In Kanada sterben die Robben noch bevor sie gejagt werden

Der Osten Kanadas erlebt einen der wärmsten Winter seit Messbeginn. Entlang der Küste hat sich das Eis nur spärlich gebildet. Robbenmütter finden kaum solide Schollen, auf denen sie ihren Nachwuchs gebären können. Viele Jungtiere kommen im Wasser zur Welt und ertrinken. Grund genug, die Jagd zu verbieten. Doch das Töten auf dem kanadischen Packeis geht weiter. Zehntausende Robben geraten ab April wieder ins Visier der Jäger. Die Jagdquote dürfte sich im Rahmen des Vorjahrs bewegen: um 300‘000 Tiere. OceanCare setzt sich dafür ein, dass die Schweiz Import und Handel von Produkten aus dieser brutalen Jagd unterbindet.

Wädenswil, 23.3.2011: Jedes Jahr verlassen rund 250000 trächtige Sattelrobbenweibchen die Arktis und schwimmen mehrere tausend Kilometer Richtung Süden. Im März bringen sie an den Küsten von Neufundland und Labrador sowie im Sankt-Lorenz-Golf ihre Jungen zur Welt. Die schneeweissen Babys werden auf dem Eis gesäugt, bis sie nach einigen Wochen das Fell wechseln und schwimmtauglich werden.

Doch die winterliche Landschaft an der Ostküste Kanadas verändert zunehmend ihr Gesicht. Gemäss der kanadischen Umweltbehörde bildet sich das Eis entlang der Küste seit siebzehn Jahren immer spärlicher. Die Winter 2010 und 2011 waren so warm wie selten zuvor. Der Sankt-Lorenz-Golf, der in der kalten Jahreszeit normalerweise zu 80 bis 90 Prozent zugefroren war, ist derzeit nur gerade zu fünf Prozent mit Eis bedeckt.

Klimawandel und Jagd bedrohen die Robbenbestände

Vielerorts suchen Robbenmütter vergebens eine geeignete Eisscholle für die Geburt. Zwei Wochen können sie ihre Jungen übertragen, doch dann müssen sie gebären. Einige tun dies inzwischen an Land, was für die Art unüblich ist. Die meisten Robben bringen ihre Jungen aber im Wasser zur Welt. Kanadas Fischereibehörde schätzt, dass 2010 allein im Sankt-Lorenz-Golf 90 Prozent aller Jungtiere so ertranken. Auch erwachsene Weibchen sind in Gefahr. Nach der langen Reise und der Trächtigkeit zehren die schwierigen Verhältnisse zusätzlich an ihren Kräften.

„Angesichts dieser Tatsachen müsste Kanadas Regierung die Notbremse ziehen und die Jagd verbieten“, sagt Sigrid Lüber, Präsidentin von OceanCare. „Doch wir rechnen damit, dass die kanadische Fischereiministerin Gail Shea in Kürze um die 300.000 Tiere zur Jagd freigeben wird.“ Rund ein Drittel dieser Quote würde im Sankt-Lorenz-Golf ausgeschöpft. Es steht zu befürchten, dass die Jäger dort die gesamte Jungpopulation des Jahres auslöschen werden. Bedenkt man, dass die Sterblichkeitsrate der Jungrobben bereits in früheren Jahren enorm hoch war, wird die Sattelrobben-Population durch Klimawandel und Jagd nachhaltig geschwächt.

Die Schweiz als Handelsplatz für Robbenprodukte?

Fehlende Absatzmärkte und sinkende Pelzpreise sollen den Jägern den Anreiz nehmen, immer mehr Zeit und Geld in eine unrentable Jagd zu investieren. Deshalb machten sich OceanCare, der International Fund for Animal Welfare (IFAW) und die Fondation Franz Weber (FFW) für ein EU-Embargo für kanadische Robbenprodukte stark, welches 2010 in Kraft trat.

Seit 2008 lobbyieren OceanCare und FFW intensiv für ein Import- und Handelsverbot für Robbenprodukte auch in der Schweiz. Doch die Eidgenossen tun sich schwer damit. 2008 wurde eine Motion des Nationalrats für ein Embargo vom Bundesrat gutgeheissen, vom Ständerat aber abgelehnt. Eine Gegenmotion des Ständerates zugunsten von Robbenprodukten aus staatlich zugelassener Jagd – auch jener Kanadas – fand 2009 die Zustimmung des Bundesrates, wurde vom Nationalrat aber glücklicherweise verworfen. Dessen Gegenmotion für ein Verbot analog der EU fand 2010 wiederum beim Bundesrat keine Gnade. Das Gremium fürchtet eine Klage Kanadas bei der Welthandelsorganisation (WTO), obwohl diese das EU-Embargo als „notwendig zum Schutz der öffentlichen Moral“ bezeichnet. In der Herbstsession 2010 lehnte der Ständerat die Motion des Nationalrats mit 16:19 Stimmen knapp ab.

Bevölkerung soll dem Nationalrat den Rücken stärken
Im Oktober 2010 lancierten OceanCare und Fondation Franz Weber eine Petition für ein Verbot von Robbenprodukten in der Schweiz. Die Unterschriftensammlung wurde bis Mitte Juni 2011 verlängert. Die Petition soll die Haltung des Nationalrats bekräftigen und deutlich machen, dass Robbenprodukte in der Schweiz nicht erwünscht sind.

Petition: Keine Einfuhr von Robbenprodukten in die Schweiz!
www.oceancare.org/de/downloads/Robben/FFW-Pet-10-Robben-D-OC-Web.pdf

Medienkontakt:
OceanCare
Sigrid Lüber, Tel. +41 (0)44 780 66 88, slueber@oceancare.org

Über OceanCare:
OceanCare setzt sich seit 1989 für den Schutz der Meeressäuger und der Ozeane ein. Jagd, Lärm, Überfischung und Zerstörung der Ökosysteme bedrohen die Zukunft der Tiere – und auch unsere. Mit konstruktiven Massnahmen wie Forschungsprojekten und Umweltbildungskampagnen sowie dem Engagement im Bereich der Gesetzgebung und in internationalen Foren verschafft sich OceanCare weit über die Landesgrenzen Gehör und setzt Verbesserungen durch. Bei all ihren Aktivitäten strebt OceanCare eine lösungsorientierte Zusammenarbeit an. Denn: Was uns alle angeht, können wir nur gemeinsam lösen. www.oceancare.org

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