Foto: Annett Storm, MeeresBürger.de

Mehr als 100 Millionen Tüten, Plastikflaschen, Planen, Fischleinen und CD-Hüllen und anderer Plastikmüll sammelt sich in großen Müllteppichen. Die Auswirkungen auf die Umwelt und die Nahrung der Menschen sind noch nahezu unerforscht.

Die biologischen Auswirkungen der zunehmenden Verschmutzung sind bisher jedoch trotzdem nur unzureichend erforscht. Am häufigsten sind die direkten mechanischen Auswirkungen, wenn etwa eine Schildkröte eine Plastiktüte mit einer Qualle verwechselt oder wenn ein Albatros einen Plastikdeckel für einen kleinen Fisch hält. Die Plastikteile können direkt zu inneren Verletzungen führen oder den Magen blockieren, da sie sich nicht auflösen.

In manchen Kolonien verhungert ein großer Teil des Nachwuchses, weil ihre Mägen mit Plastik verstopft sind. Andere Vögel benutzen Plastikfetzen zum Nestbau und strangulieren sich damit. Jedes Jahr verenden auf diese Weise etwa eine Million Seevögel und hunderttausend Meeressäuger. Insbesondere unspezialisierte Jäger wie etwa der Eissturmvogel sind stark betroffen. Über die Auswirkungen auf Fische und Kleintiere wie Muscheln oder Garnelen ist hingegen noch äußerst wenig bekannt. Es wurden jedoch bereits Mikrokügelchen in den Verdauungsorganen von Muscheln nachgewiesen. Hier besteht ein immenses Forschungsdefizit. Insbesondere ist nicht klar, welche Folgen für die marinen Ökosysteme zu erwarten sind, wie sich die Plastikbelastung weiter in der Nahrungskette verhält, und wie viel zerkleinerter Müll letztendlich wieder auf unseren Tellern landet.

Während die mechanischen Schädigungen meist von größeren Abfallstücken ausgehen, werden die chemischen Auswirkungen hauptsächlich von kleineren Partikeln ausgelöst. So sind die in der chemischen Industrie weitverbreiteten Kunstharzgranulate ein gängiger Ausgangsstoff, der überall in der Welt erzeugt und transportiert wird und dementsprechend auch häufig verloren geht. Diese kleinen Kügelchen besitzen wie auch viele andere Kunststoffpartikel das Potenzial, wie ein Schwamm schwer abbaubare Schadstoffe an sich zu binden, so etwa Pestizide, Brandschutzmittel oder Treibstoffrückstände. So können sie die Stoffe anreichern und dann im Magen von Fischen an das Gewebe abgeben. Manche Substanzen wie der verbreitete Polymergrundstoff Bisphenol A besitzen auch hormonelle und erbgutverändernde Eigenschaften. In hinreichender Menge aufgenommen, schädigen solche Substanzen die Fortpflanzungsfähigkeit von Tieren oder besitzen eine krebserregende Wirkung.

Einige Wissenschaftler, sowohl von privaten wie von staatlichen Forschungseinrichtungen, befürchten sogar, dass diese Schadstoffe sich in der Nahrungskette weiter anreichern und schließlich auch dem größten Raubtier der Meere, nämlich dem Menschen, gefährlich werden könnten. Auch hier besteht Forschungsbedarf. Die Frage ist, ob Wirtschaft und Politik überhaupt wissen wollen, was jenseits des optischen, nicht jedoch des kulinarischen Horizontes ihrer Wähler und Verbraucher so alles passiert.

Abgesehen von den ökologischen und ästhetischen Auswirkungen steigen indes auch die ökonomischen Beeinträchtigungen. Die schottische Fischereiflotte verliert bereits circa fünf Prozent an jährlichen Einnahmen durch die zunehmende Verschmutzung, vielleicht aber auch deutlich mehr. Viele Millionen kostet jedes Jahr die Instandsetzung von Schiffsschrauben, die durch verloren gegangene oder über Bord geworfene Fangnetze und anderen groben Abfall beschädigt werden. Auch die Tourismusindustrie ist vielerorts gleichermaßen Verursacher wie Geschädigter. Wer kontrolliert schon gerne ständig seine Mitarbeiter und Gäste? Wer badet schon gerne an einem Strand, an den ständig Müll gespült wird? Die Reinigung wiederum ist personalaufwändig.

Es gibt auch erste Ansätze, besser abbaubare Kunststoffe zu entwickeln, die sich im Meerwasser nach kurzer Zeit vollständig auflösen. Viele der zurzeit als biologisch abbaubar bezeichneten Kunststoffe sind nach neueren Studien jedoch unter realen Bedingungen in Ozeanen ? vor allem aufgrund der geringen Temperaturen ? nur schlecht oder gar nicht abbaubar. Auch hier besteht immenser Forschungsbedarf, der Druck hierzu muss jedoch von Verbrauchern und Politik kommen.

Der Segen der Kunststoffindustrie, nämlich billig, energie- und ressourcenschonend dauerhaft haltbares Verpackungsmaterial bereit zu stellen, ist in dieser Hinsicht gleichzeitig ein Fluch. Denn aus diesen Gründen besteht wenig Anreiz, diese Stoffe einer Wiederverwertung zuzuführen und ihren Verbleib zu kontrollieren. Lassen sich Plastikflaschen am Strand noch mit erträglichem finanziellem Aufwand einsammeln, so sind millimetergroße Plastikkügelchen, die sich über zigtausende Quadratkilometer Ozean verteilen, jedem Zugriff entzogen.

Wie die Meeresforscherin Professor Angela Köhler vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven betont, lässt sich das Rad der Entwicklung hin zur plastikabhängigen Industriegesellschaft zwar nicht zurückdrehen. „Aber wir müssen uns doch überlegen, warum es uns so schwerfällt, uns zu disziplinieren im Umgang mit diesem Werkstoff, ohne den wir nicht leben können, der aber zugleich hochwertvoll und hochgefährlich ist.“

Quelle und vollständiger Artikel:
MeeresBürger News 27.04.11

und
http://www.welt.de/print/die_welt/wissen/article13265094/Muellkippe-Meer.html

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