EU-Parlament stimmt für Verbot von Wegwerf-Plastikprodukten

Die neuste Pressemitteilung der EU zum Thema Verbot von Einwegplastikverpackungen ist gerade veröffentlich worden. Darin ist zu lesen, dass das EU Parlament nun den von der Kommission eingereichten Vorschlag zur Reduzierung von Einwegplastik angenommen hat. Dies ist tatsächlich ein weiterer Schritt in die richtige Richtung, um weitere Verschmutzung der Meere zu verhindern. Aber ein Grund in Jubelschreie auszubrechen, ist es mit Sicherheit nicht. Zum einen beinhaltet die Entscheidung des EU Parlaments noch keine praktischen Konsequenzen. Erst müssen sich noch die EU-Staaten im Ministerrat auf eine gemeinsame Linie zu dem Gesetzesvorschlag einigen. Laut Pressemitteilung würden die neuen Regeln zwei Jahre nach Verabschiedung durch Rat und Parlament in Kraft treten, also voraussichtlich frühestens 2021. Es ist also noch ein langer Weg bis dorthin.

Zum anderen kann man sich fragen, wie effektiv neue Verordnungen sein werden, wenn die Pressemitteilung auch Sätze wie den folgenden bereithält: „Wenn günstige Alternativen zur Verfügung stehen, sollen demnach die zehn Einwegkunststoffprodukte vom Markt genommen werden, die am häufigsten in den Ozeanen landen.“ Und wenn keine geeigneten „günstige Alternativen“ zu beispielsweise Plastiktrinkhalmen zur Verfügung stehen? Darf man dann einfach weiterhin Einweg-Plastiktrinkhalme verwenden, weil die möglichen Alternativen nicht so günstig und praktisch handhabbar sind? Berichterstatterin und Mitglied des Europäischen Parlaments Frédérique Ries äußerten sich zu diesem Thema: „(…) the member states have many options to choose from. It is up to them to choose wisely and up to us to keep pushing for more. “

Dennoch freuen wir uns sehr, dass der Vorschlag der Kommission nun tatsächlich in ein Gesetz münden wird und dass das Thema Meeresschutz inzwischen auch eine Bedeutung auf EU Ebene gewonnen hat. Und auch wir werden auf keinen Fall jetzt die Hände in den Schoß legen, denn durch die Entscheidung des EU Parlaments ist das Plastik-Problem keinesfalls gelöst! Siehe auch unsere BLUE STRAW Kampagne: https://www.deepwave.org/bluestraw-kampagne/

Wir sind gespannt auf die weitere Entwicklung.

Pressemitteilungen der EU und weitere Infos findet ihr hier: http://www.europarl.europa.eu/news/en/press-room/20181009IPR15501/plastic-oceans-meps-back-eu-ban-on-polluting-throwaway-plastics-by-2021

https://ec.europa.eu/germany/news/20181025-eu-parlament-plastikprodukte-verbot_de

Den Vorschlag der EU Komission zum Reduzierung von Einwegplastik findet ihr hier: http://ec.europa.eu/environment/circular-economy/pdf/single-use_plastics_proposal.pd

 

Ersetzt nicht Plastik mit Genmais – Mehrweg statt Einweg.

In dem ausführlichen Artikel des NABU: „Heute Lust auf Limo im Genmais-Becher?“ über die Irreführung von halb-wahren Werbeslogans wird deutlich beschrieben, warum wir und andere Umweltschutzorganisationen keine Empfehlung für alternative plastikfreie Wegwerfartikel geben können. Weil alle Einwegprodukte Ressourcenverschwendung sind. Per definition.

Heute Lust auf Limo im Genmais-Becher?

