Quelle
Spiegel Online, 6 December 2010

Siehe dazu auch ZDF Heute Magazin und das Interview mit Gerhard Wegner, Präsident von Sharkproject.

Auszug
Der tödliche Haiangriff auf eine Deutsche bei Scharm al-Scheich erschreckt Tauchtouristen – es war nicht die erste Attacke auf Menschen in den vergangenen Tagen. Ägyptens Behörden stehen in der Kritik: Wurden die Raubtiere durch illegal entsorgte Schafskadaver zum Badestrand gelockt?

„Ich bin schockiert über die geballte Anzahl von Haiangriffen und den Tod der süddeutschen Urlauberin“ , sagt Meeresbiologin Tina Gauer. Sie kann sich das Verhalten der Tiere „einfach nicht erklären. Das ist vollkommen untypisch. Menschen gehören einfach nicht zu deren Beuteschema.“

Experten zufolge sind die Angreifer Weißspitzen-Hochseehaie. Sie meiden normalerweise Küstengebiete und bleiben auf offener See. Immer wieder wurde vermutet, die Überfischung ihrer natürlichen Lebensräume könne die futtersuchenden Tiere in die Nähe der Küste getrieben haben. Das hält Biologin Gauer allerdings für wenig plausibel. „Das Rote Meer ist eines der fischreichsten Gewässer der Welt. Wenn dies der Grund wäre, müsste es beispielsweise im Mittelmeer, das deutlich stärker unter Überfischung leidet, fast täglich zu Haiangriffen kommen.“

Augenzeugen sagen, Schafskadaver seien in der Nähe des Unglücksorts bei Ras Mohammed illegal ins Meer entsorgt worden. Für Gauer ein unglaublicher Vorgang: „Offiziell ist Ras Mohammed ein Nationalpark, für den die Besucher auch Gebühren zahlen müssen. Müll- und Abfallentsorgung, Fischerei, alles ist verboten – doch die Kontrollen sind nicht nur lasch, sie sind praktisch gar nicht vorhanden.“ Die Einhaltung der Regeln „interessiert hier keinen“.

Schafe würden in Ägypten oft unter schlimmsten Bedingungen transportiert, viele verendeten während der Fahrt, sagt die Biologin. Die Kadaver würden dann im Meer entsorgt, auch in unmittelbarer Nähe zu den Badegästen.

Augenzeugen zufolge wurde auch jener Weißspitzen-Hochseehai angefüttert, der im Juni 2009 eine französische Schnorchlerin im Roten Meer so schwer verletzte, dass sie später ihren Verletzungen erlag. Sharkproject-Präsident Gerhard Wegner rät wegen des Anfütterproblems dringend davon ab, „ohne Käfig an Schnorchel- oder Tauchtouren teilzunehmen, bei denen Haie mit offenem Futter angelockt werden“.

Neben dem Anfüttern gibt es aber noch vier weitere Faktoren, die Haie aggressiver machen können:

– Die Irritation der Sinne – also schlechte Sicht, ungewohnte Geräusche und elektrische Signale wie durch das Auslösen einer Unterwasserkamera. Vom Menschen deutlich schwerer zu kontrollieren als das Anfüttern.
– Der Konkurrenzdruck, wenn sich mehrere Haie im selben Gebiet aufhalten.
– Die Konditionierung der Tiere durch den Menschen.
– Individuelle Faktoren – jeder Hai ist anders, zwei Exemplare derselben Gattung können vollkommen unterschiedliche Verhaltensmuster zeigen.

Was geschah in Scharm al-Scheich?

Sharkproject Päsident und Haiforscher Wegner hat eine Theorie, wie es genau zu den vermehrten Angriffen rund um Scharm al-Scheich gekommen sein könnte. Strömungen würden „mehrmals jährlich das Plankton dicht an der Küste vorbeitreiben, dem dann die Beutetiere der Haie folgen“ und damit die Haie selbst. Wenn dazu noch Schafskadaver, Hotelabwässer und Abfälle kämen, dazu Badende oder Schnorchler – dann „riecht der Hai Futter, er schmeckt Futter und sieht etwas, was sich wie Futter verhält. Eine tödliche Kettenreaktion“.

Wenn sich Menschen in Lebensräume großer Raubtiere vorwagen, lässt sich ein Restrisiko nie ausschließen. Aber das Baden in Scharm al-Scheich kann sicherer werden, sagt der Experte – nämlich durch ein Komplettverbot von Anfütterung. „Dazu gehört auch indirektes Futter: keine Abfallentsorgung der zahlreichen Tauchschiffe in Küstennähe mehr, keine Müllentsorgung der Hotels im Meer, keine Abwassereinleitung dort, wo Menschen schwimmen gehen“.

Der Gouverneur von Sinai Süd, Mohammed Schuscha, wählt jedoch einen anderen Weg: Er hat angekündigt, dass alle Strände in und um Scharm al-Scheich gesperrt blieben, bis sämtliche potenziell gefährlichen Haie vor der Küste gefunden und gefangen seien.

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