Das leichte Schwergewicht
Gemessen an der Zahl ihrer Mitglieder, müssten die Umweltorganisationen die stärkste politische Kraft sein. Zeit, ein paar Fragen zu stellen, warum sie es nicht sind

von Kuno Roth

Die Wichtigkeit der grossen Umweltorganisationen (UOs) ist kaum bestritten; angesichts des anhaltenden Klima-Hochs noch weniger. Sie haben über die Jahrzehnte zweifelsfrei an Einfluss gewonnen: sowohl im Parlament als auch als Gegner oder Partner der Wirtschaft. Zwar wurde der Bartgeier erfolgreich wieder angesiedelt. Das ist gut. Aber es wurmt, dass durchschlagende gesellschaftliche Erfolge dünn gesät sind. Die meisten Umweltprobleme – und wegen ihnen gibt es die UOs – bestehen seit dreissig und mehr Jahren, kaum eines ist gelöst, weitere sind seither hinzugekommen. …

Warum sind die mitgliederstarken UOs mit ihren vielen engagierten
Mitarbeitern nicht erfolgreicher? …

1) Mangelnde Zusammenarbeit: Die UOs woll(t)en diese Ziele u.a. durch engere Zusammenarbeit erreichen. Die Konkurrenz im Spendenmarkt und die
Eigenprofilierung stehen aber wirkungsvollen Kooperationen im Weg. Das
ändert sich nicht, solange sich der Glaube hält, es sei spendenwirksamer,die eigene Marke zölibatär zu positionieren und solange nicht eingesehen wird, dass Mitglieder gerade Zusammenarbeit schätzen und genauso spendenfreudig bleiben.

2) Zu viele Themen: Die UOs decken eine Unzahl von Themen ab. Jeder …

weiterlesen (pdf; 222 kB ): http://tinyurl.com/2f93tml

Kuno Roth ist promovierter Chemiker, leitender Mitarbeiter von Greenpeace (dessen Meinung er hier nicht vertritt) und Publizist in Bern

Kommentar:
Ein zum Nachdenken und zur Diskussion anregender interessanter Artikel, der auch auf deutsche Verhältnisse übertragbar ist. Manches sehe ich ähnlich, manches nicht.

Das Grundproblem ist auch aus meiner Sicht, dass inzwischen die Grundregeln des Fundraisings und Betriebswirtschaftler in größeren Umweltschutzorganisationen das Geschehen dominieren. Eine UO ist halt auch ein Anbieter einer Dienstleistung auf dem „Spendenmarkt“ und muss irgendwie wirtschaftlich überleben.

Zusammenarbeit: Ja, da kann man sehr viel verbessern, gerade bei den großen Organisationen.

Zu viele Themen: jein. Gerade die lokalen und artenbezogenen Kleinthemen sind es, die viele zum Mitmachen bewegen.

Zu viele Staatsaufgaben: jein. Es liegt aber auch daran, dass Ämter und Behörden unzureichend arbeiten.

Rollenverständnis: Größere Umweltschutzorganisationen sind sicherlich oft irgendwie etabliert und zu schablonenhaft. Stellt sich die Frage, wie ungewöhnlich man sein darf/muss, damit man beim Werben um Spenden, Mitglieder und Unterstützung in breiten Bevölkerungsschichten bestehen kann und für die Politik glaubwürdig und damit einflussreich wird.

Symptome bekämpfen: Ja, aber es gibt sich ergänzende Ansätze zum wo und wie (siehe meine Beschreibungen zum Meeresschutz in den FAQs über DEEPWAVE e.V.)

Übertreiberitis: Ja, ist oft ein Problem. Genauso wie Schwarz-Weiß-Malerei und die Einteilung der Welt in Gut und Böse.

M.E. ein Artikel stark durch die Perspektive eines leitenden Mitarbeiters (Funktionärs) einer großen Umweltschutzorganisation (Greenpeace) geprägt. Er analysiert zu wenig die Wechselwirkungen zwischen Medienpräsenz, sehr unterschiedlicher Erwartungshaltung bei Bürgern und potentiellen Spendern, Politik, Parteien und Umweltschutzorganisationen und denkt zu sehr in politischen Kategorien und Vergleichen zur Parteiarbeit.

Eine Umweltschutzorganisation ist kein Ersatz für eine Partei und sollte es m.E. auch nicht werden.

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