Aquakulturen an der Küste und speziell die Shrimps-Anlagen sind in vielen Teilen der Welt nicht nur Quelle für unseren Proteinverbrauch, sondern auch ein Problem, für die lokale Bevölkerung genauso wie für die Umwelt:

Futter / Energieverbrauch: Tropische Garnelen werden in Südost-Asien und Lateinamerika in extensiven, semi-intensiven und intensiven Teichwirtschaften gezüchtet (je nach der Anzahl Tiere pro Becken). Der Verbrauch an Süßwasser für die Zuchtanlagen ist sehr hoch, was in der Region zu Süßwassermangel führen kann. Beim Aufbau der Farmen müssen häufig Mangrovenwälder an der Küste weichen. Dadurch gehen die wichtigen Funktionen dieser Ökosysteme, wie bspw. Kinderstube für Fische oder Küstenschutz und Rohstoffversorgung verloren, was wiederum lokale soziale Strukturen schädigt.

Ökologische Auswirkungen der Zucht: Die Abwässer aus den Farmen gelangen in die Umgebung und verunreinigen diese mit Nährstoffen aus Fäkalien, Futterresten sowie mit Chemikalien und Medikamenten. Krankheiten aus den Farmen können auf wilde Bestände übertragen werden und diese erheblich schädigen.

Management: Garnelenzuchten unterliegen der jeweiligen Gesetzgebung ihres Heimatlandes. In vielen Ländern gibt es jedoch gar keine Umweltschutzgesetzgebung oder sie wird nicht durchgesetzt. Proteste der lokalen Bevölkerung führten in einigen Fällen zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die lokalen Gemeinschaften leiden unter den ungeregelten Bedingungen und dem Verlust ihrer angestammten Gebiete und Ressourcen.

Tropische Garnelen aus Wildfängen

Bestandssituation: Garnelen reagieren im Prinzip unempfindlich auf Überfischung, da sie sich schnell fortpflanzen und viele Nachkommen haben. Die tropischen Shrimps-Bestände sind aber unter anderem nach Daten der Welternährungsorganisation (FAO) bis an ihre Belastbarkeitsgrenze befischt.

Ökologische Auswirkungen der Fischerei: Die Schleppnetzfischerei auf tropische Garnelen produziert enorme Beifangmengen. Insbesondere Jungfische, andere Fischarten und Meeresschildkröten sind betroffen. Die Fangtechnik schädigt zudem die Bodenlebensräume, insbesondere Korallen, Muscheln und andere festsitzende Organismen.

Management: In vielen tropischen Ländern wird die Garnelenfischerei reguliert. Gebiete werden saisonal für die Fischerei geschlossen, es gibt Vorgaben für die Maschenweite der Netze sowie die Verpflichtung zur Verwendung von Einsätzen in den Netzen, die den Beifang von beispielsweise Meeresschildkröten verhindern sollen (so genannte TED – Turtle Excluder Devices). Das größte Problem ist aber die Handhabung und Kontrolle dieser Regeln. Oft kennen Fischer die Vorschriften nicht einmal. Darüber hinaus schaden kommerzielle Garnelen-Trawler den lokalen Küstenfischereigemeinschaften: Auf den Philippinen und in Indonesien kommt es zu Spannungen zwischen einheimischen Fischern und industrieller Fischerei. Nachdem eine Bodenfläche mit einem großen Schleppnetz befischt wurde, bleiben für die einheimischen Fischer kaum genug Fische und Meeresfrüchte, um ihre Familien ernähren zu können.

Quelle: WWF Deutschland

Analog zur Zertifizierung nachhaltigen Fischfangs durch das Siegel des Marine Stewardship Council, kurz MSC hat der WWF von April 2010 bis Februar 2011 in öffentlichen Diskussionen einen Versuch gestartet, auf der Basis der „International Principles for Shrimp Farming“, 2006 durch United Nations Food and Agriculture beschlossen, ein ähnliches Gütesiegel für Shrimp Aquakulturen zu schaffen. Der nach umfangreichen Diskussionen mit Politikern, Wissenschaftlern, Shrimpfarmern, Regierungstellen und Nichtregierungsorganisationen entstandene zweite Entwurf ist auf den internationalen Seiten des WWF in mehreren Sprachen verfügbar, leider nicht in Deutsch. Hier die englische Fassung.

Darüber hinaus gibt es noch weitere „Aquaculture Dialogues“. Nach Abschluss der Arbeiten sollen die dann geschaffenen Standards zur Anwendung an eine neu gegründete Organisation, das Aquaculture Stewardship Council, übergeben werden.

Kommentar:

Der WWF versucht mit den Aquaculture Dialogues analog zu dem Standard MSC für nachhaltige Meeresfischerei über Standards und Zertifizierung Veränderungen in den Köpfen und speziell im Kaufverhalten herbeizuführen. Diese Vorgehensweise wurde und wird beim MSC-Siegel immer wieder unter Umweltschützern- und Naturschützern kritisiert (siehe dazu auch Beiträge hier im Blog) und auch bezogen auf den Shrimp Dialogue und die dort angedachten Standards gibt es unverändert Kritik.

Einigen Umweltschutzorganisationen gehen die WWF-Kriterien weit genug oder, so beim MSC, werden unberechtigt angewandt. Immer wieder ist Argument, es werde mit so einem Standard / Qualitätssiegel der immer weiter zunehmende Proteinverbrauch letztlich mit dem Segen einer großen Umweltschutzorganisation mehr oder minder salonfähig gehalten und gefördert oder sogar, so einige Kritiker, angeheizt anstatt da konsequent entgegenzuwirken. Diese Argumente gibt es auch bezogen auf den beabsichtigten Shrimp Aquaculture-Standard. Die Kritik ist nicht ganz falsch, allerdings halte ich reinen Fundamentalprotest und sehr weitreichende Forderungen an Verhaltensänderungen sowohl im Ausland als auch bei den eigenen Mitbürgern auch für problematisch. Viele Argumente sind sicherlich gut und man vermeidet mit harten Positionen das Gefühl, dass man einen Pakt mit dem Teufel eingeht, aber allein bewirkt das auch nicht genug. Ich halte Standards und Gütesiegel für ein wichtiges Kaufhilfsmittel für uns alle und es erzeugt einen Verbesserungsdruck auf Produzenten und Handel und letztlich die Politik. MSC und auch die Aquaculture-Standards sind nicht perfekt, aber man kann ja als Umweltschützer weiter daran arbeiten. Insofern begrüße ich die Aquakulturen-Dialoge des WWF.

P.S.: Auch bei vegetarischer Ernährung gibt es unter Umweltschutzgesichtspunkten und bezogen auf die Lebensweise der einheimischen Bevölkerung Problembereiche wie z.B. den Sojaanbau.

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