Wissenschaftliche Quoten für frische Fische: Deutsche Umwelthilfe fordert Ende
der Überfischung in der Ostsee

Deutsche Umwelthilfe fordert Agrarministerin Aigner auf, im Fischereirat die
Vorschläge der EU-Kommission für die Fangmengen in der Ostsee zu unterstützen –
Fangquoten von EU-Kommissarin Damanaki folgen wissenschaftlichen Vorgaben und
läuten damit Reform der europäischen Fischereipolitik ein – Bundesregierung hat
jetzt die Chance, endlich eine nachhaltige Fischerei in der EU zu befördern

Berlin, 25. Oktober 2010: Einen an wissenschaftlichen Empfehlungen
ausgerichteten Kurs bei der Festlegung der Gesamtfangmengen für die
Ostsee-Fischbestände fordert die Deutsche Umwelthilfe e.V. (DUH) von
Agrarministerin Ilse Aigner (CSU). Die DUH ruft Aigner dazu auf, die
wissenschaftlich fundierten Vorschläge von EU-Fischereikommissarin Maria
Damanaki für Fangquoten zu unterstützen. „Diese Vorschläge sind die Grundlage
für eine längst überfällige nachhaltige Fischereipolitik und nur wenn die
Bundesregierung beginnt, nachhaltige Fangquoten zu fördern, haben Dorsch, Hering
und Sprotte in der Ostsee eine Chance“, sagte DUH-Bundesgeschäftsführer Rainer
Baake. „Mit ihrem Eintritt für nachhaltige Fangquoten in der Ostsee kann
Ministerin Aigner zeigen, dass sie die Zeichen der Zeit erkannt hat und sich für
eine lange überfällige Neuausrichtung der europäischen Fischereipolitik
einsetzen wird.“

Am Dienstag (26. Oktober) tagt der Fischereirat in Brüssel, bei dem die
zuständigen Minister der EU-Staaten über Fangquoten für verschiedene Bestände in
der Ostsee für 2011 verhandeln. Auf dem Tisch liegt ein Vorschlag der
Kommissarin, der weitgehend den wissenschaftlichen Empfehlungen des
Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) folgt. Demnach sollen je nach
Gebiet bis zu 30 Prozent weniger Hering gefischt werden. Die Fangquoten für
Dorsch (Ostsee-Kabeljau) dürfen nach den Analysen der Wissenschaftler nur
zwischen 6 und 15 Prozent steigen, damit der sich mühsam erholende Bestand nicht
doch noch zusammenbricht. Für andere Fischarten wie Sprotte und Lachs fordern
die Wissenschaftler deutlich niedrigere Fangmengen als bisher. Die DUH
unterstützt ausdrücklich die Vorschläge von EU-Kommissarin Damanaki. „Sie sind
ein wichtiger Schritt hin zu einer Bewirtschaftung der Fischbestände mit dem
Ziel eines höchstmöglichen Dauerertrags“, sagte Dr. Nina Wolff, Projektmanagerin
Meeresnaturschutz der DUH. „Beim Weltgipfel in Johannesburg 2002 haben sich alle
EU-Mitgliedstaaten dazu bekannt, die Fischbestände bis 2015 soweit aufzubauen,
dass sie nach dem höchstmöglichen Dauerertrag nachhaltig bewirtschaftet werden
können. Die meisten Bestände sind noch weit davon entfernt. Damanaki bewegt sich
in die richtige Richtung.“

Der höchstmögliche Dauerertrag bezeichnet die Höchstmenge an Fisch, die einem
Bestand jährlich entnommen werden kann, damit der Fischbestand langfristig
genutzt werden kann. Eine reduzierte Befischung würde zu höheren Erträgen, also
einer höheren wirtschaftlichen Leistung des Fischereisektors führen. Hierfür
müssten Damanakis Vorgaben für die einzelnen Ostsee-Bestände nun kompromisslos
befolgt werden.

