periode umzugehen.

Und gleichzeitig betreiben wir dabei aktiven Meeresschutz, indem wir darüber aufklären, was solche Single Use Items anrichten, und dazu beitragen, dass weniger davon ins Meer gelangen. Jeder auch noch so minimale Kunststoffanteil bleibt und bleibt und bleibt im Meer… Und daher ist jede scheinbar noch so winzige Veränderung in unserem Alltagsleben entscheidend: jede Tasse zählt.

Aktualisierung

Die one-for-the-planet-Community hat für unser Projekt abgestimmt: wir können mit der Kampagne starten.

Herzlichen Dank an alle Unterstützer:innen!

Die aktualisierte Projetkbeschreibung findet ihr auf der Seite von one for the planet.

Mission Erde: Alexander Gerst und Antje Boetius tauchen ab

Alexander Gerst und Antje Boetius im Tiefsee U-Boot

© AWI/Joachim Jakobsen

Alexander Gerst begibt sich für die Fernsehserie “Mission Erde” an Orte, bei denen mittels Forschung versucht wird, das fragile Ökosystem Erde besser zu verstehen. Auf seiner Expeditionsreise traf er auch die Wissenschaftlerin und Leiterin des Alfred-Wegener-Institutes Antje Boetius, um mit ihr in die Tiefsee der Azoren abzutauchen. Anlässlich dieses vom SWR beauftragten Projekts haben wir mit Antje Boetius über ihre gemeinsame Reise gesprochen, ihre Begegnung mit einem Astronauten, den Schutz der Tiefsee und warum eine Tauchfahrt in die Tiefen der Meere zu einem ebenso entscheidenden Perspektivwechsel führen kann wie eine Reise ins All.

DEEPWAVE (DW): Aus dem Weltall betrachtet verschwinden alle Grenzen. Schon die ersten Astronauten in den 60ern berichteten von dieser einzigartigen Erfahrung, die Erde im Ganzen zu sehen. Wie von dort oben alles mit allem verbunden ist, doch auch wie ungeschützt wir sind. Alexander Gerst selbst sagte einmal, dass er dieses Erlebnis jedem von uns wünscht, damit wir mit eigenen Augen sehen, wie wir die Welt verändern. Aus welchem Grund wünschst du uns allen einmal die Tiefsee zu erleben?

Antje Boetius: Es ist schon ein einzigartiges Gefühl, in die Tiefe der Meere abzutauchen. Auch wenn ich nun schon öfter in den Genuss gekommen bin, jedes Mal fasziniert es mich aufs Neue, wenn das Sonnenlicht schon nach 100 Metern schwindet, die Blaufärbung sich in Schwarz verwandelt und man so versteht, dass die Tiefsee ein riesiger Raum des Planeten Erde ist. Dieser Perspektivwechsel ist anders als bei Astronauten, anstatt die Erde als kleine blaue Murmel wahrzunehmen, die etwas schutzlos im Universum kreist, taucht man in ihren Bauch und begreift seine eigene Winzigkeit und die gigantischen Dimensionen dieses unbekannten Raumes. Ich würde sagen, das macht etwas demütiger, aber gleichzeitig auch so neugierig.

DW: Der Weltraum und die Tiefsee könnten in vielerlei Hinsicht nicht verschiedener sein. Die Leere des Vakuums, verglichen mit unvorstellbarem Druck. Freie Sicht bis in entfernte Galaxien oder nur soweit die Scheinwerfer reichen. Absolute Stille verglichen mit Walgesängen, die über den ganzen Erdball zu hören sind. Hast du jetzt, wo du mit Alexander Gerst unterwegs warst, noch mehr ein Gefühl für die Einzigartigkeit der Tiefsee? Oder ging es in euren Gesprächen eher um die Gemeinsamkeiten, die Schwärze, das Schweben, die Enge oder Freiheit?

