„Um die enorme Vielfalt der Tiefsee effektiv schützen zu können, dürfen wir jetzt nicht aufhören zu forschen.“

Dieser Tage wird einer der wichtigsten Arteninventurprojekte der Meere, der Census of Marine Life, nach zehn Jahren Laufzeit veröffentlicht. Er bringt etwas Licht ins Dunkel der Tiefsee, wenn auch nur sehr punktuell. Dennoch hat dieser kleine Einblick in das größte Ökosystem der Welt eine einzigartige Vielfalt zu Tage gebracht, die scheinbar ganz anderen Regeln gehorcht als jene an Land. Prof. Angelika Brandt, Meeresforscherin vom Zoologischen Museum der Universität Hamburg, hat verschiedene wissenschaftlich Projekte in der Antarktis im Rahmen des Census geleitet.

Frau Professor Brandt: Die Bilder des Census of marine Life sind enorm faszinierend und schön. Was bedeutet Ihnen dieses pulsierende Leben in unseren Meeren persönlich?

Schon als Schülerin fühlte ich mich sehr eng verbunden mit dem Meer. Im Studium habe ich dann eine Tauchausbildung gemacht, was mich noch näher an diese sagenhafte Unterwasserwelt heran brachte und diese Bindung noch verstärkt hat. Es ist auch heute noch ein außerordentlicher Moment, wenn wir unsere Tiefseeproben auswerten. Erreicht eine Tiefseeprobe das Deck, sehen wir in den Netzen zunächst einmal nur Schlick. Doch wenn sich beim Spülen nach und nach zum Beispiel eine lilafarbene Seegurke herausschält, ist das schon ein Glücksgefühl, was mich da erfasst. Ich denke, um ein Bewusstsein in der Bevölkerung für diesen Schatz der Ozeane zu schaffen, muss man die Faszination, Schönheit und Formenvielfalt der Organismen zeigen. Und das tut der Census of Marine Life auf sehr gelungene Weise, wie ich finde. Gerade die Art der Fotografien mit diesen schwarzen Hintergründen, transportiert, ganz ähnlich wie man es bspw. von Bildern von Raubkatzen kennt, die Würde der Tiere aus der Tiefe.

Der Census zeigt, dass die Meere und v. a. die Tiefsee eine enorme Artenvielfalt bereit halten, die bisher gefundenen Arten aber noch lange nicht die wirkliche Zahl abdecken. Was bringt uns dieses Wissen jetzt?
Gleich vorweg: Wir wissen auch nach zehn Jahren Forschung zum Census immer noch verschwindend wenig. Die Tiefsee ist das größte Ökosystem der Welt. Von den 512 Millionen Quadratkilometern Erdoberfläche sind rund 350 Millionen Tiefseegebiete. Das alles genau zu erforschen, ist schlicht unmöglich. Denn die Bedingungen sind ja enorm erschwert. Die Gesamtfläche unserer Untersuchungen beträgt in etwa die Fläche von ein paar Fußballfeldern. Doch allein dieser kleine Einblick zeigt schon, dass die Tiefen der Ozeane eine enorme Artenvielfalt beherbergen. Oft hatten wir in einer Probe an einem Ort enorm viele Arten, aber von jeder nur ein Individuum. An anderer Stelle wieder völlig andere Arten. Über die Hälfte der gefundenen Arten wurden nur an einer Stelle (Station) nachgewiesen. Dieses Wissen ist ganz wichtig vor dem Hintergrund immer stärker auftretender Tiefseeplanungen zum Abbau von Gold, Silber, Öl oder auch Manganknollen. Jeder Eingriff zum Abbau von Rohstoffen ist also vermutlich immer mit der Vernichtung von Arten, und nicht nur Populationen, verbunden. Das muss uns bewusst sein, besonders wenn man an die eventuelle Nutzbarkeit dieser Organismen zum Beispiel für Pharmaprodukte denkt. Und diese Erkenntnis liefert uns jetzt der Census of Marine Life.

Der Bericht betont ja deutlich die starke Bedrohung der Tiefseevielfalt durch menschliche Eingriffe wie intensivste Fischerei, Ausbeutung von Bodenschätzen und den menschgemachten Klimawandel. Was wäre aus Ihrer Sicht notwendig, um diese Entwicklung zu stoppen?

Hier müssen dringend gesetzliche Regelungen her, und zwar auf völkerrechtlicher Basis. Die Frage „Wem gehört der Seeboden?“ ist zumindest außerhalb der 200-Meilenzone nach wie vor nicht ausreichend geklärt. Hier dürfte dem Internationalen Seegerichtshof in Hamburg eine tragende Rolle zukommen. Und solche Regelungen müssen dann Anwendung finden bei der Ausweisung von Hochseeschutzzonen. Die Untersuchungen haben ja gezeigt, es werden bei einer industriellen Nutzung grundsätzlich Arten sterben. Wichtig ist es aber, ihnen Refugien zu gewähren. Und das auch dort, wo beispielsweise Manganknollen liegen.

Die Forschung spricht ja immer von starkem Forschungsbedarf. Was muss man für einen effektiven Schutz und nachhaltigen Nutzung der Meeresökosysteme noch wissen?

