Plastic Pollution - wie wir die Meere mit Plastik vermüllen und wie nicht

Müll / Basura auf Fuerteventura – Entsorgt, gesammelt,verwertet

Ein Blick über den Tellerrand

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Auf unserem Titelbild schaut stolz eine „Reste-Prinzessin“ auf das Meer bei Costa Calma. Entstanden ist sie aus ‚Restmüll’, der hier von Strandbesuchern und Bootsbesatzungen „entsorgt“ wurde. Der uns leider unbekannte Künstler schlug mit seiner Recycling-Figur einen augenzwinkernden Bogen zwischen Abfall und Kunst – ein eigenes Thema in dieser EL FOCO.

Wer Fuerteventura näher kennen lernt, der spürt und sieht, dass hier in Sachen Müll irgendetwas nicht rund läuft. Aber was?

Mal ehrlich: Trennen Sie Ihren Müll?

Das wäre schon ein Schritt zum verantwortlichen Umgang mit unser aller Ressourcen. Doch mit dem Entsorgen allein ist es ja nicht getan.

Hässliche Bilder von Müll am Straßenrand haben wir Ihnen erspart, denn den sehen Sie ja selbst. Es lässt sich leicht über Missstände wundern und klagen, doch eine Veränderung zum Besseren erfordert Eigeninitiative. Für diese EL FOCO haben wir mit Menschen gesprochen, die etwas tun: sowohl für die Abfallbeseitigung und -vermeidung als auch für die Aufklärung. Dabei sind wieder erstaunlich schöne und interessante Geschichten über bemerkenswerte Menschen herausgekommen.

Wir haben mit Erstellen dieser Ausgabe sehr viel gelernt und wünschen uns, dass es Ihnen nach Lektüre dieser Ausgabe genauso geht.

Und vielleicht nehmen Sie ja nach einem herrlichen Tag am Meer auch etwas von dem angeschwemmten Müll mit – der Dank aller, den Strand nutzenden Lebensformen ist Ihnen gewiss!

Viel Spaß beim Lesen wünschen

Sabine Kiesewein und Heike Bludau

Quelle: El Foco – Das Magazin für Fuerteventura

Im August-Heft ist neben Berichten zu Müll und Plastikmüll auf der Insel auf S. 21 auch ein Bericht über die Mosaikkünstlerin Angelika Heckhausen aus Berlin, die aus dem Plastikmüll Kunstwerke, in der Kunstszene als „Assemblage“ bezeichnet, erstellt. Die Künstlerin verkauft ihre Kunstwerke in den Shops von CLEANOCEANPROJECT in Corralejo und und Lajares und stellt den Erlös für weitere Sammelaktionen zur Verfügung.

Kontakt: ah(at)angelika-heckhausen.de , (at) dabei durch @ ersetzen

Kommentar: Ein Blick auf eine Insel, die mit dem (touristischen) Müll zu kämpfen hat.

Tag 4 Marine Litter Watch Expedition

Tag 4 Marine Litter Watch Expedition

Helgoland liegt ab 5 Uhr hinter uns und der Tag beginnt nach dem Sonnenaufgang gleich mit der Probennahme. Das Ziel ist es auf dem Transekt nach Borkum die Belastung durch den Schiffsverkehr zu dokumentieren. Das klingt in Tobias´Tagebuch (unsererm Bordfotografen) dann kurz und knapp so:

