So viele Seehunde gab es noch nie – Experten wollen Seehunde zum Abschuß freigeben –
so die abstruse Idee der Fischereiverbände

http://www.abendblatt.de/region/article2349222/Fischer-und-Jaeger-fordern-Abschuss-von-Seehunden.html

Die Wogen kochten hoch angesichts der Ankündigung Seehunde zu dezimierem…
Hier eine Replik:

Betreff: FMA: So viele Seehunde gab es noch nie – Experten wollen Seehunde
zum Abschuß freigeben

Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion!

Vorausschicken möchte ich, daß ich sowohl den anerkannten dänischen Experten
Thyge Jensen als auch Lorenz Marquardt den Vorsitzenden des
Landesfischereiverbandes Schleswig – Holstein, die in dem Artikel des shz
hauptsächlich zitiert werden, als seriöse und honorige Fachleute kenne, und
es mir daher nicht leicht fällt, ihnen entschieden zu widersprechen.

Zunächst einmal ist an den vorliegenden Angaben zur Bestandsentwicklung kaum
zu zweifeln, da sich die Anzahl von Seehunden und Kegelrobben im Wattenmeer
durch die regelmäßig durchgeführten Sichtungsflüge recht gut ermitteln läßt.
Eine grundsätzliche Frage kann damit allerdings nicht beantwortet werden,
nämlich von welcher Anzahl an Robben im Wattenmeer man ursprünglich ausgehen
hat und wie sich die Population in der Vergangenheit tatsächlich
entwickelte.
Es ist dabei nicht gänzlich von der Hand zu weisen, daß in einer sehr viel
größeren Population als der heutigen sich eine Immunität gegen das Virus
dauerhaft halten könnte, sodaß eine Wiederholung der Epidemien wie 1988 und
2002 wahrscheinlich ausgeschlossen wäre.

Ein Seehund nimmt täglich zwischen 300 und 1100 g Fisch zu sich und erbeutet
ca. 30 verschiedene Fischarten: nur ein Teil dieser Arten wird auch kommerziell genutzt.
Insgesamt „entnehmen“ also die 25 000 Seehunde zwischen Den Helder und
Esbjerg pro Jahr rund 9 125 Tonnen Fisch weniger als ein Viertel der
deutschen Fangquote für die Nordsee 2009 (44000 Tonnen).

Andere Länder sind da schon erheblich weiter. So haben sich 30 000
Stellerschen Seelöwen im Nordwesten der USA vertreten durch den Sierra Club
vor einem Bundesgericht gegenüber der nationalen Fischereibehörde das Recht
auf ausreichende fischereifreie Schutzzonen erstritten und sich dadurch eine
Quote gesichert.

Vielleicht sollte man besser die Auswirkungen von Lärm, Verschmutzung und
Habitatzerstörung durch die zunehmenden industriellen Aktivitäten in der
Nordsee vom Wattenmeer bis in die sog. AWZ, durch die vielbefahrenen
Schiffahrtsrouten, die militärischen Aktivitäten oder durch die industriell
betriebene Fischerei auf den Fischbestand und die Küstenfischerei
untersuchen, ehe man Seehunde und Kegelrobben für den Rückgang der Bestände
an Plattfisch, Kabeljau und Schellfisch verantwortlich macht.
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, daß durch die Bejagung innerhalb
weniger Jahrzehnte eine Robbenart regional völlig ausgerottet werden kann –
so geschehen mit der Kegelrobbe 1920 an der deutschen Ostseeküste.
Nicht zuletzt ist darauf hinzuweisen, daß die bisherige Landesregierung den
Etat für die Untersuchung von und Forschung an Meeressäugetieren erheblich
gekürzt hat, sodaß nicht mehr regelmäßig alle Totfunde untersucht werden
können. Damit kann man auch keine Aussagen mehr darüber machen, wie sich der
Immunstatus der Seehundpopulation im Wattenmeer entwickelt und ob die Tiere
vielleicht vielleicht in einem schlechten Ernährungszustand sind.

Mit freundlichen Grüßen
Andreas Pfander

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