taz: „Der Mond ist besser erkundet“

ROHSTOFFE Nicht nur Öl und Gas, auch Schwarze Raucher werden in der Tiefsee gesucht. Vor deren Abbau sollte das Ökosystem Meer erforscht werden, warnt die Journalistin Sarah Zierul

taz: Frau Zierul, die kommenden Jahrzehnte werden ein Wettlauf um die Rohstoffe in der Tiefsee sein, schreiben Sie in Ihrem Buch.

Sarah Zierul: Es geht um drei Rohstoffgruppen. Öl und Gas sind die eine Gruppe, dann gibt es noch Industrierohstoffen wie Erze und seltene Erde sowie die Metalle wie Gold und Silber an den Schwarzen Rauchern.

taz: Schwarze Raucher?

Das sind heiße Quellen tief am Meeresboden. An Schwarzen Rauchern leben hunderte Tierarten, und diese Geysire spucken Gold, Silber, Kupfer und Zink aus. Schwarze Raucher sind daher für Biologen wie für die Rohstoffindustrie von großem Interesse.

taz: Und die dritte Gruppe …

… sind biologische Rohstoffe. Aus Tiefseeorganismen werden von der Pharma- und der Biotechnologieindustrie längst Wirkstoffe und Medikamente gewonnen.

taz: Schon vor dreißig Jahren hatte der deutsche Bergbaukonzern Preussag – heute TUI – die Ausbeutung von Manganknollen im Pazifik vorbereitet, dann aber davon Abstand genommen, weil die Preise für Industrierohstoffe absackten.

In den letzten zehn, fünfzehn Jahren sind die Preise wieder sehr stark angezogen. Die meisten Experten sagen, dass es so weitergehen wird: weil die Rohstoffvorkommen an Land knapper werden oder schwerer auszubeuten sind oder weil es politische Restriktionen gibt wie jetzt von China. Gleichzeitig ist die Technik vorangekommen. Berichte aus den achtziger Jahren lesen sich teilweise noch wie Pleiten, Pech und Pannen. Dagegen sind die Unternehmen heute sehr viel weiter, vor allem die Ölindustrie, die ja längst in mehreren tausend Meter Tiefe erfolgreich fördert. Diese Technik lässt sich relativ leicht umrüsten, um beispielsweise Manganknollen aus der Tiefe zu heben. Innerhalb der nächsten zehn Jahre kann es daher richtig losgehen.

taz: Außerhalb der 200-Seemeilen-Wirschaftszone gehört das Meer zum „Erbe der Menschheit“. Doch die USA haben das Seerechtsübereinkommen nicht ratifiziert. Wird das juristische Inventar für einen Tiefseeboom ausreichen?

Nein. Wir müssen den Rechtsrahmen ausbauen. US-Außenministerin Hillary Clinton hat zwar angekündigt, das Seerechtsübereinkommen zu ratifizieren, doch viele Staaten versuchen, ihre Wirtschaftszone über 200 Seemeilen auszudehnen, was unter bestimmten Bedingungen möglich ist. Andere Staaten wie Deutschland haben bereits Claims im Pazifik abgesteckt. Das ist kein Planspiel auf dem Computer, sondern sehr konkret. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe schickt inzwischen zwei-, dreimal pro Jahr Expeditionen in den Pazifik.

taz: Viele Marinen rüsten auf, von Brasilien bis Saudi-Arabien. Erleben wir ein neues Wettrüsten – dieses Mal auf dem Meer?

Ja. China und Vietnam gehen aufeinander los, Korea und Japan streiten um eine Insel und damit um den Meeresboden drum herum, die Küste vor Angola ist ein Zankapfel, zwischen Argentinien und Großbritannien droht ein neuer Streit um die Falklandinseln. USA und Kanada schicken Kanonenboote in die Arktis, seit Russland dort eine Fahne am Meeresboden gehisst hat. Da braut sich einiges zusammen.

taz: Ob Erdöl aus zwei Kilometer Meerestiefe, Diamanten vor Namibias Küsten, Arzneimittel aus der Tiefsee – Sie sind vor allem um die ökologischen Folgen besorgt.

Es geht um hunderte, vielleicht tausende Tierarten und um ein Ökosystem, dessen Bedeutung für Ozeane und Klima noch überhaupt nicht erforscht ist. Der Mond ist besser erkundet als der Meeresboden, und Forscher kommen mit mehr Fragen zurück, als sie losfuhren. Solange wichtige Fragen nicht geklärt sind, dürfte eigentlich kein Abbau stattfinden. Wir müssen rechtzeitig Regeln schaffen, für alle Staaten verbindlich, die vor einer neuen Katastrophe wie der Ölpest im Golf von Mexiko greifen.

Sarah Zierul: „Der Kampf um die Tiefsee – Wettlauf um die Rohstoffe der Erde“. Hoffmann und Campe, Hamburg 2010, 350 Seiten, 22 Euro
———————————————————————-

Sarah Zierul

studierte in Köln und Malaga Politik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft. Sie arbeitet als Journalistin und Filmemacherin („Monitor“, „Abenteuer Wissen“ etc.). 2009 produzierte sie den Film „Wem gehört das Meer? Wettlauf um die letzten Rohstoffe“.

www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=pb&dig=2010/11/06/a0047&cHash=5c4e2862da

//