Wissen über die Ozeanversauerung und ihre Folgen

Wissen über die Ozeanversauerung und ihre Folgen

BIOACID präsentiert beim Jahrestreffen 2014 neue deutschsprachige Broschüre

Um wichtige Erkenntnisse und Beobachtungen reicher – und weiterhin mit Hochdruck dabei, zukünftige Veränderungen im Ökosystem Ozean abzuschätzen und zu bewerten: Fünf Jahre nach dem „Kick-off“ sind die Mitglieder des Deutschen Forschungsverbunds BIOACID wieder zu Gast am GEOMAR. Neben dem Austausch über abgeschlossene, laufende und geplante Projekte wurde auf dem Jahrestreffen 2014 auch eine neue Broschüre vorgestellt: „Ozeanversauerung: Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ komprimiert das Wissen über die Ozeanversauerung und deren Folgen auf 21 Prognosen und gibt Wahrscheinlichkeiten für deren Eintreten an.

Der Säuregrad des Meerwassers kann in diesem Jahrhundert um bis zu 170 Prozent ansteigen. Ausgelöst wird die Ozeanversauerung durch die Aufnahme von Kohlendioxid (CO2) aus der Atmosphäre. Als Folge davon werden sich marine Ökosysteme und die Artenvielfalt so stark verändern, dass mit weitreichenden Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft zu rechnen ist. Menschen, die von Ökosystemleistungen der Ozeane abhängen, sind besonders betroffen. Die Versauerung lässt sich jedoch abmildern, wenn die Kohlendioxid-Emissionen weltweit verringert werden. So lautet die Einschätzung einer Gruppe von 540 Experten aus 37 Ländern. In ihrer Broschüre „Ozeanversauerung: Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ treffen die Wissenschaftler 21 detaillierte Aussagen über die Folgen der Ozeanversauerung und geben Wahrscheinlichkeiten für deren Eintreten an.

„Mit der ,Zusammenfassung für Entscheidungsträger’ halten wir nun endlich auch eine deutschsprachige Übersicht des aktuellen Kenntnisstands in den Händen“, freut sich Prof. Ulf Riebesell über die Veröffentlichung der Ergebnisse des Dritten Symposiums über den Ozean in einer Hoch-CO2-Welt. Der Professor für Biologische Ozeanografie am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel koordiniert den Deutschen Forschungsverbund BIOACID (Biological Impacts of Ocean Acidification). „Viele BIOACID-Wissenschaftler präsentierten ihre Erkenntnisse auf diesem internationalen Meeting. Auch in die folgende Diskussion floss viel von unserem Wissen ein. Darum war es höchste Zeit für eine Übersetzung.“

Eine gedruckte Kurzversion der deutschsprachigen Broschüre wurde beim Jahrestreffen 2014 des Projekts BIOACID vorgestellt. Sie wird jetzt an Ausschuss-Mitglieder des Deutschen Bundestags sowie weitere Multiplikatoren verteilt und kann über das BIOACID-Koordinationsbüro bestellt werden. Die Langfassung steht auf den Internetseiten des Projekts BIOACID und des GEOMAR zum Download zur Verfügung.

http://www.geomar.de/fileadmin/content/service/presse/Pressemitteilungen/2014/OzeanversauerungZfE.pdf

Einen Eindruck über die Breite des aktuellen Kenntnisstands vermittelt der Austausch beim fünften Jahrestreffen der BIOACID-Mitglieder. Gleichzeitig sind noch immer viele Wissenslücken zu füllen: Im Laborversuch passten sich einzelne Plankton-Arten an Ozeanversauerung in Verbindung mit anderen Stressfaktoren wie steigende Wassertemperaturen an – doch gelänge ihnen dies auch in ihrem natürlichen Lebensumfeld? Im Freiland-Experiment scheinen besonders die kleinen Plankton-Organismen von einem Plus an CO2 im Wasser zu profitieren, während vor allem viele Kalk bildende Arten Schwierigkeiten bekommen. Wie wirkt sich der Boom an der Basis auf das gesamte Gefüge der Arten aus? Wie lassen sich zukünftige Veränderungen in den Stoffkreisläufen der Ozeane verlässlich berechnen? Sind ökonomische Folgen der Ozeanversauerung genau zu beziffern?

