Eine zehnjährige Mammutzählung maritimen Lebens in 25 Kerngebieten findet nun ihren Abschluss – der Katalog bekannter Arten könnte bis Oktober auf rund 230.000 Einträge anschwellen

Wie gewaltig das Vorhaben ist, einen Katalog sämtlicher im Meer lebender Wesen aufzustellen, lässt sich nur schwer einschätzen. Eine Annäherung bekommt, wer versucht, in einem durchschnittlichen Aquarium die Zahl der Bewohner zu schätzen. Fische, Quallen, Krustentiere füllen nun einmal keine Fragebögen aus, und die zum Plankton gehörenden Ein- und Mehrzeller verwehren sich dem bloßen Auge schon aus Prinzip. Trotzdem wollen die über 380 Forscher aus 80 Ländern ihre akribische Zählung nun zu einem vorläufigen Ende führen – zunächst mit einer Artikelsammlung im freien Wissenschaftsmagazin PLoS One, Anfang Oktober dann auch mit der offiziellen Vorstellung des Census of Marine Life.

Im Prinzip abgeschlossen haben die Wissenschaftler inzwischen die Zählung in 25 Meeresgebieten weltweit – und damit in so unterschiedlichen Ökosystemen wie der Ostsee oder dem tropischen Ostpazifik. Für weitere Gebiete wie Indonesien, Madagaskar oder die Arabische See sind die Berichte noch nicht komplett fertiggestellt.

Doch auch jetzt liefern die über zehn Jahre zusammengetragenen Daten schon ein interessantes Bild. So variiert die Artenvielfalt zum Beispiel zwischen 2600 und 33000 – im Mittel liegt sie bei 10750. Zu den besonders artenreichen Gebieten gehören die Meere rund um Australien und Japan, doch auch der derzeit von der größten Ölkatastrophe der Menschheitsgeschichte getroffene Golf von Mexiko ist noch unter den Top Fünf, dazu kommen das Meer um China und das Mittelmeer.

In der Ostsee konnten die Forscher zwar nur rund 4000 Arten zählen – doch bezogen auf sein Volumen weist das maximal 450 Meter tiefe Binnenmeer trotzdem die höchste Biovariabilität auf. Ähnlich verhält es sich, wenn man die Artenvielfalt auf die Meeresfläche bezieht – hier belegt die Ostsee immerhin den vierten Platz. Die Suche nach Krebstieren gestaltet sich im Baltikum eher langweilig – nur zehn Prozent aller Arten gehören dort zu den Crustaceen, während es etwa in der Karibik oder der Arktis bis zu 35 Prozent sind.

Arm ist die Ostsee auch an Spezies, die zu den Weichtieren oder den Fischen zählen – dafür trifft man rund um Japan auf besonders viele Molluskenarten, im tropischen Westatlantik auf besonders zahlreiche Fischarten. Dafür trügt der Augenschein nicht, dass das Baltikum ein Paradies für Algen ist – immerhin ein Drittel aller Arten wird hier von ihnen gestellt.

Weltweit gehören etwa ein Fünftel aller bekannten Meerestierarten zu den Crustaceen, den Krebstieren. Zusammen mit Weichtieren (17 Prozent) und Fischen (12 Prozent) bilden sie die für den Menschen exponierteste Hälfte der Tierarten – Einzeller, Algen, Schwämme oder Ringelwürmer bilden als uns eher fremde Arten die zweite Hälfte. Wale und Delphine, denen beim Artenschutz stets besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird, fallen wissenschaftlich gezählt in die nur zwei Prozent große Gruppe der „anderen Wirbeltiere“, zu denen auch Seevögel oder Meeresschildkröten gehören.

Am weitesten verbreitet sind demnach zwei sehr unterschiedliche Gruppen: Algen und Protozoen auf der einen Seite, Seevögel und Meeressäugetiere auf der anderen Seite, die schwimmend von Ökosystem zu Ökosystem wechseln. Unter den Fischen dürften nicht etwa Sardine oder Lachs, sondern die Viperfisch-Art Chauliodus sloani zu den am weitesten verbreiteten Spezies gehören – ein Räuber, der die Tiefsee zwischen 400 und 800 Metern bewohnt.

Ausgesprochene Endemiten finden sich allerdings ebenso – nachvollziehbarerweise in den besonders gut abgeschotteten Gebieten rund um Australien, Neuseeland, die Antarktis und Südafrika. Etwa die Hälfte aller Arten um Neuseeland und die Antarktis kommen nur dort vor, im Fall von Australien und Südafrika immerhin noch ein Viertel.

In der Ostsee fanden die Forscher genau eine endemische Art – den Tang Fucus radicans, der sich vermutlich erst in den letzten 400 Jahren entwickelt hat und mit dem Blasentang verwandt ist. Das Mittelmeer wird dafür von besonders vielen Invasoren geprägt – etwa 600 Arten sind hier eingewandert, vor allem via Suezkanal aus dem Roten Meer.

Sind die Forscher damit am Ende ihrer Arbeit angelangt? Ganz und gar nicht – sie haben höchstens einen guten Anfang hingelegt. Denn für jede bereits entdeckte Art, so schätzen Experten, warten noch vier weitere Spezies auf ihre Entdeckung.

(Matthias Gräbner, www.heise.de)

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