STUDIE FORDERT EU-VERBOT DES ABTRENNENS VON HAIFLOSSEN AUF SEE

Expertenbericht erweitert öffentliche Erhebung zu Gesetzeslücken im Finning-Verbot

BRÜSSEL, 9. Dezember 2010 Haifischereiexperten fordern in einem heute veröffentlichten Bericht, dass europäischen Fischern zur wirksamen Durchsetzung des EU-Finning-Verbots ein Abtrennen von Haiflossen an Bord ihrer Schiffe nicht länger gestattet wird und weisen darauf hin, dass Gesetzeslücken in den EU-Verordnungen es derzeit ermöglichen, dass geschätzten zwei von drei Haien die Flossen abgeschnitten werden, ohne dass dies entdeckt oder bestraft würde.

Unter dem Titel „Haifischflossen in Europa: Die Implikationen einer Reform des EU-Finning-Verbots“ vergleicht die von der Haiexpertengruppe (SSG) der Weltnaturschutzunion (IUCN) und der Europäischen Elasmobranchien Vereinigung (EEA) herausgegebene Expertenstudie die Befischung, Verarbeitung und den Vertrieb von Haien unter EU-Richtlinien mit dem Rest der Welt und gibt Empfehlungen zur Verbesserung ab.

„Die internationale Debatte darüber, ob Finning“ – d. h. die verschwenderische Praxis, die Flossen eines Hais abzutrennen und den Körper zurück ins Meer zu werfen – „verboten werden soll und wie ein solches Verbot am besten umzusetzen ist, tobt nun schon seit über zehn Jahren“, so Sarah Fowler, die Verfasserin des Berichts und ehemalige SSG-Co-Vorsitzende sowie EEA-Präsidentin. „Unser Bericht will diese Entwicklung beleuchten, mit Schwerpunkt auf der Bedeutung der Fischerei-, Handels- und Managementrichtlinien der EU, und klare Empfehlungen dafür zu entwickeln, wie die derzeitige Situation verbessert werden kann.“

Im Rahmen ihrer Ausführungen zur Untersagung jeglichen Abtrennens von Flossen auf See als beste Methode zur Umsetzung des Finning-Verbots stellten die Experten fest, dass diese Methode darüber hinaus die für die Einschätzung und das Management der Haibestände unerlässliche Erhebung artenspezifischer Fangdaten erleichtert.

„Die mit dem Finning einhergehende Verschwendung und nicht nachhaltige Sterblichkeit bedroht Haibestände, Fischerei, Ernährungssicherheit und die Nachhaltigkeit mariner Ökosysteme“, so Sonja Forham, stellvertretende Vorsitzende der IUCN SSG und Mitverfasserin des zusammenfassenden Berichts. „Die verlässlichste Methode zur Durchsetzung eines Hai-Finning-Verbots ist die Verpflichtung zur Ganzkörperanlandung von Haien. Diese Methode wird der Fischereiwirtschaft, insbesondere in Mittel- und Nordamerika, zunehmen verordnet, und führt weltweit zu Veränderungen.“

Die Studie wurde erarbeitet mit dem Ziel, zur aktuellen Debatte um die Schwachstellen der Finning-Verordnung der EU beizutragen. Im vergangenen Monat hat die EU-Kommission eine öffentliche Erhebung zu Vorschlägen hinsichtlich der Überarbeitung der Finning-Verordnung eingeleitet, darunter der Vorschlag eines Verbots der Entfernung von Flossen auf See. Die Shark Alliance hat diese Erhebung begrüßt.

„Die EU hat die Tür für das Hai-Finning schon viel zu lang offen gelassen“, so Uta Bellion, Direktorin des europäischen Meeresprogramms der Pew Environment Group und Koordinatorin der europäischen Aktivitäten der Shark Alliance. „Der vorliegende Bericht bekräftigt unsere Forderung an die EU-Kommission, 2011 einen Gesetzesvorschlag zu unterbreiten, der die einzige verlässliche Methode zur Verhinderung von Finning – das vollständige Verbot der Entfernung von Haiflossen auf See – beinhaltet.“

Spanien, Frankreich, Großbritannien und Portugal gehören zu den 20 wichtigsten Haifangnationen. Zusammengerechnet ergeben die Fangerträge dieser vier EU-Mitgliedsstaaten ein Volumen, das nur noch von Indonesien übertroffen wird und der EU im weltweiten Vergleich der Haifänge einen zweiten Platz beschert.

Link hier für eine Kopie des Berichts: www.sharkalliance.org

Media contact :
Sophie Hulme, mob : +44 7973 712869, email Sophie@communicationsinc.co.uk

Hinweise für die Redaktion:
Die Shark Alliance ist ein Zusammenschluss von mehr als 100 Naturschutz-, Wissenschafts- und Freizeitorganisationen, der sich für die Wiederherstellung und den Schutz der Haipopulationen mithilfe verbesserter Richtlinien zum Schutz der Haie einsetzt. Gründer und Koordinator der Shark Alliance ist die Pew Environment Group, die Naturschutzabteilung des Pew Charitable Trusts, einer Nichtregierungsorganisation, die der Überfischung der Weltmeere ein Ende setzen will.

