Mit dem heutigen Oktober-Newsletter von meeresakrobaten.de kam ein Hinweis auf einen Kommentar von meeresakrobaten.de zum Thema „Delfinarien und übereifige Aktivisten“. M.E. sehr lesenswert, obwohl ich in einigen Punkten deutlich anderer Meinung bin.

Die Rechnung geht nicht auf
Meeresakrobaten-Kommentar, 17. Oktober 2010

Während ein paar unermüdliche Aktivisten bzw. sogenannte Delfinbefreier “auf Teufel komm raus” darauf hinwirken, dass sämtliche unter wissenschaftlicher Leitung stehende Delfinarien in Deutschland ihre Pforten dicht machen und die zum Teil seit mehreren Jahrzehnten in diesen Einrichtungen lebenden Tiere einem Schicksal in Delfinarien außerhalb Deutschlands ausgesetzt sind, scheinen sich andere Länder nicht einen Deut um den Tierschutz im Allgemeinen und um die Befindlichkeit von Meeressäugern im Speziellen zu scheren.

Pest Control
Bei so viel emotionsgeladener Hetze gegen alle Delfinarien kommt ein weiterer Aspekt, der verantwortlich für die Delfin-Treibjagd in Japan ist, ganz zu kurz. Eine der Hauptursachen, warum japanische Fischer seit jeher Jagd auf die Meeressäuger machen ist: “Pest control”.
Laut den japanischen Fischern fressen die Delfine zu viel Fisch, sodass für die Menschen nicht mehr genug übrig bleibt. Diesem Aspekt werden gerade mal 30 Sekunden des Films gewidmet. Die “Anti-Delfinarien-Kampagne” in “The Cove” dauert dagegen ca. 25 Minuten!!!

Abschieben ist keine Lösung
Auf ihren Webseiten wettern die selbst ernannten Delfinschützer gegen alle Delfinarien, schlagen jedoch absurderweise vor, dass die Tiere aus Deutschland ins Delfinarium nach Harderwijk verbracht werden könnten. Dort gäbe es immerhin eine große Lagune, in der die Delfine mehr Platz hätten. Doch der Platz wird bestimmt ganz schnell nicht mehr ausreichen, wenn alle ca. 20 Großen Tümmler in die Niederlande transportiert werden, zumal es in Harderwijk auch eigenen Nachwuchs gibt. Die Mentalität “aus den Augen, aus dem Sinn” teile ich nicht. Abschieben als Lösung??? NEIN!!!

Optimierung statt Schließung
Ich setze dagegen auf Optimierung der bestehenden Anlagen. So wie es gerade in Nürnberg mit dem Bau der Lagune geschieht. Auch Duisburg gehört zu den Vorzeige-Delfinarien, schon alleine deshalb, weil die Einrichung ganz ohne Chlorierung des Wassers auskommt. Und Münster geht den Weg des Rückzugs, was vollkommen in Ordnung ist. Da man in Münster kein Geld für eine bessere Anlage hat, wird das Delfinarium in den nächsten Jahren umfunktioniert und soll verschiedene Seelöwen-Arten beherbergen.

Durch die Schließung des Delfinariums im Allwetterzoo Münster werden zunächst vier Große Tümmler (allesamt männliche Tiere) heimatlos. Ob sie in der Nürnberger oder in der Harderwijker Lagune ein neues Zuhause finden, ist noch ungewiss. Es muss genau überlegt werden, welche Delfine zusammen gehalten werden können. Denn jedes Tier ist ein Indivduum mit eigenen Charaktereigenschaften. Nicht umsonst gibt es die Zuchtgemeinschaft-Richtlinien der Zoos.

Was kann man tun?
Was kann man also tun, um mit beizutragen, dass das Delfin-Gemetzel in Taiji und an anderen Küstenorten Japans beendet wird?

* Man kann selbst nach Taiji reisen und dort als “Cove Guardian” mit friedlichem Protest die Fischer davon abhalten, Delfine zu töten (mehr dazu siehe unter Sea Shepherd Conservation Society).

* Beim Einkauf von Fisch auf Gütesiegel achten. So garantiert die MSC für nachhaltig gefangenen Fisch. Je mehr Fisch in den Ozeanen, je mehr Fisch bleibt für alle (auch für die Delfine) übrig …

* Nicht müde werden, den japanischen Botschaften zu schreiben und dort gegen die blutige “Tradition” in Taiji zu protestieren (Adressen siehe “Japan – Land der blutenden Buchten”).

* Nicht bei Schwimmangeboten mit Delfinen in der Türkei, in den arabischen Ländern oder in Asien mitmachen. Die Tiere stammen zum größten Teil aus Taiji.

