Von Müllstrudeln im Meer und Hormonstoffen im Blut: Wie der allgegenwärtige Kunststoff unsere Welt verändert

Doch, Plastik kann schön sein. Wenn man Tausende von Einkaufstüten aufschneidet und mit Klebeband aneinanderfügt, die Bahnen zu einem Ballon verklebt, wenn ein Ventilator das haushohe Gebilde aufbläst und Sonnenlicht durch die Folienhaut fällt, dann leuchten die farbigen Tüten wie Kirchenfenster. museo aero solar, so nennt die internationale Künstlergruppe ihre Kathedrale aus Müll, mit der sie seit 2007 um die Welt reist. In Mailand, in Lyon, in den USA und in Albanien haben Menschen Tüten dazugeklebt. Die dunklen, mit Filzstift bemalten Säcke stammen aus Medellin in Kolumbien, die mit den arabischen Schriftzeichen aus Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Jetzt wälzt sich der Ballon in Frankfurt vor dem Hangar auf dem ehemaligen Hubschrauberlandeplatz. Die Morgensonne soll die Luft in der Hülle erwärmen, bis der Temperaturunterschied groß genug ist und der Ballon abhebt. Kunst aus Müll, aus dem wertlosesten, dem am weitesten verbreiteten Material überhaupt. Kaum ein Produkt verkörpert unseren verschwenderischen Lebensstil so gut wie die Plastiktüte. Im Durchschnitt wird eine Tüte acht Minuten lang benutzt, sagt Alberto Pesavento, einer der Initiatoren des museo aero solar. Acht Minuten, so lange dauert es, die Einkäufe vom Supermarkt zum Auto und vom Kofferraum in die Küche zu tragen. Und dann?

Alles, was wir brauchen
Grenzwerte, Studien, Einzelstoffe: Nicht nur Heribert Wefers, Referent beim BUND, findet diese Diskussion mittlerweile »ermüdend«. Mindestens so wichtig ist vielleicht die Frage: Brauchen wir das alles – Einwegflaschen und Trinkpäckchen, Plastikuhren und Überraschungseier, Flip-Flops und Wattestäbchen?

Sandra und Peter Krautwaschl leben mit ihren zwei Kindern in einem kleinen Ort bei Graz. Seit sie im November 2009 den Film Plastic Planet gesehen haben, machen sie einen Selbstversuch: plastikfrei leben. Über ihr Experiment, das ursprünglich nur einen Monat dauern sollte, berichten sie regelmäßig im Internet. Unter www.keinheimfuerplastik.at finden sich mittlerweile viele Tipps für den plastikfreien Alltag: Wo man Zahnbürsten aus Holz bestellen kann. Dass man Haare nicht nur mit Shampoo aus Plastikflaschen, sondern auch mit speziellen Seifen waschen kann. Zum Putzen benutzt Sandra Krautwaschl Essig und Zitronensäure und zum Duschen Lavaerde. Für drei Produkte sucht sie noch nach einem plastikfreien Ersatz: Mozzarella – anscheinend gibt es in der Umgebung von Graz kein Feinkostgeschäft, das unverpackten Büffelmozzarella führt –, Sonnenmilch und Chips.

Der Verzicht scheint der Familie gut zu bekommen. Ihr Leben sei entspannter geworden, seit sie bewusster einkaufe, schreibt Sandra Krautwaschl. Vieles, was aus Plastik besteht oder in Plastik verpackt ist, habe sich als überflüssig oder sogar schädlich herausgestellt: Bodylotions werden nicht nur in Kunststoffflaschen verkauft, sie enthalten selbst auch Weichmacher. Abgepackte Lebensmittel haben häufig lange Transportwege hinter sich. Wer loses Obst und Gemüse kauft und auf saisonale Produkte aus der Region zurückgreift, schont so zusätzlich die Umwelt.

Eine Welt ohne Plastik wird es nicht mehr geben, das wissen auch die Krautwaschls. Aber schon mit weniger Plastik wäre die Welt ganz anders. Noch schöner.

Quelle und vollständiger Artikel: Publik-Forum Nr.17 10.09.2010

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