Rettung der Ozeane

UN-Meereskonferenz in Indonesien

Von Dagmar Röhrlich

 

Ozeanographie. – Im indonesischen Manado dreht sich in dieser Woche alles um die Weltmeere: Dort treffen sich auf Einladung der Vereinten Nationen rund 1000 Wissenschaftler sowie Politiker und NGOs aus 72 Nationen zur Weltmeereskonferenz.

 

Mitten im Zentralpazifik formen Meeresströmungen einen gigantischen Wasserwirbel, der inzwischen als Großer Nordpazifischer Müllstrudel traurige Berühmtheit erlangt hat. Dort dümpeln pro Quadratkilometer 3.340.000 Stück Plastikmüll – und das sind nur die Teile, die größer sind als ein A5-Blatt. Dort gibt es mehr kleine Kunststoffteile als Plankton. Dieser Nordpazifische Wirbel ist zwar die größte Müllkippe überhaupt, das Problem Plastikmüll ist jedoch ein weltweites. Judith Weis von der Rutgers University in Newark:

 

„Die Strömungen tragen den Müll an die Strände. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, was da alles schwimmt, sammeln Freiwillige ihn im Rahmen eines internationalen Hilfsprogramms ein. Sie finden Plastikmüll, der von offenen Müllkippen ins Meer geweht, mit dem Regenwasser von den Straßen weggespült, von Frachtern verloren oder von Schiffsbesatzungen über Bord geworfen worden ist. Dieser Plastikmüll nimmt zu.“

 

Und er tötet Tiere: die Schildkröte, die eine Plastiktüte mit einer Qualle verwechselt ebenso wie das Albatros-Küken, das mit Einwegfeuerzeugen gefüttert wurde. 80 Prozent des in den Niederlanden angespülten Kunststoffmülls zeigen Schnabelspuren. Vögel haben versucht, ihn zu fressen. Aber das ist nur eine Seite des Problems. Denn die Brandung zerreibt den Kunststoff, Mikroplastik entsteht.

 

„Wenn Plastik erst einmal puderfein zermahlen ist, wird die Oberfläche der Körnchen insgesamt ungeheuer groß. So groß, dass Meerwasser oder Magensäure die Additive wie Flammschutzmittel, Weichmacher oder anti-mikrobielle Substanzen, die bei der Produktion zugefügt worden sind, freisetzen können.“

 

Außerdem saugt Mikroplastik Chemikalien auf wie ein Schwamm – und Gifte wie DDT, Dioxine und PCB gibt es im Meer reichlich, erklärt Richard Thompson von der Universität von Plymouth. An den Oberflächen der Körnchen sind ihre Konzentrationen Tausendmal höher als im Wasser. Weil Muscheln oder Würmer die Partikel für Plankton halten, gelangen die Gifte in die Nahrungskette. Genauso geht es den von Menschen ausgeschiedenen Medikamenten, die die Klärwerke passieren und sich wie ein Band um die Küsten legen. Weis:

 

„Das Problem ist in den Küstengewässern Europas und Nordamerikas am größten, also dort, wo es entsteht. Medikamente sind so entwickelt worden, dass sie bereits in geringsten Konzentrationen wirksam werden und deshalb richten sie in den Küstengewässern großen Schaden an – aber genau von dort bekommen wir unsere Muscheln und Krebse, und genau dort leben die meisten Meerestiere.“

 

Fische, die durch die Anti-Baby-Pille beiderlei Geschlecht haben, sind nur die Spitze des Eisbergs. Selbst Beruhigungsmittel oder Antidepressiva wie Prozac sind in Fischen nachgewiesen worden. Der ökologische Schaden wird gerade erst erforscht. Für Judith Weis kommt jedoch die schlimmste Bedrohung der Weltmeere aus einer anderen Quelle:

 

„Für mich ist die Überdüngung das größte Problem. Durch die Intensivlandwirtschaft gelangen überreichlich Nährstoffe ins Meer, die die Algen blühen lassen. Sterben sie ab, sinken sie zu Boden und verbrauchen bei ihrer Zersetzung den Sauerstoff. Inzwischen gibt es immer mehr und immer größere sauerstofflose Zonen, in denen nichts lebt. Der Mississippi schleppt aus halb Nordamerika so viel Dünger in den Golf von Mexiko, dass Jahr für Jahr Todeszonen entstehen, die Tausende von Quadratkilometern groß werden. Und so etwas passiert rund um die Welt.“

 

Ob Überdüngung, sauerstofflose Zonen, Algenblüten oder Plastikmüll – diese Probleme wachsen derzeit, so Judith Weis. Aber sie konnte auf der Weltmeereskonferenz in Manado auch Positives berichten: So steigt die Belastung mit giftigen Schwermetallen zumindest nicht weiter an – und die Zahl der Ölteppiche nimmt sogar ab. Und Judith Weis erklärt, dass sich auch bei den derzeit noch wachsenden Problemen vieles verbessern ließe:

 

„Es gibt landwirtschaftliche Methoden, die den Eintrag von Düngemittel erheblich reduzieren könnten. Auch moderne Kläranlagen würden viel verbessern, ebenso wenn man verhindert, dass Regenfälle Müll von den Straßen ins Meer spülen können. Man muss dafür sorgen, dass nicht alles direkt in die Meere gelangen kann.“

Quelle: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/forschak/965918/

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