Donnerstag 2010-08-12
4:45 das Motorgeräusch weckt uns…..
5:00 pünktlich legen wir ab und nehmen Kurs auf Borkum
8:00 wir erreichen den Schifffahrtshighway, Zeit für die erste Messstation des Tages,
Station 9 54°00.661 N 7°23.517 E wir nehmen Planktonproben mit dem 250my Netz, 5 bei 3 knoten Fahrt.
10:01 Station 10 53°52.993 N 7°04.680 E 5 Proben mit 250 my Netz
10:25 Station 11 53°52.577 N 7°03.290 E 25 min mit der Bordpumpe in 500my Netz gespült (4250 Liter)
11:58 Station 12 53°47.142 N 6°50.564 E 5 Proben mit 250 my Netz
13:52 Station 13 53°41.169 N 6°.34.900 E 5 Proben mit 250 my Netz
15:00 Daniel startet sein tägliches Müllmonitoring…. 20 min je Stunde den Müll im Bereich 0-3m auf einer Seite neben dem Boot… Daniel ist seit Mai Crewmitglied der Fleur de Passion. Beruflich Logistikmanager in einem Großbetrieb, widmet er seit vielen Jahren seine freie Zeit ökologischen Projekten…..
16:00 Einfahrt ins Borkumer Hafenwasser, Seehund gesehen
16:30 Wir machen fest
17:00 Auf zur Strandprobe nördlich vom Yachthafen, dort Beachmonitoring auf 100 Meter und 1000 Meter. Wieder mal alles voll: vom Kinderwagen bis zur WC-Enten-Plastikflasche. Wo kommen all die Netze her?
19:00 Rückkehr vom Wattengang zur Niedrigwasserlinie. Olivier´s Geburstag, unser „Captain Sparrow“, wird zünftig mit einer Piratentorte gefeiert. Ich mus vorher noch die Proben bearbeiten…

Wie jeden Tag zuvor, war der Tag voll mit buntem Plastik… und mit vielem Zuspruch auch per Email oder durch die Medien, die das Thema und die Mission dieser Expedition als wichtig empfinden – und wir danken allen Mitstreitern an Land, ebenso wir der Antinea Foundation, die das Boot zur Verfügung stellt. Mit etwas mehr Budget hätten wir auch die Broschüre verteilen können, daher hier der Aufruf: Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit.

Wir werden ausführlicher noch auf die Ergebnisse der Expedition eingehen. Doch gerade erreicht uns die Nachricht, dass wir die Route noch einmal ändern müssen und wir es nicht nach Emden schaffen können: die Strömungen lassen ein Segeln nicht zu. So bleiben wir erst einmal im Borkumer Hafen. Das gibt uns aber die Gelegenheit morgen früh die Westseite des Nordstrandes von Borkum zu beproben. Und die Insel-Zeitung und das Nationalparkamt warten auch schon auf einen Termin. Ein langer und spannender Tag geht damit zu Ende.
OG

Tag 3 Marine Litter Watch Expedition

Tag 3 Marine Litter Watch Expedition

Tag drei unserer spannenden Reise. Als ich um kurz nach acht aus meiner Koje hüpfe, ist es noch ungewöhnlich ruhig auf dem Schiff, obwohl am Vorabend das Frühstück auf 7.30 Uhr gelegt wurde. Nur ein Bruchteil der Schiffscrew sitzt schon am Frühstückstisch und beklagt sich über das Regenwetter, das draußen wütet. Doch ich muss nicht lange warten, bis Onno Groß mit einem Planktonnetz in der Tür steht und mich zum Probensammeln mitnimmt. Auf dem kleinen Schlauchboot (dem „Zodiac“ oder dem „Dingie“) düsen wir in den Vorhafen Helgolands, um die ersten Planktonproben des Tages zu entnehmen. Dies stellt sich als eine große Herausforderung heraus, da die Strömung des abfließenden Hochwassers mit unserem kleinen roten Flitzer kämpft.

Nachdem die Probe sorgfältig in einen Eimer gefüllt wurde, machen wir noch einen kleinen Abstecher zu dem kleinen Strandabschnitt hinter der Westmole, um nach größeren Müllteilen zu suchen. Schon bei unserer Ankunft sehen wir neben dem dunkelbraunen Seetang und den grau- glänzenden Steinen auch grüne Fischernetze und quietsch-bunte Verpackungen in allen Farben. Auch mit Plastikgeschirr hätte man sich an diesem Strand ausreichend eindecken können – wenn man es denn wollte! Nachdem wir als Beweismaterial eine Glühbirne, einen Plastikdeckel, einen Schwimmwesten-Sicherheitsgurt, sowie acht Sandproben im Hochwasser- und Niedrigwasserbereich gesammelt haben, gehen wir zurück an Bord, wo das ZDF-Filmteam schon auf uns wartet.