„Bis zum Ende unserer zweiten Förderphase im kommenden Herbst erwarten wir noch viele wegweisende Ergebnisse und neue Beobachtungen“, bilanziert Riebesell. Die dritte Förderphase soll dann allein der Auswertung und Aufbereitung der Ergebnisse dienen. „Unser Ziel wird sein, eine umfassende Risikobewertung der Ozeanversauerung im Zusammenspiel mit anderen Umweltstressoren zu erarbeiten und die oft komplexen Zusammenhänge in verständlicher Form darzustellen an die Öffentlichkeit und die Entscheidungsträger zu kommunizieren.“

BIOACID in Kürze:
Unter dem Dach von BIOACID (Biological Impacts of Ocean Acidification) untersuchen 14 Institute, wie marine Lebensgemeinschaften auf Ozeanversauerung reagieren und welche Konsequenzen dies für das Nahrungsnetz, die Stoff- und Energieumsätze im Meer sowie schließlich auch für Wirtschaft und Gesellschaft hat. Das Projekt begann 2009 und ging im September 2012 in eine zweite auf drei Jahre angelegte Förderphase. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt die aktuellen Arbeiten mit 8,77 Millionen Euro. Die Koordination liegt beim GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Eine Liste der Mitglieds-Institutionen, Informationen zum wissenschaftlichen Programm und den BIOACID-Gremien sowie Fakten zur Ozeanversauerung sind unter www.bioacid.de zu finden. Mailkontakt: bioacid@geomar.de

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Ulf Riebesell (GEOMAR, FB2-BI), Tel.: 0431 600-4444, uriebesell@geomar.de
Maike Nicolai (GEOMAR, Kommunikation & Medien), Tel.: 0431 600-2807, mnicolai@geomar.de

Klimawandel: Anpassung der Tierwelt abhängig vom Bauplan und Größe

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Photo: Alfred-Wegener-Institut

Je einfacher, desto wärmeresistenter – Wissenschaftler finden den Schlüssel für die Anpassungsgrenzen von Meeresbewohnern

Je einfacher ein Meereslebewesen aufgebaut ist, umso lebensfähiger ist es im Klimawandel. Zu dieser Erkenntnis sind Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, in einer neuen Metastudie gekommen, die heute in dem Fachmagazin Global Change Biology erscheint. Darin haben die Biologen erstmals die Komplexität von Lebewesen mit den Grenzen ihrer Anpassung an ein wärmeres Klima in Beziehung gesetzt und festgestellt: Während einzellige Bakterien und Archaeen selbst im heißen, sauerstoffarmen Wasser leben können, stoßen Meeresbewohner mit einem komplexeren Bauplan wie Tiere und Pflanzen spätestens bei einer Wassertemperatur von 41 Grad Celsius an ihre Wachstumsgrenzen. Für ihre hochentwickelten Stoffwechselsysteme stellt diese Temperaturobergrenze scheinbar ein unüberwindbares Hindernis dar.

Der aktuelle Weltklimabericht zeigt, dass Meeresbewohner ganz unterschiedlich auf die steigende Wassertemperatur und den sinkenden Sauerstoffgehalt des Ozeans reagieren. „Wir haben uns jetzt gefragt, warum dies der Fall ist. Also warum Bakterien beispielsweise bei Temperaturen von bis zu 90 Grad Celsius immer noch wachsen, während Tiere und Pflanzen bei spätestens 41 Grad Celsius an ihre Grenzen stoßen“, sagt Dr. Daniela Storch, Biologin in der Abteilung Ökophysiologie am Alfred-Wegener-Institut (AWI) und Erstautorin der aktuellen Studie.

Sie und ihre Kollegen erforschen schon seit einigen Jahren, welche Prozesse dazu führen, dass Tiere eine bestimmte Temperaturobergrenze besitzen, bis zu der sie sich entwickeln, wachsen und sich fortpflanzen können. Grund dafür ist ihr Herz-Kreislauf-System, fanden die Wissenschaftler heraus. Bei Laborversuchen konnten sie nachweisen, dass im wärmeren Wasser immer zuerst dieses Transportsystem der Tiere versagt. Herz, Blut und Kreislauf versorgen alle Zellen und Organe eines Lebewesens mit Sauerstoff, können dies aber nur bis zu einer bestimmten Maximaltemperatur. Danach reicht die Transportleistung des Systems nicht mehr aus; das Tier kann nur noch kurze Zeit überleben. Schon früh vermuteten die Biologen deshalb, dass ein Zusammenhang besteht zwischen dem komplexen Aufbau eines Organismus und seiner eingeschränkten Fähigkeit, im wärmer werdenden Wasser funktionsfähig zu bleiben.