Gleichwohl die Finning-Verordnung der EU das Abtrennen von Haiflossen auf See untersagt, ist es den EU-Mitgliedsstaaten gestattet, Fischern Sondergenehmigungen zur Hai-„Verarbeitung“ und damit zur Abtrennung von Flossen an Bord der Schiffe zu erteilen. Deutschland und Großbritannien haben die Erteilung solcher Genehmigungen vor kurzem gestoppt. Derzeit werden diese nur von Spanien und Portugal erteilt, und zwar für die meisten ihrer im Haifang tätigen Fischer.

2003 unternahmen EU-Fischereimanager den Versuch, das Finning im Schutze dieser Genehmigungen mithilfe der Festlegung einer Obergrenze für das Gewichtsverhältnis von Flossen zum Körper zu unterbinden. Der Verhältniswert von Flossen- zum Körpergewicht dient weltweit der Überwachung einer ausgewogenen Anlandung von Haiflossen und –körpern. Allerdings ist das von der EU angesetzte maximale Gewichtsverhältnis von 5% des Gesamtgewichts für Flossen höher und großzügiger als das anderer Länder. Darüber hinaus ist es europäischen Schiffen derzeit gestattet, Haiflossen und –körper in verschiedenen Häfen anzulanden. Diese zweite Gesetzeslücke verkompliziert die Umsetzung und untergräbt die Wirksamkeit einer ohnehin schwachen Politik. Die verlässlichste Methode zur Durchsetzung eines Hai-Finning-Verbots besteht in einer Verpflichtung zur Ganzkörperanlandung von Haien.

Eine Kopie des öffentlichen Diskussionspapiers kann heruntergeladen werden unter:
ec.europa.eu/fisheries/partners/consultations/shark_finning_ban/index_en.htm

Aufgrund ihres langsamen Wachstums, der späten Geschlechtsreife und der geringen Anzahl an Jungtieren sind die meisten Haiarten besonders anfällig für Überfischung und erschöpfte Bestände nur schwer zu regenerieren. Der Verlust von Spitzenprädatoren schwächt die Stabilität des marinen Ökosystems, und Überfischung (auch durch Finning) ist die zentrale Ursache dafür, dass Haie zunehmend vom Aussterben bedroht sind.

Über die Verfasser und Organisationen:

Sarah Fowler blickt auf 30 Jahre Erfahrung als Meeresökologin und Sachverständige im Bereich Biodiversitätserhalt für staatliche Beratergremien, Umweltberatungsstellen und Nichtregierungsorganisationen zurück. Seit der Gründung der Haiexpertengruppe der Weltnaturschutzunion (IUCN) im Jahre 1991 ist sie als deren stellvertretende, Co- bzw. Vizevorsitzende tätig und Mitbegründerin sowohl der Europäischen Elasmobranchier Vereinigung (EEA) als auch des britischen Shark Trust. Für ihre Arbeit zum Schutz der Meere wurde Frau Fowler der britische Verdienstorden (OBE) verliehen und sie wurde zum PEW Fellow für Meereserhaltung ernannt.

Bernard Seret ist führender Wissenschaftler am Institut de Recherche pour le Développement (IRD) und ausgebildeter Meeresbiologe, der sich seit 30 Jahren als Ichthyologe auf Knorpelfische (Chondrichthyen) spezialisiert hat. Er absolvierte diverse Auslandsaufenthalte und –missionen und nahm an zahlreichen Forschungsreisen im Atlantik, dem Südlichen Ozean und dem Südpazifik teil. Er ist Verfasser etwa 165 wissenschaftlicher Veröffentlichungen, darunter mehr als 100 über Chondrichthyen, einschließlich der Beschreibung mehrerer bislang unbekannter Arten von Haien, Rochen und Chimären. Zur Zeit forscht er auf dem Gebiet der Artenvielfalt, des Fangs und des Schutzes der Chondrichthyen. Er ist wissenschaftlicher Vorsitzender der EEA, Sachverständiger der IUCN-Kommission zum &Uum l;berleben der Arten (SSG) und französischer Vertreter der Elasmobranchier-Arbeitsgruppe des Internationalen Rats für Meeresforschung (ICES-WGEF).

Sonja Fordham, Mitverfasserin des zusammenfassenden Berichts, ist Präsidentin von Shark Advocates International (SAI), einem Projekt von The Ocean Foundation, errichtet mit dem Ziel, die Führung im Kampf um solide Richtlinien zum Schutz von Haien und Rochen zu übernehmen. Auf Grundlage seines bald 20-jährigen Engagements für den Schutz der Haie nutzt SAI sein Expertenwissen, um wissenschaftlich begründete Grenzwerte für Haifischfang und –handel sowie den Schutz bedrohter Arten und wirksamere Finning-Verbote zu bewirken. Frau Fordham ist seit Beginn der 90er Jahre Vorstandsmitglied der Haiexpertengruppe der IUCN und erhielt im Jahr 2007 den Peter Benchley Shark Conservation Award.

Die Europäische Elasmobranchier Vereinigung (EEA) koordiniert die Aktivitäten ihrer nationalen Mitgliedsorganisationen, die sich der Erforschung, dem Management oder Schutz von Chondrichthyen (Haie, Rochen und Chimären) widmen. Weitere Informationen finden Sie unter www.eulasmo.org.

Die Haiexpertengruppe, eine Untergruppierung der IUCN-Kommission zum Überleben der Arten, ist ein weltweites Netzwerk von 160 Fachleuten aus den Bereichen Haibiologie, Haischutz, Haimanagement, -fang und -bestimmung. Weitere Informationen finden Sie unter www.iucnssg.org.

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