Boetius: Wir haben über beides viel gesprochen – vor allem über die Gemeinsamkeit, dass in der bemannten oder wie Alexander sagt „bemenschten“ Raumfahrt und Tiefseeforschung ein nicht zu unterschätzender Perspektivwechsel entsteht. Dass es wichtig ist, dass die internationale Gemeinschaft dafür die notwendigen Techniken vorhält, auch wenn Roboter immer besser im Erkunden werden. Es gibt viel Gemeinsames, wie das Bewusstsein für lebenserhaltende Versorgung durch Technik und Umwelt – das vielen Menschen fehlt, weil man sich so gar keine Gedanken machen muss, woher die Luft zum Atmen kommt und die Energie zum Leben. Und wir haben festgestellt, dass die unbedingte Neugierde und Lust auf das Erkunden und Verstehen fremder Räume in der Kindheit ein ganz starkes Gefühl ist.

DW: Du hast einmal von der Biolumineszenz gesagt, sie sei dort unten wie eine sternenklare Nacht im Gebirge, nur dass sich alle Sterne bewegen und blinken wie in der wildesten Disco. Konntet ihr beim Tauchgang selbstleuchtendes Leben sehen?

Boetius: Die Azoren, wo wir getaucht sind, sind da wirklich spektakulär. Es ist im U-Boot eine Herausforderung, alles so dunkel zu machen, dass man dieses Disco-Gefühl erreicht, was bedeutet, dass man auch die kleinen treibenden Lebewesen funkeln sehen sollte. Aber Joachim Jakobsen, der Pilot, hat uns das ermöglicht. Es war ein echter Wow-Moment für uns alle. Gerade weil die Lula 1000 eine große Plexiglas-Kuppel hat, kann man völlig eintauchen in die vielen Lichtsignale der Tiefseelebewesen.

DW: Die Biolumineszenz in der Tiefsee dient unter anderem der Kommunikation, man geht davon aus, dass mehr Lebewesen per Lichtsignal als akustisch kommunizieren. Spürt man diese Kommunikation, wenn man da mittendrin ist?

Boetius: Auf jeden Fall ist da viel Licht, und wir haben noch gar nicht erforscht, für was das alles gut ist. Es ist ja so, dass man Tiefseelebewesen nicht im Labor beforschen kann, man muss hintauchen, und an sich Stunden und Tage einfach mit Zusehen verbringen. Wir glauben, dass alle Formen von Verhalten und Kommunikation – Räuber/Beute, Sex, Kooperation, Verstecken, Vortäuschen und vieles mehr – durch Licht organisiert werden kann. Aber das gilt auch für Geräusche, die noch weniger beforscht sind. Die wenigsten Tiefsee-U-Boote und Roboter und auch leider nur sehr wenige Tiefseeverankerungen haben akustische Rekorder, da stehen wir ganz am Anfang. Aber wenn man hinhört, dann gibt es auf jeden Fall viele verschiedene Geräusche, Klicklaute, Knattern, Brummen und die tollen Walgesänge.

DW: Apropos hören, was hört man eigentlich überhaupt während einer Tauchfahrt? Hattet ihr die Gelegenheit Walgesängen zu lauschen, oder werden sie übertönt von den Hintergrundgeräuschen des Tauchboots – so wie wir es uns für die Stille rund um die ISS vorstellen? Oder ist der Lärm von Schiffsschrauben und Zivilisation schon in die Tiefe vorgedrungen?

Boetius: Im U-Boot hören wir zunächst vor allem Blasen platzen beim Ab- und Auftauchen, Pings für die Orientierung und dann ab und zu die eher scharrende Kommunikation zum Schiff. Wir können das Meeresleben draußen um uns herum nicht hören ohne zusätzliche Geräte. Für solche Horchposten in der Tiefsee nutzen wir daher passive hydroakustische Rekorder auf Verankerungen, da kommt Erstaunliches bei raus. Manche Geräusche kann man gar nicht zuordnen. Auf jeden Fall gibt es auch in der Tiefsee menschlichen Lärm zu detektieren, aber eher im Nordmeer und Mittelmeer, wo nach Gas und Öl gesucht wird.

