Delfinarien sorgen für internationalen Wirbel

Radolfzell, Hagen, Istanbul – 11.03.2011 – Die beiden deutschen Delfin- und Walschutzorganisationen ProWal und WDSF kommen Anfang April mit einer Gruppe von Aktivisten in die Türkei. Ihre Ziele sind klar definiert. Sie fordern die sofortige Schließung sämtlicher türkischer Delfinarien, ein Import- und Fangverbot für Delfine, ein sofortiges Verbot des Schwimmens mit Delfinen in Gefangenschaft sowie einen Stopp der Delfintherapie. Die eingesperrten Delfine und Weißwale sollen ausgewildert werden, alternativ in betreute Meereslagunen transferiert werden.ProWal-Geschäftsführer Andreas Morlok, der bereits im Februar ein Delfinarium in Istanbul inspiziert hat: ?Delfine leiden in Gefangenschaft. Es ist ein Verbrechen gegenüber der Natur, diese sozialen Tiere, die tagtäglich große Strecken in Familienverbänden im Meer zurücklegen, in enge Gehege oder Betonbecken einzusperren und für rein kommerzielle Interessen zu missbrauchen. Delfine und Wale, die unter lauter Discomusik und Futterentzug Shows vorführen müssen, sind keine Unterhaltungsclowns. Fast alle Meeressäuger, die in den türkischen Delfinarien leben, sind keine Nachzuchten, sondern Wildfänge aus dem Mittelmeer und Schwarzen Meer. Manche Tiere stammen gar aus dem japanischen Taiji, welches durch seine brutalen Delfin-Treibjagden ein weltweit negatives Image erworben hat. Delfinarien in der Türkei, welche Delfine aus Japan kaufen, unterstützen die Massentötungen von Delfinen in Japan, da der Verkauf von antrainierten Delfinen für die Delfinarienindustrie diese Treibjagden erst lukrativ machen. Belugawale, welche normalerweise in arktischen oder subarktischen Gewässern leben, können ebenfalls nicht in gechlorten und lauwarmen Wasser und in engen Betonbecken artgerecht gehalten werden. Im Istanbuler Delfinarium deckte ich vor kurzem skandalöse Verhältnisse auf. Es geht rein um Show und Kommerz. Die Mitarbeiter der Anlage unternahmen nichts dagegen, als ein Kind auf ein schon verletztes Walross zum Spaß eingetreten hat. Unsere Organisation hat dort jetzt Strafanzeige wegen Tierquälerei bei den Behörden gestellt. Es gibt heute sehr gute Dokumentationen über Delfine und Wale. Es ist nicht notwendig, sich diese Tiere in Gefangenschaft anzusehen. Wir empfehlen, die Oscar-prämierte Dokumentation ?Die Bucht-The Cove?. Danach wird keiner mehr ein Delfinarium besuchen wollen.?

Das WDSF, dessen Kuratorium der Ex-Trainer von Flipper und Oscarpreisträger Ric O`Barry angehört, veröffentlichte auf seiner Internet-Seite (www.wdsf.eu) einen bisher geheimen Vertrag über zehn Delfinankäufe aus Japan. Von diesen Japan-Delfinen sind bereits vier innerhalb weniger Tage im Sealanya-Delfinarium in Alanya wieder gestorben.

Jürgen Ortmüller, Geschäftsführer des WDSF, konnte im letzten Jahr erreichen, dass deutsche Reiseagenturen keine Delfintouren in der Türkei mehr anbieten. In Zusammenarbeit mit den großen Reiseveranstaltern wie TUI, Thomas Cook, Neckermann, Bucher, Jahn-Reisen, ITS, alltours und FTI, kam das WDSF zu dem Ergebnis, dass die mangelhaften hygienischen Zustände das Angebot nicht mehr rechtfertigen.

Die Onmega Delfintherapie in Marmaris schreibt auf ihrer Homepage:

„Europas erstes und einziges schwimmendes Freiwasser-Delphinarium in dem unsere Delfine in ihrem natürlichen Element gehalten werden und ihre für die Delfintherapie so wichtigen Frequenzstrahlungen auf natürliche Weise behalten“.

