Wie sehr plündert der Mensch die Meere? Bisher leiten Meeresbiologen den Zustand der Fischbestände vor allem aus den Fangzahlen ab. US-Meeresforscher kritisieren dieses Verfahren jetzt – und kommen zu anderen Ergebnissen. Verfechter der alten Methode weisen die Kritik jedoch vehement ab.


Bisher funktioniert die Inventur der Meere im Wesentlichen so: Aus den Angaben der Fischer analysieren Meeresbiologen, auf welcher Stufe der Nahrungskette die gefangenen Meerestiere anzusiedeln sind. Diesen Parameter bezeichnen die Experten als durchschnittliches trophisches Level, kurz MLT (Abkürzung für „mean trophical level“). Auf einer Skala von eins bis vier markieren Kleinstlebewesen wie Mikroalgen das untere, große Räuber, wie etwa Haie oder fleischfressende Wale, das obere Ende. Ein Tunfisch liegt etwa bei Stufe 3,5.

1998 erschien ein Artikel im Wissenschaftsmagazin „Science“, der anhand solcher Messungen einen globalen Abwärtstrend des trophischen Levels verzeichnete. Die Autoren nannten das Phänomen „fishing down the foodweb“. Damit warnten sie davor, dass der Mensch im Begriff ist, die marine Nahrungskette Stufe für Stufe zu überfischen, bis irgendwann nur noch Arten eines niedrigen trophischen Levels übrig sind – wie etwa Krustentiere oder Quallen.

In ihrer neuen Analyse konnten die Forscher der Washington University diesen Zusammenhang zwischen Fangzahlen und tatsächlicher Artenvielfalt jedoch nicht uneingeschränkt bestätigen. In fast der Hälfte, der von ihnen untersuchten Ökosysteme, fanden sie eine andere Artzusammensetzung, als es das zuvor ermittelte trophische Level vermuten ließ. „Das ist, als würde man für ein einzelnes Ökosystem eine Münze werfen“, sagt der Studienleiter Trevor Branch


Rainer Froese, Fischereibiologe am deutschen Meeresforschungsinstitut IFM-Geomar in Kiel, war seinerzeit Co-Autor der jetzt kritisierten „Science“-Studie. Er zeigte sich überrascht über den plötzlichen Angriff, die Methode habe sich vielfältig bewährt. „Wir konnten den ‚Fishing-Down‘-Effekt vielerorts auch lokal bestätigen, zum Beispiel in der Ostsee“, sagt Froese. Sein Kollege und damaliger Hauptautor Daniel Pauly, der das Fisheries Centre an der University of British Columbia leitet, sagt zudem im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, die neue Studie enthalte erhebliche Mängel.
Auch wenn die Forscher der Washington University Zweifel an der „Fishing-Down“-Hypothese hegen, wollen sie mit ihren Daten keinesfalls Entwarnung geben. Sie gehen stattdessen davon aus, dass die Überfischung insgesamt zugenommen hat, nicht nur bei den großen Raubfischen. „Wenn alles gleichermaßen ausgebeutet wird, bleibt das durchschnittliche trophische Level gleich“, so Branch. Deshalb sei es nicht sinnvoll, diesen Wert heranzuziehen um Aussagen darüber zu treffen, welche Fischerei nachhaltig ist.

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