Was Wissenschaftler bei Stichlingen beobachten konnten, ist aber vielleicht nur eine Ausnahme, zudem muss für die Anpassung ein hoher Preis bezahlt werden

Wenn die These stimmt, dass sich das globale Klima durch die vom Menschen verursachten CO2-Emissionen schnell erwärmt, dann kann man daran zweifeln, ob die geforderten radikalen Klimaschutzmaßnahmen wirklich so schnell erfolgen, wie sie notwendig wären. Zudem vermuten Wissenschaftler, dass selbst dann, wenn die Temperaturerhöhung bis 2100 auf 2 Grad beschränkt werden könnte, die Erwärmung mitsamt der erwarteten Häufung von extremen Wetterereignissen erst einmal fortschreiten würde.

Da sich im Zeitrahmen der Evolution die erwarteten Klimaveränderungen in relativ kurzer Zeit ereignen, ist die Frage interessant, wie schnell sich Lebewesen, die Menschen eingeschlossen, an veränderte klimatische Bedingungen anpassen können. Wissenschaftler aus Kanada, Schweden und der Schweiz haben unter der Leitung von Rowan Barrett von der University of British Columbia, Calgary, an einem Versuch mit Dreistachligen Stichlingen (Gasterosteus aculeatus) gezeigt, dass eine Anpassung erstaunlich schnell erfolgen kann.

Für ihre Studie, die in den Proceedings of the Royal Society B erschienen ist, hatten die Wissenschaftler Stichlinge aus dem Meer und dem Süßwasser in Teichen eingesetzt, deren Wassertemperatur im Vergleich zu der des Meeres zwischen Sommer und Winter stärker schwankt. Stichlinge haben sich im Meer entwickelt und haben sich nach der letzten Eiszeit auch in Flüssen und Seen angesiedelt. In den vergangenen 10.000 Jahren haben sie sich unterschiedlich evolutionär weiter etwickelt.

Innerhalb von drei Generationen bzw. 3 Jahren konnten sich die Stichlinge aus dem Meer einer 2,5 Grad kälteren Temperatur anpassen, als dies normalerweise bei ihren Artgenossen der Fall ist. Das wäre wohl die schnellste evolutionäre Veränderung, die bislang bei Tieren beobachtet wurde. Da die Süßwasser-Stichlinge aber diese Temperaturverminderung aushalten (durchschnittlich ist die Kältetoleranz 2,88 Grad größer als bei den Meerwasser-Stichlingen), ist wohl davon auszugehen, dass bei dieser Stichlingsart die genetischen Strukturen vorhanden sind und das Umschalten über den Temperaturwandel getriggert werden kann.

Eine solche Genvariabilität dürfte es, so die Wissenschaftler, bei vielen Arten geben, so dass sich diese durchaus Klimaveränderungen innerhalb von bestimmten Grenzen anpassen könnten, ohne gleich aussterben zu müssen. Die Wärmetoleranz ist bei den Stichlingen übrigens höher als die Kältetoleranz und in etwa bei den Süßwasser- und Meerwasserfischen gleich. Bekannt ist auch, dass sich Stichlinge relativ schnell phänotypisch veränderten Bedingungen anpassen können, wie dies bei anderen Arten ist, weiß man nicht. Unklar bleibt auch die Frage, ob sich Stichlinge schnell wärmeren Temperaturen als ihrem Wärmemaximum anpassen können.

Auch wenn die genetischen Voraussetzungen also im Fall der Stichlinge günstig sind, sich kälteren Temperaturen schnell anpassen zu können, hat dies doch enge Grenzen. Die Nachkommen von Meerwasser-Stichlingen, die, eingesetzt in Teichen, drei Jahre überlebt hatten, wurden in der vierten Generation in einem extrem kalten Winter vollständig ausgelöscht. Allerdings überlebten 95 Prozent der Meerwasserstichlinge die Kälte in den Weihern nicht, nur 5 Prozent konnten sich anpassen, was aber nicht genügend sein könnte, so Barrett, um das Überleben der Gattung zu garantieren.

Quelle: Florian Rötzer, www.heise.de

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