Quo vadis MSC ? Das Fischsiegel gerät unter Druck.

Zehn Jahre Erfolg für das blaue Fischsiegel! Das Fischlogo des Marine Stewardship Councils (MSC) auf den Verpackungen im Kühlregal bietet bisher dem Konsumenten Fisch allein aus nachhaltiger Fischerei an. Und bot damit ein Erfolgsrezept für die Fischindustrie sich zu verbessern (durch besseren Absatz und faire Preise) und veränderte im Nu die ganze Branche. Nun steht das alles auf dem Spiel, denn Kritik wird laut: Es geht um den Krill in der Antarktis, um Dornhaie, um die Wege der Zertifizierung und die Definition der richtigen Fischerei.

In der heutigen Diskussionsrunde mit Fischwissenschaftlern und Umweltverbänden wie DEEPWAVE e.V., Greenpeace, WWF u. a. in Hamburg wurden daher viele Fragen gestellt und Antworten gesucht. Das MSC-Siegel hatte eingeladen, um auch den Hintergrund eines wissenschaftliches Papers in der Zeitschrift Nature zu beleuchten. So wurde kürzlich vom Marine Stewardship Council eine Fischerei auf Krill zertifiziert. Die Krebse werden dabei in den unwirtlichen Gewässern des Südpolarmeers eingefangen und gelangen als Fischmehl in die Aquakulturanlagen der vornehmlich norwegischen Fischindustrie. Biofisch also auf Kosten der Nahrung für die Wale und Pinguine in der Antarktis?

Wie immer steckt das Problem im Detail. Sicher ist: die Krillfischerei würde sowieso gekommen sein, denn der Antarktisvertrag lässt solch ein Nutzung zu. Auch sicher ist, dass mit der umfangreichen Zertifizierung der Weg einer schonenden Fischerei beschritten wurde und dass vor allem gleichzeitig wichtige wissenschaftliche Daten (die letzen Bestandsmessungen sind aus dem Jahr 2000) gewonnen werden. Aber könnte das MSC-Siegel nicht dabei als Türöffner für diese letzten unbefischten Gebiete auf der Erde fungieren?

Ja zur Meeresnutzung, so das MSC, aber nur unter den Vorgaben ökologischer Kriterien. Und da kommt die Wissenschaft ins Spiel, die die Daten der Unbedenklichkeit liefern muss, bis dann durch einen sehr komplexen, abgewogenen und auch durchdachten Zertifizierungsprozess die Gutachter grünes Licht geben. Vorraussetzung ist dafür eine Definition z. B. wann sich Fischbestände erholen können und wie schnell?

Ein schlechtes Beispiel dafür wäre der Dornhai, dessen amerikanische Bestände in der Überprüfungsphase sind: Wenn ein Fisch erst mit 15 bis 30 Jahren geschlechtsreif ist und zudem mehr Weibchen (da größer) als Männchen gefangen werden, bräuchte eine Erholung der möglicherweise überfischten Bestände ca. 20 Jahre, wenn es überhaupt dazu kommt, da ja noch andere Faktoren wie Klimawandel, Verlärmung und Vermüllung der Meere auf die Bestandsentwicklung Einfluss haben. Das gilt auch für die anderen langlebigen Tiefseefischarten wie den neuseeländischen Hoki. Heute also zu viel fischen und morgen dann das Dilemma ausgestorbener Arten beweinen? Das war bisher nur die verfehlte Politik der Europäischen Union!

Die internationale Politik (wie das Seerechtsübereinkommen, Rio-Abkommen, UN-Fishstock-Agreement u. a.) hat im Übrigen die Vorgaben für Nachhaltigkeit schon lange definiert: Bitte nur soviel Fischen, dass der Ertrag und die Laichbiomasse der kommenden Fischgenerationen nicht geschmälert werden. Umgesetzt und erreicht wurde dieses MSeeY, der Maximum economic UND! ecological Yield (der maximal zu bewirtschaftenden Ertrag unter ökonomischen UND ökologischen Gesichtspunkten) für kaum eine Fischart: Zu variabel ist die Natur, zu wenig halten sich Fischer an Gesetze und zu hoch-technologisiert ist die Fangflotte. Das Vorsorgeprinzip steht auch im Grundsatzprogramm des MSC, aber nimmt man neue Daten zu Rate, verfehlen einige der bereits zertifizierten Fischereien im Atlantik dieses genannte Limit.

Das blaue Siegel änderte 2009 die Art und Weise wie Fischereien bewertet werden und hat in einem umfangreichen 2-Jahres Prozess nachgebessert. Natürlich muss noch dazugelernt werden und so manche Fischerei könnte in Zukunft nicht mehr das blaue Siegel tragen, das gilt für Haie, Schwertfische und auch Industriefisch wie Krill und Sandaal. Die Schwierigkeiten bei der Gründung einer naturverträglichen Fischerei zeigen eben auch, wie sehr der Mensch in die Meere eingreift und dass jeder Fischkonsum eine Auswirkung auf die sensiblen Ökosysteme hat.

Nach wie vor ist der Verbraucher beim MSC Siegel auf der besseren Seite, der Anteil der Produkte liegt erst bei ca. 15 Prozent. Diejenigen, die sich nicht mal die Mühe machen ihr Tun zu hinterfragen, sind da eindeutig die schlechtere Wahl.

Das blaue Siegel des MSC (Marine Stewardship Council) genießt weltweit Vertrauen und steht für umweltbewussten und nachhaltigen Fischfang.
www.msc.org/de

Nature-Diskussion

Ecologists fear Antarctic krill crisis

www.nature.com/news/2010/100901/full/467015a.html

Seafood stewardship in crisis
The main consumer-targeted certification scheme for sustainable fisheries is failing to protect the environment and needs radical reform, say Jennifer Jacquet, Daniel Pauly and colleagues.

www.nature.com/news/2010/100901/full/467015a.html

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