Chinas Boom-Regionen wachsen auf aufgeschütteten Flächen im Meer
Forscher und Ämter beklagen Küstenzerstörung
von Johnny Erling

Peking – Kaiserliche deutsche Geschwader eroberten 1897 die ostchinesische Bucht Kiaotschou und bauten Qingdao zu ihrem kolonialen Großhafen aus. Doch heute schütten chinesische Baukonzerne die Bucht wieder zu. Von der 1928 noch 535 Quadratkilometer weiten Meerenge sind noch 367 Quadratkilometer Gewässer übrig. Auch am Hafen wird immer mehr Land aufgeschüttet. An 20 Projekten der Auffüllung wird gleichzeitig gearbeitet. Die Stadtregierung Qingdao holt sich 16 Quadratkilometer Bauland aus dem Wasser, berichtet die Tageszeitung „China Daily“.

Die nordchinesische Hafenstadt Tianjin plant, dem Meer gleich 79 Quadratkilometer für moderne Chemiekomplexe zu entreißen. Auch Südchinas Provinz Guangdong läßt massiv Land für Großindustrien gewinnen – die Küstenregionen „expandieren ins Meer“.

All dies sind Zeichen einer für chinesische Umweltschützer, Raumplaner und Meeresbiologen alarmierenden Entwicklung. „China Daily“ zitiert einen Forschungsbericht des Staatlichen Ozeanamts, wonach die Landgewinnung ein „wahnwitziges Tempo“ angenommen habe. Zusammen mit den in die Ozeane geleiteten Abwässern seien die Folgen für den Küstenschutz und das Ökosystem Küste unabsehbar, so Amtsdirektor Lin Shaohua. Chinas Strände hätten sich um die Hälfte reduziert. 80 Prozent der Korallenriffe und die Hälfte der Mangrovensümpfe seien stark beschädigt. „Im letzten Jahrzehnt nahmen die Planktonvorräte und der Fischreichtum dramatisch ab und wurde die Küstenbiologie ruiniert. Dies gilt besonders für die großen Flußdeltas des Jangtse, des Gelben Stroms und des Perlflusses.“

In den Mündungsgebieten finden Landentwickler leichtes Spiel. Sie können die Lößerde zum Aufschütten nutzen, die von den riesigen Strömen in die Mündungsgebiete geschwemmt werden. Erosion, als Folge von Raubbau, Monokulturen und Industrialisierung, hat die Schlammengen in Flüssen erhöht.

Nach offiziellen Statistiken wurden in drei großen Kampagnen zur Landgewinnung seit den fünfziger Jahren 1,2 Millionen Hektar Acker- und Nutzflächen aus dem Meer gewonnen, mehr als in jedem anderen Land. Findige Bauspekulanten und geldgierige Lokalregierungen verschärfen das Problem. Sie wichen auf die Meere aus, als ihnen Chinas Regierung verbot, die Ackerböden der Bauern zu Bauentwicklungsland zu machen. Vor dem neuen „Aufschüttungsboom“ warnt Xin Rongmin, Provinzdirektor für Meeresforschung in Shandong. „Sie verschlucken unser blaues Territorium.“

2002 hatte die Zeitschrift für Kartographie „Ditu“ auf Grundlage von Satellitenfotos erstmals Vergleichskarten des Vermessungsamtes veröffentlicht. Sie zeigten dramatische Veränderungen seit 1949. Küstenlinien und Inseln hatten sich ausgedehnt. Seen verschwanden oder verkleinerten sich. 50 Jahre reichten in China für Wandlungen, für die andere Kontinente Jahrhunderte brauchen. Das staatliche Meeresamt will nun bis 2009 Chinas Küsten systematisch untersuchen und erfassen.

Artikel erschienen am Fr, 27. Mai 2005
https://www.welt.de/print-welt/article672628/Chinas-Boom-Regionen-wachsen-auf-aufgeschuetteten-Flaechen-im-Meer.html

//