„Wir haben deshalb für unsere aktuelle Studie die Hypothese überprüft, dass die Komplexität der Schlüssel dazu sein könnte, an welche Lebensbedingungen sich verschiedenste Lebewesen, von den Archeen bis zu den Tieren, im Laufe der Evolutionsgeschichte anpassen konnten. Das heißt: Je einfacher der Bauplan eines Meeresbewohners ist, desto widerstandsfähiger sollte er sein“, erzählt die Biologin. Stimmt diese Annahme, wären Lebewesen, die aus einer einzigen einfach strukturierten Zelle bestehen, hohen Temperaturen gegenüber weitaus resistenter, als Lebewesen, deren Zelle wie bei den Algen sehr komplex aufgebaut ist oder deren Körper aus Millionen von Zellen besteht. Damit wären die Toleranz- und Anpassungsgrenzen eines Organismus immer auf seiner höchsten Komplexitätsebene zu suchen.

Unter den kleinsten Organismen sind die einzelligen Algen am wenigsten resistent, weil sie hochkomplexe Zellorganellen wie zum Beispiel die Chloroplasten für die Photosynthese besitzen. Einzellige Tiere besitzen zwar auch Zellorganellen, die jedoch etwas einfacher aufgebaut sind. Den Bakterien und Archaeen fehlen diese Organellen gänzlich.

Um dies zu überprüfen, werteten die Wissenschaftler über 1000 Studien zur Anpassungsfähigkeit von Meereslebewesen aus. Angefangen bei den einfachen, zellkernlosen Archaeen, über Bakterien und einzelligen Algen, bis hin zu Tieren und Pflanzen machten sie so jeweils jene Art ausfindig, die die höchste Temperaturtoleranz ihrer Gruppe besitzt und bestimmten ihre Komplexität. Am Ende zeigte sich, dass das angenommene Funktionsprinzip zu existieren scheint: Je einfacher gebaut, desto wärmetoleranter ist eine Art.

Aber: „Die Anpassungsgrenze eines Organismus zeigt sich nicht nur in seiner oberen Temperaturgrenze, sondern auch in seiner Fähigkeit, mit wenig Sauerstoff auszukommen. Während viele Bakterien und Archaeen bei geringen Sauerstoffkonzentrationen oder sogar ohne Sauerstoff leben können, benötigen die meisten Tiere und Pflanzen eine höhere Mindestkonzentration“, erklärt Dr. Daniela Storch. Die Mehrzahl der untersuchten Studien zeigt: Sinkt der Sauerstoffgehalt im Wasser unter einen bestimmten Wert, bricht die Sauerstoffversorgung von Zellen und Geweben nach kurzer Zeit zusammen.

Die neuen Forschungsergebnisse belegen aber auch, dass die Körpergröße eines Organismus eine entscheidende Rolle in der Frage nach den Anpassungsgrenzen spielt. So können unter den Tieren kleine Arten beziehungsweise kleine Individuen einer Art bei geringeren Sauerstoffwerten und höheren Temperaturen überleben, als dies bei den größeren der Fall ist.

„Wir beobachten bei Fischen aus der Nordsee, dass bei Extremtemperaturen die größeren Individuen einer Art zuerst betroffen sind. Generell gibt es mit der Erwärmung den Trend, dass in einer Region kleinere Arten die großen ersetzen. In den wärmsten Meeresgebieten leben jedoch Pflanzen und Tiere schon heute an ihrer Toleranzgrenze und werden sich wohl nicht mehr anpassen können. Sie werden dort bei fortdauernder Erwärmung in kältere Gebiete abwandern und es gibt auch keine toleranteren Tier- und Pflanzenarten, welche die verlassenen Lebensräume neu besiedeln könnten“, sagt Prof. Dr. Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut. Der Biologe hat die aktuelle Studie angestoßen und ist koordinierender Leitautor des Kapitels „Ozeansysteme“ im fünften Weltklimabericht.

