Die Zukunft der Ernährung: Fachgespräch Fischerei

Fachkonsultation Meere und Gewässer in der Welternährungssicherung: Perspektiven, Potentiale und Konflikte

Johann Heinrich von Thünen-Institut für Seefischerei; Hamburg

13. Dezember 2011; 10.00-17.00 Uhr

Fisch gilt in den wohlhabenden Gegenden der OECD, wo man sich seine Ernährung selbst aussuchen kann, als ernährungsphysiologisch hochwertige Eiweißquelle und wird von ErnährungsexpertInnen uneingeschränkt empfohlen. In den Ländern des Südens hingegen sind die Menschen auf die Proteinversorgung aus dem Meer elementar angewiesen, um ihre Grundversorgung zu sichern. Weltweit ist seit Jahren ein steigender Fischkonsum zu verzeichnen. Dieser übersteigt aber schon lange die Ressourcen, die zur Verfügung stehen. Die FAO geht davon aus, dass von den weltweiten Speisefisch-Beständen

– 52 % bis an ihre Grenze genutzt,
– 17 % überfischt und
– 7 % bereits völlig erschöpft sind.

Ähnlich wie bei anderen Rohstoffen treten die Industrieländer in direkte Konkurrenz zu den Bedürfnissen der Menschen und Länder und zerstören diese natürliche Lebensgrundlage durch eine fast unkontrollierte und industrialisierte Ausbeutung so, dass sie als Nahrungs- und v.a. Proteingrundlage zu verschwinden droht.

Ein beachtlicher Anteil des europäischen Fischkonsums stammt u.a. von den Küsten der Südländer. Den hochgerüsteten europäischen Fangflotten sind die Küstenfischer weit unterlegen. Ihre Fangmengen gehen zurück, die Fischbestände werden ohne Rücksicht auf ihre Regenerationsfähigkeit hinaus von europäischen Trawlern befischt, beides mit erheblichen schädigenden sozio-ökonomischen und ökologischen Auswirkungen für die betroffenen Regionen und einer massiven Bedrohung der Ernährungssicherheit der BewohnerInnen.

Die Überfischung der Ozeane inspirierte die Entwicklung neuer Konzepte der Fischproduktion. Fischfarmen in Küstennähe führen seitdem nicht nur zu einer Steigerung der Erträge sondern auch zu einer Zerstörung von Mangrovenwäldern, Überdüngung von Küstengewässern und einer massenhaften Verwendung von Fischmehl als Fischfutter. Der Ausbau der küstennahen Meeresaquakultur verdrängt nicht nur Kleinfischer von ihren Küsten, sondern ist auch zunehmend ein ökologisches Desaster. Sowohl die Lachs- und Shrimpsaufzucht mit ihrem hohen Antibiotikaeinsatz, als auch zunehmend die Raubfischzucht mit unglaublichen Bedarf an Fischmehl haben sich z.B. in Bangladesch, Peru und Chile zu heftigen Konflikten ausgeweitet. Eine Entwicklung, die immer neue soziale und ökologische Probleme nach sich zieht.

Aquakulturen könnten allerdings durchaus einen wichtigen Beitrag zur Versorgung mit Proteinen aus Fischen leisten, wenn bestimmte Prinzipien ihrer Bewirtschaftung verfolgt werden.

Ein großes Potential steckt auch in der Flussfischerei. Einer Studie des EED zufolge, die am Kongofluss in Westkongo durchgeführt wurde, könnte die Ernährungs­situation, vor allem die Proteinversorgung dort durch nachhaltige Flussfischerei deutlich verbessert werden. Allerdings zeigt sich auch hier, dass der von den industriellen Fishtrawlern gefangene Beifang auf den lokalen Märkten als gefrorener Billigfisch landet und den örtlichen Flussfischern durch Preisdumping das Leben schwer macht.

Die Fachkonsultation greift folgende Konflikte aus dem Spektrum der internationalen Fischerei unter dem Aspekt der nachhaltigkeitsorientierten Ernährungssicherung auf:

Ungleicher Wettbewerb um die Ressource Fisch: Edelfisch für Europa vs. Grundernährungssicherung in Afrika
Internationale, regionale und lokale Konflikte um Zugangsrechte zu der knapper werdenden Ressource Fisch: „Seagrabbing“
Konflikte in der Strategie um den Schutz der Fischbestände
Konflikte um Aquakulturen; Bedrohung oder Chance für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern?

WissenschaftlerInnen und VertreterInnen der Zivilgesellschaft sind herzlich eingeladen, einen Beitrag zur Diskussion zu leisten, die sich vorwiegend um folgende Fragen drehen wird:

Wie ist eine weltweite Versorgung mit Fisch auf eine nachhaltige, friedliche und faire Weise zu gestalten? Welche Bedingungen müssen dazu erfüllt werden? Wo gibt es Konflikte?
Wie können/ sollten Zugangsrechte zum Lebensmittel Fisch geregelt werden, um Konflikte friedlich bearbeitbar zu halten?
Welche Erfahrungen gibt es bisher in der EZ?
Ist die stärkere Berücksichtigung des Fischereithemas für eine Neuauflage des IAASTD notwendig?

http://www.zukunftderernaehrung.org/events/fachkonsultationen/fachgespraech-fischerei.html?lang=de

Programmflyer zum Download
http://www.zukunftderernaehrung.org/images/stories/pdf/flyer_a5_fischerei.pdf

//