Aufnahme aus dem all vom Ruhrgebiet im sehr trockenen Sommer 2018

© dpa / NASA

DW: Alexander Gerst hat 2018 Bilder des extremen Hitzesommers aus dem All geschossen und geschrieben “Schockierender Anblick. Alles vertrocknet und braun, was eigentlich grün sein sollte.” Hattet ihr ein ähnliches Erlebnis unter Wasser? Einen Anblick, der zeigt, wie sich die Klimakatastrophe auf die Tiefsee auswirkt?

Boetius: Das war eher über Wasser zu sehen. Es gibt vermutlich durch die Zunahme der Wärme im Meer monatelang und besonders als wir da waren Massen von Portugiesischen Galeeren. Der Stadtstrand war vorübergehend deswegen geflaggt. Die Taucher und Mariner vor Ort erzählten uns, dass dies sehr ungewöhnlich sei und erst in den letzten Jahren so oft vorkommt. In der Tiefsee der Azoren ist es dagegen wunderschön, da in 1000 Metern Wassertiefe beeindruckende Tiefseekorallenriffe wachsen.

DW: Was empfindest du, wenn du da unten die zerstörerischen Spuren des Menschen findest? Wie hat Alexander Gerst z.B. auf den Plastikmüll reagiert, den ihr vermutlich unweigerlich selbst dort gefunden haben werdet? Wie habt ihr euch darüber ausgetauscht?

Boetius: Wir haben beim Strandspaziergang nach einem Sturm enorm viel Kunststoffreste am Strand gesehen, mancher kam von sehr weit her. Der Golfstrom transportiert nicht nur Meeresschildkröten, sondern eben auch viel Müll zu den Azoren. Es waren viel Reste von Fischereinetzen zu sehen, auch wenn schon lange nicht mehr mit Netzen um die Azoren gefischt wird. Und im schwarzen Vulkansand sah man leicht vor allem blaue Kunststoffpartikel in Sandkorngröße. Darüber haben wir uns unterhalten: wie auch diese neue Schicht von Kunststoff in den Stränden und Meeresböden der Welt für unsere Generation ein Marker sein wird.

DW: Ihr beide seid an Orten, an die so leicht fast kein Mensch kommt, ihr seid in einem Medium, das für uns Normalsterbliche zu den Mythen gehört, den Seeungeheuern, den Sternen, nach denen wir greifen. Er oben, in dem Element, in dem wir das Göttliche verorten, du unten, in unserem Kulturkreis eher das Dunkle, Böse, die Verführung, das was einen hinabzieht. Immerhin haben wir den tiefsten Bereich des Meeres – das Hadal – nach dem griechischen Gott der Unterwelt – Hades – benannt. Warum sollten wir diesen weit entfernten, unzugänglichen Ort lieben und schützen? Schützt er uns? So wie die Sterne uns in unserer Vorstellung beschützen?

Boetius: So habe ich da noch gar nicht drüber nachgedacht, denn für mich ist „Unten“ in der Tiefe das Himmlische – die größte Lebensvielfalt der Erde, die Schöpfung des Lebens, das dunkle Paradies. Ich mache mir da mehr Sorgen um das „Oben“, besonders solange wir die Atmosphäre als kostenlose Müllhalde nutzen für unsere Abgase. Ich glaube, viele Menschen spüren Empathie für beide fremde, dem Menschen unzugängliche Orte. Wir fühlen uns besser, wenn wir wissen, dass es eine unvergängliche, pure, saubere Natur gibt, Wildnis. Nun sagen wir Meeresforscher, aber auch die Astronauten, schon länger: Menschen, passt auf diesen blauen Planeten Erde auf, es ist der Einzige, den wir haben. Und immer mehr Menschen lernen, dass wir dem Ozean viel zu verdanken haben, den Sauerstoff, den wir atmen, die Wärme im Winter, die Kühlung im Sommer, das Speichern von CO₂, ein Teil des Eiweißes, das wir brauchen. Wenn wir also den Zustand des Ozeans verschlechtern, dann müssen wir diese Leistungen anders organisieren und das ist schwierig und teuer.

DW: Und wie genau können wir ihn schützen?