Das sehen ProWal und WDSF als Zynismus und Missachtung der artspezifischen Bedürfnisse der Tiere. Auch in Marmaris werden die Delfine nie wieder ins offene Meer dürfen, da die kleinen Gehege zum Meer hin abgetrennt sind. Sie werden dort ein Leben lang eingesperrt bleiben und eine Therapeutenrolle übernehmen müssen, der sie nicht gerecht werden können.
Die angesprochene Wirkung der Frequenzstrahlung ist längst widerlegt. Die Tiere werden mit ihren angeblichen Fähigkeiten mystifiziert und sollen so Hoffnung bei den Betroffenen erwecken.

Auch hier geht es in erster Linie darum, dem Betreiber viel Geld in die Kassen zu spülen.

Die beiden Organisationen planen nun Anfang April alle Städte mit Delfinarien (Alanya – Belek ? Antalya ? Kemer ? Kas ? Marmaris ? Bodrum ? Kusadasi) zu besuchen. Neben offiziell angemeldeten Demonstrationen vor den Delfinarien sollen auch Gespräche mit den Bürgermeistern der Städte stattfinden. Wie es aussieht, haben sie schlagkräftige Argumente, um ihre Ziele zu erreichen.

Andreas Morlok: ?Wir gehen nicht zu den verantwortlichen Bürgermeistern, um sie zu bitten, sondern fordern sie unmissverständlich auf, sich wegen der Tierquälerei für die Schließung der Delfinarien einzusetzen. Gibt es keinen Willen dazu, dann werden wir in einer weltweiten Pressemitteilung zu einem Tourismusboykott gegenüber diesen Städten aufrufen, die weiterhin ein Delfinarium betreiben. Städte, die sich von diesen skandalösen Anlagen trennen und solche, die keine Delfinarien betreiben, werden wir hingegen empfehlen und dazu aufrufen, dort Urlaub zu machen. Zudem werden wir alle Reiseveranstalter weltweit bitten, sich unserem Boykottaufruf anzuschließen.?

Schon vor den Aktionen der beiden Delfinschutzorganisationen schlagen die Wellen hoch. Mehr als 100 türkische Medien griffen das Thema auf und türkische Tierschutzorganisationen haben angekündigt, ihre Solidarität zu zeigen und bis zu 1.000 Mitglieder für die Demonstrationen zu organisieren.

Die Plattform der freien Delphine, die nach dem Sterben der vier Delfine in Seealanya gegründet wurde und in der gesamten Türkei aktiv ist, betont, dass die Mitglieder diese Aktionen in vollem Umfang unterstützen werden: ?Wir sind gegen Delfinarien, denn in diesen Einrichtungen werden die Meeressäuger im großem Stil gequält Dort wird den Kindern eine Spaßkultur ohne Empathie beigebracht. Wir wissen, dass diese Einrichtungen die Delfinmassaker in Japan finanziell unterstützen und wir wissen auch, dass den Menschen ihre Hoffnungen und Gelder mit den völlig sinnlosen sogenannten Delfintherapien geraubt werden. Außerdem werden die Delfine, die in freie Gewässer gehören, wie damals Tanzbären, in diesen Einrichtungen ausgebeutet und das stellt gemäß Berner Konvention eine Straftat dar. Als Plattform der freien Delfine werden wir unseren Kampf bis zum Ende führen, bis sich kein Meeressäuger mehr in Gefangenschaft befindet.

Eine Tierschutzorganisation möchte gar 3 bis 4 Busse für ihre Aktivisten chartern und wie es scheint, werden sich auch viele Geschäftsleute und Bürger für die Schließungen der Delfinarien aussprechen und zu den Demonstrationen kommen. Auch bei den Bürgermeistern der Städte ist die Botschaft der Delfinschutzorganisationen angekommen. Laut ProWal hieß es im Januar bei den Behörden in Kas noch, dass das dortige Delfinarium im Mai wiedereröffnet werden soll. Heute scheint dort die Einsicht eingekehrt zu sein, dass das Delfinarium wohl für immer geschlossen wird. Andreas Morlok: ?Wir begrüßen und loben diese Weitsicht und nehmen das Gesprächsangebot der Stadt sehr gerne wahr. Wird uns diese Schließung auch schriftlich zugesichert, dann wird sich die Stadt Kas über eine weltweite Touristenwerbung sicherlich sehr freuen.?

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