«Die Natur wird leichtfertig ausgebeutet.»
WWF Meeresschutzexperte Stephan Lutter im dpa-Interview zur Ölkatastrophe im Golf von Mexiko und zu Umweltminister Röttgens Vorschlag eines Moratoriums für neue Bohrungen in der Nordsee

Wie gefährlich sind Öl-Bohrungen für die Umwelt?

Lutter: «Schon der ganz normale Betrieb ist ein Risiko. Eine bestimmte Menge Öl fließt immer ins Meer. Das sehen wir an den Öllachen um die Plattformen in der Nordsee. Und das Risiko eines sogenannten Blowouts, eines Bohrlochausbruchs, ist ständig da. Die Risiken steigen, je weiter man in die Tiefe geht.»

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) hat ein Moratorium für neue Ölbohrungen in der Nordsee vorgeschlagen. Ist das praktikabel?

Lutter: «Ich unterstütze das und hoffe, dass die Bundesrepublik einen solchen Antrag an das OSPAR-Abkommen in Kürze stellt. Ein Moratorium für die Nordsee ist aber nicht genug. Es muss auch um die angrenzenden Gebiete und Sockel im Atlantik gehen. Dort liegt die eigentliche Tiefwasserproblematik. Zum Beispiel hat Irland gerade seinen gesamten Festlandssockel westlich der grünen Insel zur Erschließung freigegeben.»

Sind die vielen Ölkatastrophen ein Zeichen für die leichtfertige Ausbeutung der Natur?

Lutter: «Auf jeden Fall. In bestimmten Gebieten, etwa im Niger-Delta, führt die Ausbeutung zu einer permanenten Umweltkatastrophe und Verseuchung. Der Schritt, in die Tiefsee zu gehen, ist meiner Meinung nach völlig unverantwortlich.»

Wie gut kann die Natur mit einer Ölkatastrophe umgehen?

Lutter: «Es gibt den natürlichen Abbau durch erdölfressende Bakterien, die sich ansiedeln, wenn Sauerstoff vorhanden ist. Im Wasser selbst findet also Ölabbau statt, aber bei Mengen wie jetzt im Golf von Mexiko, kippt das ganze Ökosystem um. Gerade Rohöl enthält sehr viele Schadstoffe, die nicht abgebaut werden können. Küstengebiete wie Salzwiesen, Mangroven oder das Wattenmeer sind unreparierbar, wenn sie einmal mit Öl bedeckt sind. Das dauert Jahrzehnte bis sich das Ökosystem einigermaßen erholt und danach ist es nicht mehr dasselbe.»

Die Ausbeutung der Ölvorkommen unter dem Meeresboden hinterlässt deutliche Spuren. Allein im Golf von Mexiko soll es rund 27 000 verlassene Quellen geben. Über ihren Zustand ist wenig bekannt

Sind verlassene Ölquellen eine Gefahr für die Umwelt?

Lutter: «Wenn sie ordnungsgemäß mit einem großen Pfropfen aus Beton und Metall verschlossen wurden, sind sie ungefährlich. Allerdings weiß man oft nicht, ob alles intakt bleibt. Besonders in der Tiefsee gibt es eine große Zahl von Ölquellen, über deren Zustand man nichts weiß. In flacheren Zonen ist das transparenter.»

Wer ist zuständig für die Überprüfung?

Lutter: «Das ist das große Problem: Die Kontrolle liegt bei den einzelnen Ländern. Es gibt bestenfalls Zusammenschlüsse von Staaten, die Auflagen für die Ölindustrie festlegen, so zum Beispiel das OSPAR-Abkommen zum Schutz der Meeresumwelt des Nordostatlantik. In Ländern wie Angola aber, wo die Regierung viel Geld von den Ölkonzernen bekommt, damit sie dort tiefbohren können, glaube ich nicht, dass die Kontrolle funktioniert. Und wir haben ja auch den Filz zwischen den US-Zulassungsbehörden und der Ölindustrie gesehen. Wir brauchen ein internationales Gremium für die Kontrolle bis hin zu Haftungsregelungen.»

Quelle: WWF

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