Boetius: Begreifen, dass unser Handeln an Land die Ozeane verändert, auch wenn sie weit weg scheinen. An sich ist ja der Schutz des Lebens im Meer nun auch schon ein abgestimmtes politisches Ziel – wir haben viele Schutzziele vereinbart, für unsere Meere und die Ozeane weltweit. Aber zum Schützen gehört auch Hinschauen, Messen wie es dem Ozean geht, Überwachen, ob wir richtig mit ihm umgehen, und versuchen, das wieder herzustellen, was wir verloren haben, wie die Bestände der größten Walarten, die Gefährdung der meisten Haiarten, die Gesundheit der Korallenriffe und Mangroven sowie Seegraswiesen weltweit, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Für die Tiefsee, die größtenteils jenseits der ökonomischen Zonen der Staaten liegt, sind dabei besonders ein international organisierter Meeresschutz und klare Regeln sowie auch Kontrolle und Strafen gegen Verstöße wichtig. Leider ist da noch einiges zu tun, man könnte zum Beispiel erstmal die Tiefseefischerei auf Hoher See verbieten, um etwas mehr Ruheraum zu geben. Das könnte sogar zu besseren Fischereierträgen insgesamt führen.

DW: Du hast einmal gesagt, dass für dich das Abtauchen in die Tiefsee wie nach Hause kommen ist. Warum? Für manche ist die Vorstellung, in der Tiefe, völlig abhängig von Technik, im schwärzesten Schwarz zu sein, nicht gerade heimelig.

Boetius: Vielen Wissenschaftler:innen geht es so, dass sie Gefühle für das entwickeln, was sie lange beforschen. Bei mir sind es nun schon über 30 Jahre, dass ich die Weltmeere beforsche mit allen möglichen Technologien. Und besonders wenn ich dann abtauchen kann im Forschungs-U-Boot, aber auch mit den inzwischen gut ausgestatteten Tiefseerobotern, habe ich zuerst das Gefühl, vor Glück zu platzen, noch bevor dann die ernste, straff organisierte wissenschaftliche Arbeit losgeht.

DW: Letzte Frage, glaubst du, dass im Weltall zu sein bei dir das gleiche Gefühl auslösen könnte?

Boetius: Das müsste ich mal ausprobieren. Aber ich glaube: ja. Als ich Alexander Gerst zuhören durfte, wie er beschrieb, wie sich das Losfliegen, das Hinschauen, dieser fantastische Perspektivwechsel und besondere Expeditions-Auftrag für ihn anfühlt, dann habe ich auch Lust bekommen. Auch wenn die Vorbereitung da noch ungleich viel intensiver ist als bei uns, ganz abgesehen von den Auswahlprozessen für Austronaut:innen. Aber wenn ich bedenke, was es alles noch da draußen zu entdecken gibt, dann stelle ich es mir auch sehr wunderbar vor, Weltraumforscherin zu sein.

Danke für das Interview und viel Erfolg nicht nur in der Erforschung der Tiefsee, sondern auch für die restlichen Monate der MOSAiC Expedition!

Schütz mit uns die Tiefsee!

Erfahre noch mehr über die Tiefsee:

Turbo-Photosynthese aus dem Reagenzglas

Reagenzgläser, in einem Reagenzglas ist eine durchsichtige, grüne Flüssigkeit

© Bill Oxford / unsplash

Die Energie des Lebens ist das Licht der Sonne. Doch Tiere können dieses nicht direkt für sich nutzen. Zwischen dem Licht und dem Tierreich stehen die Pflanzen, die das Licht in eine Energieform umwandeln, die Tiere nutzen können. Besser bekannt ist dieser Prozess als Photosynthese. Pflanzen absorbieren dabei das Licht, das – mit Kohlenstoffdioxid und Wasser – viele Prozessschritte anstößt, aus denen am Ende Sauerstoff und Zuckermoleküle resultieren. Diese Zucker sind dann wiederum Energieträger für die Tierwelt.

Doch in einer Zeit mit steigendem Kohlenstoffdioxid-Vorkommen in der Atmosphäre ist vor allem die Umwandlung dieses Treibhausgases in Sauerstoff von großem Interesse für die Bekämpfung des Klimawandels.

