Greenpeace-Newsletter (Webversion) vom 04.02.2011

Liebe Umweltschützerin, lieber Umweltschützer,

es hat nicht mal ein Jahr gedauert: Seit Anfang Januar darf im Golf von Mexiko wieder nach Öl gebohrt werden. Dabei sollten sich politische Entscheidungsträger hüten, voreilig eine Bilanz der Katastrophe zu ziehen. Erste Erkenntnisse der dreimonatigen Greenpeace-Expedition im Golf zeigen: Das Öl ist noch lange nicht verschwunden, nur weil es nicht mehr zu sehen ist.

Neun Monate nachdem die BP-Ölplattform im Mississippi Canyon versank, sind die langfristigen Auswirkungen der Katastrophe auf das Leben in der Tiefsee nach wie vor schwer abzusehen. Dr. Bik von der National Science Foundation berichtet, dass bis November nur 250.000 US-Dollar zur Untersuchung von auf dem Meeresgrund lebenden Organismen aus dem insgesamt 19,4 Millionen US-Dollar umfassenden Hilfsfonds aufgewendet wurden. Zweifelsohne sind einige wichtige Maßnahmen mit den BP-Geldern durchgeführt worden. Allerdings ist unumstritten, dass BP seine Rolle als Geldgeber ausnutzt, um die Richtung der Forschung maßgeblich zu beeinflussen und mit darüber entscheidet, wann und wie Meldungen an die Öffentlichkeit gelangen.
Anbringen einer Boje ans Zwei-Mann-U-Boot Dual Deep Worker
Anbringen einer Boje ans Zwei-Mann-U-Boot, © Gardner/Greenpeace

Diese Tatsache in Kombination mit dem landläufigen „Mission erfüllt“-Tenor vieler US-Regierungsberichte in Bezug auf die Ölpest führte zu unserem Entschluss, selbst unabhängige Untersuchungen einzuleiten, um Erkenntnisse über das wahre Ausmaß und die Langzeitfolgen der Deepwater-Horizon-Katastrophe zu erlangen. Anfang August startete das Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise in den Golf von Mexiko.

Die Untersuchungen begannen in Florida, wo wir gemeinsam mit Wissenschaftlern von der Nova Southeastern University marine Schwämme untersuchten. Schwämme filtern große Mengen Wasser. Deshalb lassen sich in ihnen sehr gut die Auswirkungen sogar von niedrigen Konzentrationen von Öl oder Lösungsmitteln feststellen. Die gründliche Analyse wird sich noch bis April hinziehen.

Im Anschluss kamen zwei Forscher der Tulane University an Bord. Mit ihnen fischen wir Plankton, um so Untersuchungen an Larven der Blaukrabbe durchführen zu können. Endgültige Ergebnisse warten wir ab, doch die in den Proben auftauchenden, orangefarbenen Tröpfchen geben Grund zur Beunruhigung: Sollte sich herausstellen, dass es sich bei den Tröpfchen um Öl oder Lösungsmittel handelt, ist das eine sehr schlechte Nachricht. Dies wäre der Beleg, dass die Schadstoffe in die Nahrungskette gelangen.

Danach unterstützten wir ein Team des Littoral Acoustic Demonstration Center beim Ausbringen von Horch-Bojen, die Signale von Pott- und Schnabelwalen aufzeichnen. Diese Untersuchungen werden viel Aufschluss über die Konsequenzen der BP-Katastrophe für die in der Golfregion lebenden Wale geben. Aussagen von Wissenschaftlern der National Oceanic & Atmospheric Administration zufolge könnte bereits der Verlust von drei ausgewachsenen Pottwalen das Aus für die gesamte Walpopulation im Golf bedeuten; wir erwarten die Untersuchungsergebnisse mit großer Anspannung.

Und was ist mit der Tiefsee? Dank der Zusammenarbeit mit der Texas A&M University fanden wir Öl in Sedimentproben aus ca. 1400 m Tiefe. Ebenfalls stellten wir Abweichungen in Wasserproben fest, die 460 km westlich der Ölplattform entnommen worden waren. Ein Indiz dafür, dass eine Ölfahne viel weiter westlich gezogen ist als ursprünglich angenommen. Das Öl ließ sich eindeutig dem BP-Ölleck zuordnen.

Zu guter Letzt schickten wir das Zwei-Mann-U-Boot Dual Deep Worker los, um Auswirkungen auf Tiefseekorallen zu untersuchen. Wir fanden hier keine sichtbaren Anzeichen von Öl. Eine andere Forschergruppe jedoch, die mit einem Unterwasserroboter noch tiefer gelegene Riffe näher an der Ölplattform untersuchte, entdeckte große Mengen Öl und abgestorbene Korallen.

Jörg Feddern
Greenpeace-Ölexperte

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