Wichtig ist vor allem, Antworten auf funktionelle Fragen zu finden. Wie sind die Arten an diese Umweltbedingungen angepasst? Was fressen sie? Da geht es um physiologische Fragen, zu denen wir jetzt gerade in der Tiefsee des Südpolarmeeres angefangen haben zu forschen. Solche Informationen geben uns Antwort auf die grundsätzliche Frage, wieso es dort unten überhaupt solch eine enorme Vielfalt gibt, bzw. wie sie sich entwickeln konnte. Ganz wichtig ist dabei die Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen. Denn nicht jeder kann alles wissen. Zuerst müssen die Systematiker einmal herausfinden, welche Arten es gibt und wo sie vorkommen. Darauf können dann Ökologen und Physiologen aufbauen, sich die wichtigen Arten herausgreifen und untersuchen, welche Arten welche Rolle im Ökosystem spielen. Und parallel sollten Politologen und Rechtswissenschaftler die Möglichkeiten für effektive Schutzmöglichkeiten finden.

Der Strategische Plan der CBD, der bei der 10. Vertragsstaatenkonferenz in Nagoya verabschiedet werden soll, nennt mit 15 bzw. 20 Prozent der Landoberfläche als Ziel für terrestrische Schutzgebietsausweisungen zumindest konkrete Zahlen. Für marine Schutzgebiete konnten sich die Vertragsstaaten im Vorfeld der COP10 bisher nur eine Angabe von einem X-prozentigen Anteil der Wasseroberfläche abringen. Was macht diese Festlegung so schwer?

Ich denke, die Schwierigkeiten liegen vor allem in der Unübersichtlichkeit des Ökosystems Tiefsee durch ihre Dreidimensionalität und an der schlechten Datenlage. Die Wassersäule bis zum Grund von einem Quadratmeter Hochsee ist ja so extrem heterogen, dass eine einheitliche Betrachtung kaum möglich ist. Dazu kommen Phänomene wie Strömungen, die das System ständig verändern, auch räumlich. Und der größte Teil der Arten bleibt nicht am selben Ort. Die Tiere wissen ja nicht, wo sie in Sicherheit sind. Wenn sie aus einem geschützten Bereich heraus schwimmen oder von den Strömungen transportiert werden, sind sie nicht mehr geschützt. So etwas kommt an Land weniger, z. B. bei den Vögeln, vor. Das bedeutet aber, dass Meeresschutzgebiete eigentlich nur Sinn machen, wenn sie sehr großflächig angelegt wären. Ich denke, dass 20 Prozent der Fläche, wie sie an Land vorgeschlagen sind, da nicht ausreichen würden. Eher wären 50 Prozent sinnvoll.

Das Übereinkommen zum Schutz der Meeresumwelt des Nordost-Atlantiks OSPAR hat vor kurzem die Ausweisung der ersten Hochseeschutzgebiete am Charles Gibbs Bruch nördlich der Azoren mit 285.000 km² beschlossen. Was kann das Schutzgebiet dort bewirken und sehen Sie diesen Schritt als Durchbruch für den Biodiversitätsschutz in internationalen Gewässern?
Das ist sicherlich ein guter Anfang. Die Artenvielfalt dort wird auf jeden Fall davon profitieren und die Politik hat guten Willen gezeigt. Und das ist es, worauf es ankommt. Denn möglich wäre vieles, eine nachhaltigere Wirtschaftsweise in der internationalen Fischereiindustrie, konsequent gemanagte Schutzgebiete. Alles ist die Frage politischen Willens, den Wert der Vielfalt anzuerkennen und effektiv zu schützen. Das ist natürlich auch mit Kosten verbunden. Aber wenn man sich gemeinsam darauf einigt, müssten auch Zahlungsverpflichtungen eingegangen werden. Wenn es um die Einhaltung von Länderhoheiten geht, funktioniert das ja auch. Erst neulich war ich mit einem russischen Forschungsschiff im Japanischen Meer unterwegs und wir näherten uns der koreanischen Grenze. Sofort war ein Überwachungsflugzeug zur Stelle, das genau geschaut hat, was wir da machen. So etwas müsste auch für den marinen Naturschutz möglich sein.

Welche Botschaft und Lösungsansätze würden Sie den Entscheidungsträgern in Nagoya an die Hand geben?

Die weitere Grundlagenforschung in der Tiefsee ist enorm wichtig und darf jetzt nicht eingestellt werden. Nur wenn wir die Zusammenhänge der Ökosysteme dort unten kennen, können wir sie effektiv schützen. Wir wissen noch immer viel zu wenig über die faszinierende Artenvielfalt dort unten. Wenn wir dieses Ökosystem rücksichtslos für Bergbau nutzen, radieren wir einen Schatz an Arten aus, der auch enorme wirtschaftliche Bedeutung haben könnte. Und er ist sagenhaft schön.

nefo hat zur Biodiversität in marinen und Küstenökosystemen ein Faktenblatt zur COP10 erstellt:

www.biodiversity.de/images/stories/Downloads/COP10Faktenblaetter/nefo_faktenblatt_biodiv_meere_kuesten.pdf

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