Die neue Metastudie zeigt: Ihre komplexe Bauweise setzt den mehrzelligen Organismen, also Tieren und Pflanzen enge Schranken, innerhalb derer sie sich an neue Lebensbedingungen anpassen können. Einzelne Tierarten können ihre Körpergröße reduzieren, ihren Stoffwechsel herunterfahren oder mehr Hämoglobin bilden, um so in wärmerem, sauerstoffärmerem Wasser zu überleben. Über die Temperaturgrenze von 41 Grad Celsius kommen Tiere und Pflanzen jedoch grundsätzlich nicht hinaus.

Einfache Einzeller wie Bakterien dagegen profitieren davon, wenn das Meerwasser wärmer wird. Sie vermehren sich und breiten sich aus. „Durch diese neuen Lebensbedingungen verändern sich die Artengemeinschaften im Ozean. Tiere und Pflanzen werden in Zukunft in den wärmsten Meeresregionen Probleme haben, zu überleben und in diesen Gebieten werden sich zunehmend Archaeen, Bakterien, sowie tierische Einzeller ausbreiten. Es gibt bereits Studien, die zeigen, dass in den wärmsten Ozeangebieten die einzelligen Algen durch andere Einzeller ersetzt werden“, sagt Prof. Dr. Hans-Otto Pörtner.

Für einen nächsten Schritt stellen die Autoren die Frage, welche Rolle die Komplexität von Arten für die Toleranz und Anpassung an den dritten Klimafaktor im Ozean spielt, die Ozeanversauerung, die durch den steigenden Kohlendioxidausstoß und Eintrag des Treibhausgases ins Meerwasser verursacht wird.

Glossar

Toleranzgrenzen:

Über Generationen haben sich Meeresbewohner an die Gegebenheiten in ihren Heimatgewässern angepasst: An die vorherrschende Temperatur, an den Sauerstoffgehalt und an den Säuregrad des Wassers. Bei diesen Lebensbedingungen wachsen sie am besten und leben am längsten. Aber nicht alle Lebewesen, die in einem Ökosystem zusammenleben, haben die gleichen Präferenzen. Die antarktische Aalmutter lebt beispielsweise an ihrer unteren Temperaturgrenze und muss sich in wärmeren Wasserschichten des Südpolarmeeres aufhalten. Gerät sie in kaltes Wasser, wird es ihr schnell zu kalt. Der Kabeljau in der Nordsee dagegen würde sich über kälteres Wasser freuen, denn bei Temperaturen über zehn Grad Celsius fühlen sich große Exemplare nicht mehr richtig wohl. Wissenschaftler sprechen bei diesen Schwellenwerten von einem Temperaturfenster: Jeder wechselwarme Meeresbewohner verfügt über eine Temperaturober- und eine Untergrenze, bei der er noch leben und wachsen kann. Diese „Fenster“ sind unterschiedlich weit gefasst. Arten aus den gemäßigten Breiten wie der Nordsee haben generell ein breiteres Temperaturfenster. Grund dafür sind die stark ausgeprägten Jahreszeiten in diesen Gebieten. Das heißt, die Tiere müssen sowohl warme Sommer als auch kalte Winter aushalten.

Das Temperaturfenster der Lebewesen in den Tropen oder Polargebieten dagegen ist zwei- bis viermal schmaler als jenes der Nordseebewohner. Dafür haben sie sich auf extreme Lebensbedingungen eingestellt. Antarktische Eisfisch-Arten etwa können in bis zu minus 1,8 Grad Celsius kaltem Wasser leben. Ihr Blut enthält Gefrierschutzproteine. Zudem verzichten sie auf den roten Blutfarbstoff Hämoglobin, weil ihr Stoffwechsel niedrig und Sauerstoff im Überfluss vorhanden ist. Aus diesem Grund ist ihr Blut dünnflüssiger und die Fische benötigen weniger Energie, um es durch den Körper zu pumpen – eine perfekte Überlebensstrategie. Aber: Die Eisfische leben am Limit. Steigt die Temperatur um wenige Grad Celsius, stoßen die Tiere schnell an ihre Grenzen.

