Tag 3 Marine Litter Watch Expedition

Tag drei unserer spannenden Reise. Als ich um kurz nach acht aus meiner Koje hüpfe, ist es noch ungewöhnlich ruhig auf dem Schiff, obwohl am Vorabend das Frühstück auf 7.30 Uhr gelegt wurde. Nur ein Bruchteil der Schiffscrew sitzt schon am Frühstückstisch und beklagt sich über das Regenwetter, das draußen wütet. Doch ich muss nicht lange warten, bis Onno Groß mit einem Planktonnetz in der Tür steht und mich zum Probensammeln mitnimmt. Auf dem kleinen Schlauchboot (dem „Zodiac“ oder dem „Dingie“) düsen wir in den Vorhafen Helgolands, um die ersten Planktonproben des Tages zu entnehmen. Dies stellt sich als eine große Herausforderung heraus, da die Strömung des abfließenden Hochwassers mit unserem kleinen roten Flitzer kämpft.

Nachdem die Probe sorgfältig in einen Eimer gefüllt wurde, machen wir noch einen kleinen Abstecher zu dem kleinen Strandabschnitt hinter der Westmole, um nach größeren Müllteilen zu suchen. Schon bei unserer Ankunft sehen wir neben dem dunkelbraunen Seetang und den grau- glänzenden Steinen auch grüne Fischernetze und quietsch-bunte Verpackungen in allen Farben. Auch mit Plastikgeschirr hätte man sich an diesem Strand ausreichend eindecken können – wenn man es denn wollte! Nachdem wir als Beweismaterial eine Glühbirne, einen Plastikdeckel, einen Schwimmwesten-Sicherheitsgurt, sowie acht Sandproben im Hochwasser- und Niedrigwasserbereich gesammelt haben, gehen wir zurück an Bord, wo das ZDF-Filmteam schon auf uns wartet.

Ab nun ist es vorbei mit der Gemächlichkeit auf dem Schiff. Alle laufen hektisch hin und her, suchen dies und jenes, und räumen Boxen und Eimer von hier nach dort. Das Filmteam hat genaue Vorstellungen von dem Dreh, doch das schlechte Wetter macht ihnen vorerst einen Strich durch die Rechnung. Um kurz nach elf, als wir gerade beim Einholen des Planktonnetzes sind, wird das lange Warten doch noch mit herrlichem Sonnenschein und einer wunderbaren Aussicht auf das rote Kliff von Helgoland belohnt.
Bei der zweiten Probenentnahme mit dem Filmteam nehmen wir den Wasserschlauch zur Hilfe, um Meerwasser durch ein Planktonnetz durchfließen zu lassen. Der Vorteil davon ist, dass mehr Oberflächenwasser gefiltert wird (300 l/min) und erfasst werden kann. Hier in der Helgoländer Reede zwischen Insel und Düne befinden wir uns an der ältesten Planktonsammelstelle der Welt, denn seit mehr als 100 Jahren werden hier täglich Proben genommen. Und tatsächlich finden wir auch hier Plastikteilchen in unserem Netz. Nachdem die Probe in dem mit Meerwasser gefüllten Glasschälchen für die Kamera fachgemäß hin und her geschwenkt wurde, wird alles sicher verstaut, damit wir zurück in den Hafen zum Auftanken fahren können. Während des Stopps genieße ich das original französische Ratatouille an Deck und beobachte die Touristen, die neugierig vor unserem Segler stehen und die Crew beim Tanken bestaunen. Sabina, ein Mitglied der Crew, geht kurzerhand in einen der vielen Duty-Free Shops, um sich für die weitere Reise mit Süßigkeiten einzudecken. Zeit hat sie genug, denn 2000 Liter Diesel tanken dauert eine Weile. Auch das Filmteam geht kurz an Land, um der gesamten Mannschaft Eis zu spendieren. Ein guter Lohn für den Drehtag denk ich mir und Löffel schnell mein Eis, um danach mit Tobias, unserem DEEPWAVE-Fotografen, die Nachbarinsel Düne zu besichtigen.

Auf der Überfahrt entdecken wir die Fleur de Passion, die für eine weitere Probenfahrt hinausfährt. Auf der Düne, die einst mit Helgoland verbunden war, aber nun ca. einen Kilometer entfernt liegt, machen wir einen kleinen Spaziergang am Strand, um nach Robben Ausschau zu halten. Wir müssen nicht lange warten, da schnauft es nicht weit von uns im Meer und wir entdecken viele Schnauzen aus dem Wasser ragen. Dass sie den Strand mit unzähligen Touristen teilen müssen, scheint sie nicht zu stören. Ihr Anblick macht mich jedoch auch ein bisschen wehmütig, wenn ich daran denke, dass auch sie von der Vermüllung unserer Meere betroffen sind und jämmerlich an unserem Abfall ersticken könnten.

Neben Robben tummeln sich auch viele kleine Strandläufer, Austernfischer und Möwen am Strand. Denn die Insel Düne ist bekannt für ihr gut besiedeltes Naturschutzgebiet. Deshalb ist der Strand im Vergleich zu unserem Abschnitt am Morgen auch wesentlich sauberer, wie wir feststellen können. Am frühen Abend sind wir zurück an Deck. Onno Groß erzählt uns von der Auswertung der Proben am Mikroskop. Wieder befanden sich Plastikfasern und undefinierbare blaue Objekte (vermutlich abgeplatzte Schiffsfarbe) in der Planktonprobe. Für das Filmteam des ZDF gutes Material für ihre Reportage für das Magazin „Abenteuer Wissen“ im Oktober. Für uns wieder einmal eine bittere Erkenntnis, dass die Nordsee längst nicht rein ist.

Am Abend schlendere ich mit Anna noch zum berühmten Brandungspfeiler „Lange Anna“. Auf einer kleinen Bank im Hafen machen wir eine Pause und unterhalten uns über die Expedition. Ein Mann auf einer Bank vor uns lauscht unserem Gespräch und bindet sich ein. Er verstehe nicht, warum Müll ein so großes Problem in der Nordsee sei, die Strände wären ja viel sauberer als damals, wirft er ein. Zudem wisse er nicht, wo der vermeintlich viele Müll herkomme. Wir erklären ihm, dass der Großteil des Mülles gar nicht direkt ins Meer gelangt, sondern durch Flüsse in dieses getragen wird. Als wir dann noch erzählen, dass viele der Plastikteile gar nicht direkt von den Küsten stammt, sondern aus hunderten von Kilometern Entfernung angeschwemmt werden, ist er sehr überrascht. Nach diesem langen und erlebnisreichen Tag freuen wir uns auf unser Hähnchencurry, ein Glas Rotwein und der geselligen Atmosphäre in unser immer noch viel zu kleinen Bordsküche. Morgen werden wir ab 5:00 nach Borkum übersetzen und schon um 7:00 ist die nächste Station inmitten der Schiffsautobahn. Ich bin gespannt, was wir dann finden werden.
Isabel Lissner (Geographiestudentin Universität Hamburg)

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