* Reiseveranstaltern, die das Schwimmen mit Delfinen in oben genannten Urlaubsländern anbieten, mitteilen, dass die Tiere aus Wildfängen stammen, die in Deutschland nicht akzeptiert werden.

* Dem Dachverband aller Zoos und Aquarien WAZA schreiben (der Vorsitzende ist ein Schweizer, daher kannst du auf Deutsch schreiben), dass er sich weiter – wie bisher – vehement gegen die Aufnahme von Delfinen, die aus der Treibjagd in Taiji stammen, wenden und allen angeschlossenen Länderverbänden von einer Unterstützung der Treibjagd abraten soll (Adresse der WAZA: WAZA Executive Office, IUCN Conservation Centre, Rue Mauverney 28, CH-1196 Gland, Switzerland, E-Mail: secretariat@waza.org)

Vollständiger Artikel: Die Rechnung geht nicht auf

Mein Kommentar:
Die inhaltliche Verbindung des Delfinschlachtens in Taiji mit der Problematik Delfinarien in Deutschland und außerhalb Deutschlands hat mich auch lange Zeit gestört. Inzwischen gibt es aber genügend Hinweise, dass Taiji zig Delfinarien beliefert und damit zum Schicksal zahlreicher Delfine in sehr fragwürdigen Delfinarien weltweit beiträgt.

Wenn es nicht Taiji wäre, würden m.E. Delfine an anderen Stellen gefangen werden, zu lukrativ ist das Geschäft und zu viele Leute besuchen im Urlaub ohne größeres Nachdenken irgendwelche Delfinarien und wollen mit „Delfinen schwimmen“. Insofern ist Delfinfang in Taiji nur eine Teilmenge des Problems „Wildfang für Delfinarien“ . Auch da macht meeresakrobaten.de gute und richtige Hinweise.

Ich habe auch lange wissenschaftlich geleitete Delfinarien in deutschen Tiergärten verteidigt, weil ich dadurch Werbung für Delfine und Wale gesehen habe. Auch leisten die attraktiven Delfinarien wohl oft einen erheblichen Beitrag zum Betrieb anderer, nicht so publikumswirksamer Einrichtungen in Tiergärten. Zumindest sind sie oft Publikumsmagnet, d.h. sie führen dazu, dass man in den Tiergarten geht. Kinder und oft auch Erwachsene sind von der Eleganz und den Fähigkeiten („Kunststücken“) der Tiere begeistert. Ging mir früher auch so.

Kernfrage ist m.E. allerdings, ob es angesichts heute bekannter wissenschaftlicher Erkenntnisse moralisch und unter Aspekten modernen Tierschutzes rechtfertigbar ist, Delfine in mehr oder minder engen Betonbecken zu halten und für Shows abzurichten. Das gilt auch für die Delfinarien in deutschen Tiergärten, die zugegebenermaßen deutlich besser geführt werden als viele „Tourismus-Kommerz-Delfinarien“ im Ausland.

Hinzu kommt, dass durch die Wahrnehmung in Shows m.E. durch ein Bild das Bild des immerfreundlichen spielsüchtigen Delfins in Kinderköpfen und bei Erwachsenen gefördert wird, das zu einer völlig falschen Wahrnehmung der dieser Tiere und ihrer Probleme in freier Natur führt. Es wird doch auch keiner ernsthaft behaupten, dass ein Bär in der Zirkusarena einen Beitrag zum Schutz der Bären in freier Natur leistet.

Das Schlachten der Delfine in Taiji ist genauso wie das Schlachten der Grindwale eine „Tradition“, die aus meiner Sicht schnell beendet werden muss. Der Hinweis, dass die Delfine durch die japanischen Fischer als Schädiger der Fischbestände gesehen werden ist sachlich richtig, allerdings finde ich den unreflektiert übernomenen Begriff „pest control“ als Überschrift ziemlich daneben.

Der Hinweis, dass eine vernünftige Unterbringung für die Delfine aus zu schließenden Delfinarien gefunden muss, ist richtig. Etwas überzogen finde allerdings ich die pauschale Unterstellung, dass alle Delfinariengegner nach dem Prinzip „Aus den Augen, aus dem Sinn“ denken und handeln.“

Aus meiner Sicht sind deutsche Delfinarien in gewisser Art und Weise mit deutschen Atomkraftwerken zu vergleichen. Man sollte sich auf Restlaufzeiten und (Sicherheits)standards bis zum Ablauf der Restlaufzeit verständigen. Wollen oder können die Tiergärten die Standards nicht bereitstellen, muss schnell eine angemessene Unterbringung für die Tiere gesucht werden, da Auswilderen wohl kaum möglich ist, und die Delfinarien geschlossen werden.

//