Gestapelte Fischnetzfallen an Land, mit herumliegenden Tauen und schmalem Blick aufs Meer

© Erwan Hesry on Unsplash

Vor dem Gesetz sind sie nicht alle gleich. So haben Wirbeltiere, zumindest theoretisch, mehr Rechte als Wirbellose. Für sie gilt laut Tierschutzgesetz § 17: „Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet oder einem Wirbeltier aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden oder länger anhaltende oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt.“

Schaut man sich jedoch in der Realität um, insbesondere in Tierställen, so bemerkt man schnell, dass bei den meisten Tieren nichts von ihren Rechten ankommt. Der Spiegel schrieb Anfang Juni in einem Artikel über die tierschutzwidrige Haltung von Mutterschweinen, die seit Jahrzehnten von der Politik nicht nur geduldet sondern gefördert wird: 

Schweine sind soziale, fidele Tiere. Wenn man sie lässt, sausen sie herum, tollen miteinander, wühlen unablässig mit ihren Rüsseln im Boden. Von diesem artgerechten Benehmen können Mutterschweine hierzulande nur träumen. Deutsche Ferkelzüchter stecken ihre Zuchtsauen deren halbes Leben lang in Metallkäfige, die so eng sind, dass sie sich zwischen den Stäben nicht drehen, nicht wenden, nicht einmal hinlegen können, ohne der Nachbarin die Hufe in den Leib zu drücken. Diese grausame Haltung ist tierschutzwidrig, illegal und einer zivilisierten Gesellschaft nicht würdig, wird des Profits wegen aber geduldet.

Die CDU-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner will diese tierquälerischen Kastenstände noch unglaubliche 17 weitere Jahre erlauben. Anfang Juli wird der Bundesrat nun darüber entscheiden, ob die Zwangshaltung von Millionen Mutterschweinen in Deutschland tatsächlich fortgesetzt wird. Andere Länder sind in dieser Hinsicht schon deutlich weiter: Schweden hat den Kastenstand bereits 1988 verboten, Großbritannien folgte 1991 und die Schweiz 1997. Auch Länder wie Österreich, Holland und Norwegen haben den Kastenstand verboten.

Was hat der Kastenstand nun mit Meeresschutz zu tun?

Wenn Politiker:innen und viele Verbraucher:innen kein Mitgefühl mit Schweinen oder Kühen aufbringen können, deren Ferkel und Kälber große Augen und ein schönes Fell haben, Tiere, die wir sehen, hören und streicheln können, wenn deren Rechte einfach ausgehobelt werden: wer sorgt sich dann um die uns fremden, manchmal bizarr anmutenden Meeresbewohner, Tiefsee-Anglerfische, Hammerhaie oder Seegurken? 

Fische haben Schuppen, kein Fell. Sie haben keine Mimik, wir sehen es ihnen nicht an, ob sie sich freuen oder Angst haben. Wir können nicht hören, wenn sie an Bord eines Fischtrawlers ersticken, und bekommen es nicht mit, wenn sie bereits unter Wasser im überfüllten Netz zerquetscht werden. Aber auch sie sind Wirbeltiere und fallen unter §17 Tierschutzgesetz. Der Erstickungstod scheint nicht als „erhebliche Rohheit“ zu gelten und ist folglich zulässig.

Ohnehin gilt § 17 nicht für die unzähligen wirbellosen Meeresbewohner, wie zum Beispiel Krebstiere und Tintenfische. Studien weisen nach, dass sie Schmerzen spüren. Kraken gelten außerdem als eins der intelligentesten Wirbellosen überhaupt. Und doch ist es jedermann erlaubt, sie einzusammeln und lebendig in Stücke zu schneiden.

Nicht nur die großen Wale, lächelnde Delfine und majestätische Haie brauchen eine Schutzlobby, sondern auch all jene Meeresbewohner, denen es an großer Popularität fehlt. Sie haben ein Recht auf ein ungestörtes, friedliches Leben.

Was können wir also tun, um unsere Freunde im Meer zu schützen?

Als Verbraucher gestalten wir den Markt aktiv mit, und politisch initiierte Veränderungen können aktiv eingefordert werden. Durch unser Kaufverhalten können wir dafür sorgen, dass Fischtrawler im Hafen bleiben, statt mit ihren Netzen die Meere zu plündern, und wir können bei der Politik Meeresschutzgebiete einfordern, die keinen Fischfang erlauben. Im Gegensatz zu unseren Mitgeschöpfen können wir uns gegen Ungerechtigkeit wehren und sollten dies auch tun. Für sie alle, an Land und im Wasser, ob Wirbeltiere oder Wirbellose.

Literatur, die wir für einen Perspektivwechsel unbedingt empfehlen:
„Was Fische wissen“ von Jonathan Balcombe

sowie das großartige Kinderbuch
„Fische, Fische überall“ von Britta Teckentrup

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