Deswegen sind die Forschungsergebnisse von Prof. Dr. Erb, Lehrender an der Universität Marburg, umso interessanter. Im Interview mit dem Podcast Forschungsquartett erklärt er, was es mit der „Turbo-Photosynthese aus dem Reagenzglas“ auf sich hat und welches Enzym womöglich ein Schlüssel für die Bekämpfung des Klimawandels sein könnte.

Die Podcastfolge Turbo-Photosynthese aus dem Reagenzglas und weitere Infos zum Nachlesen, findet ihr auf der Seite des Forschungsquartettes.

Doch nicht nur in den marburgerischen Laboren geht es visionär zu, auch in der Arktis sind Forscher:innen aus aller Welt dabei, den Klimawandel besser zu verstehen. Die Jahrhundertexpedition MOSAiC stand allerdings wegen der Coronakrise vor einigen Problemen. Mehr dazu in unserem Blogbeitrag Expeditionskrimi MOSAiC: Besatzungswechsel nun auf dem Seeweg.

ROV KIEL 6000 entdeckt „Klare Raucher“ vor Island

Pressemitteilung, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und GEOMAR, 20.07.2020

IceAGE3-Expedition liefert faszinierende Bilder vom Meeresboden vor Island

20.07.2020/Kiel/Hamburg/Wilhelmshaven. Weite Ebenen in 3000 bis 4000 Metern Wassertiefe, steile Gebirge, vulkanische Aktivität: Dass der Meeresboden rund um Island abwechslungsreich ist, war bekannt. Doch noch immer klaffen Lücken im Wissen über die Tiefsee der Region. Die aktuelle Expedition IceAGE3 des deutschen Forschungsschiffs SONNE unter Leitung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist dabei, einige dieser Lücken zu schließen. Der Tiefseeroboter ROV KIEL 6000 des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel hat jetzt im Rahmen der Expedition die ersten Bilder von bislang unbekannten heißen Quellen am Meeresboden geliefert.

Vor 41 Jahren erblickten US-amerikanische Wissenschaftler erstmals natürliche Schlote auf dem Meeresboden, aus denen Schwaden heißer Flüssigkeiten aufstiegen. Weil diese Flüssigkeiten in Tiefen ab 1000 Metern oft sehr dunkel sind, erhielten die heißen Quellen den Spitznamen „Schwarze Raucher“. In der Fachsprache sind sie als Hydrothermalsysteme bekannt und mittlerweile kennt man auch „weiße“ und „klare Raucher“ – je nach Zusammensetzung der austretenden Flüssigkeit. Bis heute ist aber nur ein kleiner Bruchteil aller Hydrothermalquellen auf dem Meeresboden bekannt.

Eine von Senckenberg geleitete Expedition im Rahmen des internationalen IceAGE-Projektes (IceAGE – Icelandic marine Animals: Genetics and Ecology) mit dem deutschen Forschungsschiff SONNE hat jetzt die Liste der bekannten Hydrothermalsysteme um eine Neuentdeckung erweitert. In der vergangenen Woche filmte der bei der Expedition eingesetzte Tiefseeroboter ROV KIEL 6000 des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel erstmals eine Gruppe bislang unbekannter „klarer Raucher“ südwestlich von Island. „Wir hatten von früheren Fahrten Hinweise, dass hier Hydrothermalsysteme am Meeresboden vorkommen. Aber als die Schlote dann im Scheinwerferlicht des ROV auftauchten und seine Kameras die ersten Bilder an Bord übertrugen, war das ein besonderer Moment“, sagt die wissenschaftliche Fahrleiterin Dr. Saskia Brix vom Deutschen Zentrum für Marine Biodiversitätsforschung bei Senckenberg am Meer in Hamburg.

Das neu entdeckte Hydrothermalsystem liegt in ca. 650 Metern Wassertiefe auf dem sogenannten Reykjanes-Rücken. Das ist ein untermeerischer Gebirgszug, der sich von Island aus rund 1500 Kilometer nach Südwesten erstreckt. Er ist – genauso wie Island selbst – Teil des Mittelatlantischen Rückens, der im Nordatlantik die Grenze zwischen amerikanischer und europäischer Erdplatte markiert.

