20. Oktober 2010
Ein halbes Jahr genau ist es her, seit die von BP geleaste Ölplattform “Deepwater Horizon” im Golf von Mexiko explodiert ist. 87 Tage sprudelte das Öl aus dem Bohrleck – insgesamt eine Menge von etwa 780 Millionen Liter. Was hat sich seitdem getan? Wie zu erwarten, schwappte die weltweite Welle der Empörung erst hoch – und ebbte mit dem Verschluss des Lecks langsam ab. Das Thema Bohrstopp in der Tiefsee scheint mittlerweile wieder vom politischen Tisch:

Schneller, weiter, tiefer

Nun kommt Petrobras mit einer neuen Rekordtechnik um die Ecke: Sogenannte FSPOs sollen ca. 300 Kilometer vor der Küste Louisianas Bohrungen in bis zu ca. 2,7 Kilometer Tiefe ermöglichen. Das ist etwa doppelt so tief wie die missglückte BP-Bohrung im Macondo-Ölfeld. Das Öl soll dann nicht wie sonst üblich per Pipeline, sonder per Schiff, ein sogenanntes FPSO (Floating Production, Storage and Offloadin facilities) gefördert und ebenfalls per Schiff zu den an der Küste gelegenen Ölterminals und Raffinerien gebracht werden. Bei den FSPOs handelt es sich einfach gesagt, um Supertanker, die direkt aus bis zu sechszehn(!) Bohrlöchern in der Tiefsee Öl aufnehmen können. Die Anbindung an ein Pipelinenetz in Küstennähe wird für Petrobras unnötig, denn Shuttle-Tanker pendeln zwischen FSPO und Küste hin und her. Wie sich die neue Technik wohl zu den gerade verschärften Sicherheitsstandards der USA verhält?
Das neue Motto: Risikobewusstes Bohren

Bei so viel Engagement der Konkurrenz scheint auch der Tatendrang bei BP langsam wieder zu erwachen. BP-Manager Mike Utsler kündigte gestern an, das Tiefseegeschäft auszubauen. Woher das neue Selbstbewusstsein? Utsler ist zuversichtlich: Die Fehler lägen schließlich nicht nur bei BP: Hauptschuld trage der Subunternehmer, der für das Versagen des Schutzventils am Bohrloch verantwortlich sei. Außerdem sei der Einsatz von 3 Millionen Liter des giftigen Lösungsmittels Corexit angemessen. Zur Erinnerung: Der größte Teil des Öl-Corexit-Gemisch treibt immer noch im Meer oder hat sich auf dem Meeressgrund abgesetzt und wird das Ökosystem über Jahrzehnte belasten.
Kaum Transparenz

Wie sich das Öl in den folgenden Jahren auswirken wird – darauf hat niemand eine Antwort. Das Greenpeace-Schiff “Arctic Sunrise” ist derzeit auf dreimonatiger Expeditionstour und bringt Wissenschaftsteams in die betroffenen Gebiete. Unabhängige Forscher werden die gesammelten Datenmengen über Schwämme, Plankton, Blaukrabben, Pottwale, Korallen in den kommenden Monaten auswerten. Denn: Wenn schon BP und die US-Regierung ihr Datenmaterial bewusst zurückhalten, ist Skepsis angebracht. Ein vorläufiger Bericht der US-Untersuchungskomission warf erst kürzlich der Regierung vor, die Bevölkerung über das mögliche Ausmaß der Ölpest im Unklaren gelassen zu haben. Welche Überraschungen wohl angesichts des ausstehenden Mammutprozesses noch aus dem Hut gezaubert werden?

Quelle und vollständiger Artikel: „Drill Baby drill“ im Greenpeace-Blog

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