Das Paper mit dem Originaltitel „Climate sensitivity across marine domains of life: Limits to evolutionary adaptation shape species interaction“ wurde am 26. Juni im Fachmagazin Global Change Biology veröffentlicht. DOI: 10.1111/gcb.12645.

http://www.awi.de/de/aktuelles_und_presse/pressemitteilungen/detail/item/the_simpler_the_more_resistant_towards_climate_change/?cHash=2b779744725a505b0f353c103c4d5365

Kaltwasserkorallen dokumentieren Umweltveränderungen

Kaltwasserkorallen dokumentieren Umweltveränderungen

Korallen bauen ihre Skelette aus Kalk und reagieren daher besonders sensibel auf die zunehmende Versauerung der Ozeane. Mit Hilfe von präzisen Messungen haben Wissenschaftler des GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel jetzt herausgefunden, dass Kaltwasserkorallen bestimmte Elemente in Abhängigkeit vom pH-Wert ihrer Umgebung in ihre Skelette einbauen. Diese Entdeckung kann zur Rekonstruktion vergangener pH-Werte genutzt werden. Die Studie erscheint jetzt in der Fachzeitschrift Biogeosciences.

Ansteigende Konzentrationen von Kohlenstoffdioxid (CO2) in den Ozeanen können eine Bedrohung für marine Lebewesen sein. Denn ein erhöhter CO2-Gehalt des Wassers lässt den sogenannten pH-Wert des Wassers sinken; das Wasser wird saurer. Dies bedeutet eine Beeinträchtigung von marinen Lebewesen die ihre Schalen oder Skelette aus Karbonat bauen, weil versauerte Ozeane Karbonate auflösen können. Ein besseres Verständnis der Meerwasserchemie soll dabei helfen, Steuerungsprozesse im Karbonatsystem der Ozeane aus der Vergangenheit und für die Zukunft besser zu verstehen. Dr. Jacek Raddatz vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel hat zusammen mit Kollegen vom GEOMAR und aus Belgien untersucht, wie der pH-Wert des Meerwassers und der Aufbau der Korallen zusammenhängen. Die Ergebnisse wurden jetzt in der internationalen Fachzeitschrift Biogeosciences veröffentlicht.

Für ihre Studie entnahmen die Forscher lebende Korallen der Art Lophelia pertusa sowie Wasserproben im nordöstlichen Atlantik und im Mittelmeer. An den Wasserproben wurde der pH-Wert bestimmt, so dass ein genaues Bild des Lebensraums der Korallen entstand. Aus den Korallen wurden Proben gebohrt, die anschließend im Labor genauer untersucht wurden. Dabei interessierte die Wissenschaftler vor allem der Gehalt der Elemente Uran und Kalzium, das so genannte U/Ca Verhältnis. Durch einen Vergleich beider Analysen kamen die Forscher etwas Interessantem auf die Spur. „Die Beziehung zwischen dem U/Ca Verhältnis und dem pH-Wert ist sehr eng“, berichtet Dr. Raddatz, Erstautor der aktuellen Studie. „Folglich könnten wir aufgrund dieser Erkenntnisse Korallenproben analysieren und aus dem U/Ca Verhältnis den pH-Wert der Vergangenheit berechnen. Das ist eine neue Methode für Kaltwasserkorallen und könnte eine Alternative zur Bor-Isotopie sein, die in der Analyse extrem zeitaufwändig ist. Die Kombination beider Verfahren (U/Ca-Verhältnisse und Bor-Isotopie) wird uns zukünftig ein detaillierteres Verständnis der Meerwasserchemie erlauben“, sagt der Wissenschaftler. Aktuell ist es schwer, die Folgen der bereits messbaren Ozeanversauerung abzuschätzen. Ein Blick in die Vergangenheit könnte dabei helfen. Wie haben sich diese Systeme in der Vergangenheit verändert und welchen Einfluss hatte das auf Kaltwasserkorallen? Diesen Fragestellungen wollen Dr. Raddatz und seine Kollegen weiter nachgehen.