Die DUH fordert Agrarministerin Aigner daher dazu auf, sich gemeinsam mit
EU-Kommissarin Damanaki für Fangquoten auf wissenschaftlicher Grundlage
einzusetzen. „Die Festlegung der Ostsee-Fangquoten im Fischereirat ist ein
erster Test dafür, ob Maria Damanaki ihre Reformziele 2012 wird durchsetzen
können“, sagte Ulrich Stöcker, Leiter Naturschutz der DUH. „Die Zeit für ein
Umdenken ist überreif: 72 Prozent aller untersuchten Fischbestände in
EU-Gewässern sind nach Angaben der Kommission überfischt.“

Hintergrund

Alljährlich schlägt die Europäische Kommission auf der Grundlage
wissenschaftlicher Empfehlungen Fangmengen vor. Der Europäische Rat aus den für
Fischerei zuständigen Ministern der Mitgliedstaaten hat in der Vergangenheit
regelmäßig Fangmengen beschlossen, die weit jenseits dessen liegen, was
wissenschaftlich vertretbar ist. Für 2010 betrug die Differenz zwischen
wissenschaftlichen Empfehlungen und den vom Rat beschlossenen Fangmengen 34
Prozent. Mit anderen Worten: Die Fangquoten waren nicht geeignet, den Niedergang
der Fischbestände aufzuhalten.

Ihre Vorschläge für Fangmöglichkeiten 2011 verband die EU-Kommission mit der
Feststellung, es bleibe nicht mehr viel Zeit, um das Ziel des höchstmöglichen
Dauerertrags (Maximum Sustainable Yield, MSY) bis 2015 zu erreichen. Die
Vorschläge für die Fangmengen der Ostsee sind der erste von vier Schritten in
diese Richtung. 2012-2014 sollen weitere Anpassungen der Gesamtfangmengen pro
Bestand an das Ziel des höchstmöglichen Dauerertrags erfolgen. Für das Jahr 2011
muss der Rat sich im November auf Gesamtfangmengen für Tiefseearten und im
Dezember auf Gesamtfangmengen für das Schwarze Meer, Atlantik, Nordsee und
andere Gebiete einigen.

Bis zum 1. Januar 2013 will EU-Kommissarin Maria Damanaki die Gemeinsame
Fischereipolitik (GFP) grundlegend reformieren. Ihr Vorschlag wird bis Sommer
2011 erwartet. Mehrfach hat EU-Kommissarin Damanaki gefordert, dass die
Fangmengen auf der bindenden Grundlage wissenschaftlicher Empfehlungen
festgelegt werden; wissenschaftlich fundierte Quoten sind ein Kernelement der
Reform. Außerdem sollen für möglichst alle Fischbestände Langzeitmanagementpläne
eingeführt werden.

Kommissionsdokument zu den Fangmengen für die Ostsee 2011: Vorschlag für eine
Verordnung des Rates zur Festsetzung der Fangmöglichkeiten für bestimmte
Fischbestände und Bestandsgruppen in der Ostsee (2011) / KOM/2010/0470 endg.,
http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2010:0470:FIN:DE:HTML

Ein Hintergrundpapier des Rats der Europäischen Union ist abrufbar unter:
http://www.consilium.europa.eu/ueDocs/cms_Data/docs/pressData/en/agricult/117221.pdf

Die Pressekonferenz nach Abschluss der Beratungen am 26.10.2010 gegen 18:00 Uhr
wird übertragen:
http://tvnewsroom.consilium.europa.eu

Für Rückfragen:

Rainer Baake, Bundesgeschäftsführer, Deutsche Umwelthilfe e.V., Hackescher Markt
4, 10178 Berlin, Tel.: 030 2400867-15, Mobil: 0151 550169 3, baake@duh.de

Ulrich Stöcker, Leiter Naturschutz, Deutsche Umwelthilfe e.V., Hackescher Markt
4, 10178 Berlin, Tel.: 030 2400867-81, Mobil: 0160 8950556, stoecker@duh.de

Dr. Nina Wolff, Projektmanagerin Meeresnaturschutz, Hackescher Markt 4, 10178
Berlin, Tel.: 030 2400867-84, Mobil: 0170 8127346, E-Mail: wolff@duh.de

Ulrike Fokken, Sprecherin Politik & Presse, Deutsche Umwelthilfe e.V.,
Hackescher Markt 4, 10178 Berlin, Tel.: 030 2400867-86, Mobil: 0151 55017009,
fokken@duh.de

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