Anbei unser Verbändebrief zum Schutz der Tiefsee-Fischbestände

An die
Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
Ilse Aigner
Wilhelmstraße 54
10117 Berlin

Sitzung des Rats der Europäischen Union (Landwirtschaft und Fischerei) am 29. und 30. November 2010: Entscheidung über Fangmengen für Tiefseearten 2011 nach Vorschlag COM (2010) 545

Sehr geehrte Frau Ministerin Aigner,
sehr geehrter Herr Staatssekretär Dr. Kloos,

im November-Rat wird es u. a. um die diesjährige Vergabe der Fangquoten für Tiefseefische gehen. Diese Fischerei an den oberen Kontinentalhängen, an Seebergen, tiefen Fjorden und Bergflanken zwischen 400 und 2000 Meter Wassertiefe stellt eine besondere ökologische Belastung für die Meere dar. Tiefseefische sind durch ihre Langlebigkeit (bis zu 130 Jahre) und geringe Nachkommenzahl besonders an diesen Lebensraum angepasst. Insbesondere die Grundschleppnetzfischerei zerstört die hochempfindlichen Korallen- und Schwammhabitate, die Kinderstuben vieler Fischarten.

Seit 1998 bemerkt der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES), dass sich die Bestände der meisten Tiefseefische außerhalb sicherer biologischer Grenzen befinden. Zu lange und zu unreguliert konnte der Nordatlantik befischt werden. Dabei zeigen Daten aus dem Südpazifik, wie schnell diese Fischbestände einbrechen können und wie lange es bis zu einer Erholung dauert (soweit diese überhaupt möglich ist).

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat daher 2006 in ihrer Resolution 61/105 die RFMOs und Staaten zur Erhebung der Daten über empfindliche Tiefseeökosysteme und zu mehr nachhaltiger Fischerei aufgefordert. Diese Forderung hat sie letztes Jahr (UNGA 64/72) erneuert.

Vor diesem Hintergrund liegen die vorgelegten Quoten für Tiefseefische fernab dieser Verpflichtung. Im beigefügten Anhang finden sich für die einzelnen Fischarten aufgelistet die jeweiligen Kommissionsvorschläge und Überschreitungen der von der Wissenschaft gesetzten Ziele. Es ist unverantwortlich, dass wieder die Stimme der Wissenschaft so deutlich
ignoriert wird und Quoten jenseits der Nachhaltigkeit festgesetzt werden.

Zum Ende des „Jahres der Biodiversität“ fordern wir Sie auf, sich beim Fischereirat für einen eindeutigen vorsorgenden Schutz der empfindlichen Tiefsee-Ökosysteme und -Lebewesen einzusetzen.

Dazu gehört:

1) das ausnahmslose Befolgen der wissenschaftlichen Empfehlungen. So empfiehlt ICES eine Reduzierung der Fangquoten ALLER Tiefseefischarten;

2) eine Reduktion der TACs in den nächsten Jahren auf Null, solange die Datengrundlage keine nachhaltige Befischung im Einklang mit den internationalen Verpflichtungen der EU nachweisen kann;

3) mindestens eine Reduktion der TACs um 15 % und damit das Einhalten der sonst üblicherweise geltenden EU-Verpflichtung;

4) ein besonderer Schutz aller Tiefseehaiarten, besonders der vier im Kommissionsvorschlag genannten Arten sowie der Centrophorus granulosus sehr ähnlichen Art C. lusitanicus (Breitflossen Schlinghai), die in gemischten Fischereien mit gefangen wird und sonst unreguliert bleiben würde.

Wir bitten Sie nachdrücklich, alles daran zu setzen, den Schutz der Tiefsee im Sinne der Vereinten Nation durchzusetzen.

Wir freuen uns auf Ihre Antwort und stehen Ihnen jederzeit für ein Treffen und weitere Informationen zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Onno Groß
DEEPWAVE. e.V.

Im Namen von

Petra Deimer
Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere (GSM) e.V.

Fabian Ritter
M.E.E.R. e.V.

Dr. Sandra Altherr
Pro Wildlife e.V.

Dr. Georg Heiss
Reef Check e.V.

Ulrich Karlowski
Gesellschaft zur Rettung der Delphine e.V.

Heike Finke
NABU

Ulrich Stöcker
Deutsche Umwelthilfe e.V.

Dr. Ralf Sonntag
IFAW

Heike Zidowitz
Deutsche Elasmobranchier-Gesellschaft/European Elasmobranch Association

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