Eisern verteidigt Walfänger Yosinori Shoji seinen Berufsstand gegen Kritik aus dem Ausland und gegen Walfleischverächter unter seinen Landsleuten. Besonders aufgebracht sind Umweltschützer, dass Japan „zu Forschungszwecken“ sogar im Schutzgebiet jagt.

Wenn der erste Wal der Sommersaison erlegt ist, sind die Grundschüler des japanischen Fischerdorfes Wada eingeladen, sich das Schlachten anzuschauen. Früh am Morgen wird der getötete Wal über eine Betonrampe an Land gezogen und in einer eigens für diesen Zweck gebauten offenen Halle im Hafen zerlegt. Zwanzig Männer machen sich an dem Kadaver zu schaffen. Blut fließt in Strömen. Wenn die Schlachter mit ihrer Arbeit fertig sind, gibt es ein Frühstück aus gebratenem Wal mit Wassermelone und Reisbällchen für die Kinder – und Walkotelettes für die Erwachsenen.

Es ist das beste Frühstück des Jahres, versichert Yosinori Shoji. Shoji ist ein örtlicher Fischerei-Unternehmer, dem das einzige Walfangschiff des Ortes, die „Shinamaru 31“, gehört. Er ist ein lebhafter Mann, der in dem Fischerort aufgewachsen ist, eine Zeitlang in Kiel gelebt hat und als Sprecher der japanischen Walfänger voller Elan den japanischen Walfang gegen Kritik aus dem Ausland verteidigt. „Hier auf der Halbinsel Boso wird seit vierhundert Jahren Walfang betrieben“, sagt Shoji. „Das ist Teil unserer Kultur und Geschichte, wir essen Walfleisch.“ Shojis Schiff geht mit einer Besatzung von sieben Matrosen auf Walfang vor der Küste Japans. Man halte sich an die Vorgaben der Internationalen Walfangkommission IWC und der japanischen Regierung, versichert Shoji. Japan hat durchgesetzt, dass 120 Minkwale im Jahr vor seiner Küste erlegt werden dürfen, 14 davon darf Shojis Boot fangen. Die IWC wacht über die Einhaltung dieser Quote. Außerdem hat Shoji von der japanischen Regierung eine Erlaubnis für das Erlegen von vierzehn Schwarzwalen, die von der IWC nicht zum Jagen freigegeben sind.

Unfaire Vorwürfe

Shoji hält auch Vorträge über den Walfang in der Mittelschule von Wada. In dieser Woche hat Shoji einen besonderen Gast eingeladen. Aus Tokio ist Shigetoshi Nishiwaki gekommen, vom Institut für Walforschung. Nishiwaki ist Meeresbiologe und Leiter des Walforschungsprogramms in der Antarktis. Schon fünfzehnmal war er auf wissenschaftlicher Walfangexpedition im südlichen Polarmeer. Mehrmals hat er dabei Zusammenstöße mit den Aktivisten von „Sea Shepherd“ und Greenpeace erlebt.

Den Jungen will der Wal nicht so recht schmeckenDen Jungen will der Wal nicht so recht schmecken

Die japanische Walforschung habe viele nützliche Daten erbracht, sagt er. Auf den Einwand, dass man Wale auch erforschen könnte, ohne sie zu töten, erwidert er, eine solche Forschung würde zu lange dauern. Nishiwaki hält den Schülern einen Vortrag, den auch ein Greenpeace-Aktivist gutheißen würde. Doch auf die Schülerfragen, wie er zur Kritik am Walfang stehe, reagiert er verärgert. Die Vorwürfe seien unfair, sagt Nishiwaki. „In Amerika wurden die Büffel bei der Eroberung des Westens für die Landwirtschaft fast ausgerottet, in Australien isst man Kängurufleisch, in China ist der Jangtse-Delphin ausgerottet, in vielen Staaten wurde lange Walfang betrieben.“ Die anderen sollten einmal über ihre eigene Geschichte nachdenken. Shoji springt dem Meeresbiologen bei: Japan wolle ja die Wale keineswegs ausrotten. Schließlich seien ja nicht alle Walarten vom Aussterben bedroht.

Die meisten jüngeren Japaner haben noch nie Walfleisch gegessen und trauern diesem Genuss nicht nach. Das Fleisch gilt zwar als Delikatesse und ist entsprechend teuer, doch bei den Jüngeren wächst neben der traditionellen Fischkost die Beliebtheit von Rind, Huhn und Schwein. Bei Studenten und Gymnasiasten steht der Umweltschutz hoch im Kurs. Sie haben deswegen auch Sympathien für die Walschützer. Ältere und alte Japaner sagen, dass sie seit ihrer Kindheit kein Walfleisch gegessen hätten – seit den kargen Nachkriegsjahren nämlich, als mangels anderer Eiweißquellen Walfleisch auf die Speisekarte der Schulmensen gesetzt wurde. Manche der älteren Japaner halten Walfleisch noch immer für einen Ersatz für das bessere Rindfleisch.

Will in Japan bald niemand mehr Walfleisch essen? „Das ist genau meine Sorge“, stöhnt der Abgeordnete Kodaira, der im japanischen Parlament für den Walfang und gegen dessen Kritiker im Ausland kämpft.

Nur wenige in Japan äußern sich kritisch oder wagen gar, den Sinn des Walfangs grundsätzlich anzuzweifeln. Es gehe nicht um die Kultur, sondern um die Einhaltung von Artenschutzbestimmungen, die auch die Regierung unterzeichnet habe, heißt es bei Greenpeace Japan. Der japanische Wissenschaftler Jun Morikawa schreibt in seinem Buch über den japanischen Walfang, dass die Kultur des Walessens in der japanischen Geschichte nie weit über die Küstenregionen hinaus verbreitet gewesen sei, außer in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Als Wirtschaftsfaktor sei der Walfang unbedeutend.
Eine Frage des Prinzips

Gegen eine Wiederaufnahme des kommerziellen Walfangs spricht sich auch der Meeresbiologe Nishiwaki aus. Damit würden nur bestimmte wirtschaftliche Interessen bedient, sagt er. Der Walfang sollte nur an der Küste für die lokale Bevölkerung oder für eine nachhaltige Nutzung der Meeresressourcen betrieben werden. Japan brauche Zeit, um sich umzustellen. Tatsächlich geht es weniger um Kultur als um eine Frage des Prinzips. Das von Rohstoffimporten abhängige Japan, das auch einen Großteil seiner Lebensmittel einführt, will sich nicht von Ressourcen fernhalten lassen. „Zuerst kommt der Wal und dann der Thunfisch“, fürchtet ein Beamter des Außenministeriums in Tokio. Offiziell wird weiter das Argument der Traditionspflege bemüht, das, wenn überhaupt, nur noch an wenigen Orten der japanischen Küste stichhaltig ist.

In der Mittelschule des Fischerdorfs Wada erklingt zur Pause Beethoven-Musik aus den Klassenzimmerlautsprechern. „Wir respektieren Ihre Kultur, respektieren Sie auch unsere“, sagt Shoji.

Quelle und vollständiger Artikel: „Walfang in Japan Eine Frage der Esskultur oder des Prinzips?“ in FAZ.NET 03.08.10

Kommentar: Lesenswerter Artikel über die japanische Sicht des Problems

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