Die jetzt veröffentlichte Studie baut auf einer Arbeit vom GEOMAR Kollegen Dr. Sascha Flögel auf, die bereits Anfang des Jahres in der Fachzeitschrift Deep-Sea Research veröffentlicht wurde. Darin untersuchte Dr. Flögel zusammen mit Kollegen aus Großbritannien und Belgien, welche Umweltbedingungen für rezente Kaltwasserkorallen ideal sind. Dabei untersuchten die Forscher Proben aus Norwegen, Schottland, Irland, Frankreich, Spanien, Mauretanien und dem Mittelmeerraum. Ihre Ergebnisse geben einen Überblick, welches die bevorzugten physikalischen und chemischen Bedingungen für das Wachsen und Auftreten von Kaltwasserkorallen in den Arbeitsgebieten sind. „Ein entscheidender Parameter für das Wachstum von Kaltwasserkorallen im östlichen Atlantik und im Mittelmeer ist die Konzentration von anorganischem Kohlenstoff im Bodenwasser“, berichtet Dr. Flögel. Der Begriff anorganischer Kohlenstoff fasst verschiedene Kohlenstoff-Arten zusammen. „Dieser Gehalt ist regional verschieden und definiert daher, wo Kaltwasserkorallen wachsen können“, berichtet Dr. Flögel weiter. Neben dem Gehalt von anorganischem Kohlenstoff bestimmten die Wissenschaftler auch den pH-Wert des Wassers an den verschiedenen Lokationen. Diese Ergebnisse bildeten die Grundlage für die neu erschienene Studie in der Fachzeitschrift Biogeosciences.

Der Zusammenhang zwischen dem pH-Wert des Meerwassers als Maß für die zunehmende Ozeanversauerung und der Verbreitung von Kaltwasserkorallen bleibt ein spannendes Arbeitsgebiet. Als Teil des Gesamtprojekts hat Dr. Raddatz zusammen mit Kollegen mehrere Korallen vom Challenger Mound im nordöstlichen Atlantik untersucht. Der Challenger Mound wird von zahlreichen Kaltwasserkorallen bedeckt, die zusammen genommen die vergangenen drei Millionen Jahre abdecken. „Eine Untersuchung dieses Archivs im Hinblick auf pH-Veränderungen des Meerwassers wäre eine spannende Aufgabe“, fasst Dr. Raddatz zusammen. „Unsere neu entwickelte Methode um pH-Werte der Vergangenheit zu rekonstruieren, bietet dafür eine einzigartige Möglichkeit“.

Originalarbeiten:
Raddatz, J., Rüggeberg, A., Flögel, S., Hathorne, E. C., Liebetrau, V., Eisenhauer, A., and Dullo, W.-Chr. (2014): The influence of seawater pH on U / Ca ratios in the scleractinian cold-water coral Lophelia pertusa, Biogeosciences, 11, 1-9, 1863-1871, http://dx.doi.org/10.5194/bg-11-1863-2014

Flögel, S., Dullo – W.-Chr., Pfannkuche ,O., Kiriakoulakis, and Rüggeberg, A. (2014): Geochemical and physical constraints for the occurrence of living cold-water corals. Deep-Sea Research II: Topical Studies in Oceanography, 99, 19-26, http://dx.doi.org/10.1016/j.dsr2.2013.06.006

Raddatz, J., Rüggeberg, A., Liebetrau, V., Foubert, A., Hathorne, E. C., Fietzke, J., Eisenhauer, A., and Dullo, W.-Chr. (2014): Environmental boundary conditions of cold-water coral mound growth over the last 3 million years in the Porcupine Seabight, Northeast Atlantic, Deep Sea Research Part II: Topical Studies in Oceanography, 99, 227-236, http://dx.doi.org/10.1016/j.dsr2.2013.06.009

Links:
http://www.rcmg.ugent.be/ Renard Zentrum für Marine Geologie, Universität Genf
http://www.unifr.ch/geoscience/geology/ Fachbereich Geowissenschaften, Universität Freiburg
https://ees.kuleuven.be/ Fachbereich Erd- und Umweltwissenschaften, KU Löwen