Aktive Hydrothermalsysteme kommen typischer Weise an Plattengrenzen vor. Dort ist der Meeresboden noch jung und porös. Meerwasser kann tief ins Gestein einsickern. Trifft es auf Magma, wird es sehr stark erhitzt und steigt wieder auf. Dabei wäscht es viele Mineralien aus dem umgebenden Gestein. Tritt das Wasser dann wieder aus dem Meeresboden aus und kommt in Kontakt mit dem nur drei bis vier Grad kalten Meerwasser, fallen diese Mineralien aus. „So bilden sich die dunklen Schwaden, die den Rauchern ihren Namen gegeben haben“, erklärt der Geologe Dr. Friedrich Abegg, Leiter des GEOMAR-ROV-Teams.

Wegen der Mineralien-Ablagerungen rund um die Austrittsstellen werden erloschene Hydrothermalsysteme als mögliche Rohstoffquellen diskutiert. Die aktuelle Expedition ist aber vor allem an den aktiven Systemen interessiert, denn sie bilden in der ewigen Dunkelheit der Tiefsee die Basis für extrem vielfältige Ökosysteme. „An den Hydrothermalquellen tobt das Leben geradezu und es gibt Theorien, dass ähnliche heiße Quellen im Meer sogar der Ursprung des Lebens auf der Erde gewesen sein könnten“, erklärt Dr. Brix.

Die neue Entdeckung beruht auf früheren Untersuchungen in dem Gebiet, bei denen unter anderem 2018 während einer Ausfahrt mit dem FS MARIA S. MERIAN und dem autonomen Unterwasserfahrzeug AUV ABYSS des GEOMAR bereits Hinweise auf das Vorkommen heißer Quellen gefunden worden waren. „Trotzdem war es ein großer Glücksfall, dass wir beim ersten Tauchgang des ROV KIEL 6000 sofort am richtigen Punkt gelandet sind“, betont Dr. Abegg. Die heißen Quellen sollen nun nach dem Projekt den Namen „IceAGE vent field“ erhalten.

Das übergeordnete Ziel der aktuellen IceAGE3-Expedition ist, verschiedene marine Lebensräume rund um Island zu untersuchen. Nach dem Auslaufen am 22. Juni aus Emden hat das Team mit der SONNE zunächst das norwegische Becken nördlich von Island angesteuert. Mit Hilfe des ROV KIEL 6000 und verschiedener anderer Geräte haben die Forscherinnen und Forscher dort Ökosysteme zwischen 4000 und 800 Meter Wassertiefe beobachtet und beprobt. Eine weitere Station waren unter anderem der Färöer-Island-Rücken mit dem Kaltwasserkorallenriff „Lóngsjúp“.

Da wegen der COVID-19-Pandemie weniger Personen als üblich an der Expedition teilnehmen können, kooperiert das Team an Bord per Telepräsenz eng mit Kolleginnen und Kollegen an Land, unter anderem vom isländischen Marine Research and Fishery Institute (MFRI) in Reykjavik sowie dem EU-Projekt iAtlantic. Ein Nebeneffekt: Die Tauchgänge des ROV KIEL 6000 werden live ins Internet gestreamt. „Wer weiß, vielleicht hat der eine oder die andere unsere Entdeckung sogar live mitverfolgt und gar nicht gemerkt, was man dort Besonderes gesehen hat“, sagt Dr. Brix schmunzelnd.

Die SONNE wird am 26. Juli in Emden zurückerwartet.

Diese Pressemittelung findet ihr bei GEOMAR.

Wer mehr zu der IceAGE-Expedition wissen möchte, schaut in unserem dazugehörigen Beitrag nach.

Erfahrt, was die Tiefsee außer Hydrothermalquellen noch zu bieten hat und schaut bei unserer Kampagne DEEP SEA MINING zum Tiefseebergbau vorbei.

 

//