Ab nun ist es vorbei mit der Gemächlichkeit auf dem Schiff. Alle laufen hektisch hin und her, suchen dies und jenes, und räumen Boxen und Eimer von hier nach dort. Das Filmteam hat genaue Vorstellungen von dem Dreh, doch das schlechte Wetter macht ihnen vorerst einen Strich durch die Rechnung. Um kurz nach elf, als wir gerade beim Einholen des Planktonnetzes sind, wird das lange Warten doch noch mit herrlichem Sonnenschein und einer wunderbaren Aussicht auf das rote Kliff von Helgoland belohnt.
Bei der zweiten Probenentnahme mit dem Filmteam nehmen wir den Wasserschlauch zur Hilfe, um Meerwasser durch ein Planktonnetz durchfließen zu lassen. Der Vorteil davon ist, dass mehr Oberflächenwasser gefiltert wird (300 l/min) und erfasst werden kann. Hier in der Helgoländer Reede zwischen Insel und Düne befinden wir uns an der ältesten Planktonsammelstelle der Welt, denn seit mehr als 100 Jahren werden hier täglich Proben genommen. Und tatsächlich finden wir auch hier Plastikteilchen in unserem Netz. Nachdem die Probe in dem mit Meerwasser gefüllten Glasschälchen für die Kamera fachgemäß hin und her geschwenkt wurde, wird alles sicher verstaut, damit wir zurück in den Hafen zum Auftanken fahren können. Während des Stopps genieße ich das original französische Ratatouille an Deck und beobachte die Touristen, die neugierig vor unserem Segler stehen und die Crew beim Tanken bestaunen. Sabina, ein Mitglied der Crew, geht kurzerhand in einen der vielen Duty-Free Shops, um sich für die weitere Reise mit Süßigkeiten einzudecken. Zeit hat sie genug, denn 2000 Liter Diesel tanken dauert eine Weile. Auch das Filmteam geht kurz an Land, um der gesamten Mannschaft Eis zu spendieren. Ein guter Lohn für den Drehtag denk ich mir und Löffel schnell mein Eis, um danach mit Tobias, unserem DEEPWAVE-Fotografen, die Nachbarinsel Düne zu besichtigen.

Auf der Überfahrt entdecken wir die Fleur de Passion, die für eine weitere Probenfahrt hinausfährt. Auf der Düne, die einst mit Helgoland verbunden war, aber nun ca. einen Kilometer entfernt liegt, machen wir einen kleinen Spaziergang am Strand, um nach Robben Ausschau zu halten. Wir müssen nicht lange warten, da schnauft es nicht weit von uns im Meer und wir entdecken viele Schnauzen aus dem Wasser ragen. Dass sie den Strand mit unzähligen Touristen teilen müssen, scheint sie nicht zu stören. Ihr Anblick macht mich jedoch auch ein bisschen wehmütig, wenn ich daran denke, dass auch sie von der Vermüllung unserer Meere betroffen sind und jämmerlich an unserem Abfall ersticken könnten.

Neben Robben tummeln sich auch viele kleine Strandläufer, Austernfischer und Möwen am Strand. Denn die Insel Düne ist bekannt für ihr gut besiedeltes Naturschutzgebiet. Deshalb ist der Strand im Vergleich zu unserem Abschnitt am Morgen auch wesentlich sauberer, wie wir feststellen können. Am frühen Abend sind wir zurück an Deck. Onno Groß erzählt uns von der Auswertung der Proben am Mikroskop. Wieder befanden sich Plastikfasern und undefinierbare blaue Objekte (vermutlich abgeplatzte Schiffsfarbe) in der Planktonprobe. Für das Filmteam des ZDF gutes Material für ihre Reportage für das Magazin „Abenteuer Wissen“ im Oktober. Für uns wieder einmal eine bittere Erkenntnis, dass die Nordsee längst nicht rein ist.

Am Abend schlendere ich mit Anna noch zum berühmten Brandungspfeiler „Lange Anna“. Auf einer kleinen Bank im Hafen machen wir eine Pause und unterhalten uns über die Expedition. Ein Mann auf einer Bank vor uns lauscht unserem Gespräch und bindet sich ein. Er verstehe nicht, warum Müll ein so großes Problem in der Nordsee sei, die Strände wären ja viel sauberer als damals, wirft er ein. Zudem wisse er nicht, wo der vermeintlich viele Müll herkomme. Wir erklären ihm, dass der Großteil des Mülles gar nicht direkt ins Meer gelangt, sondern durch Flüsse in dieses getragen wird. Als wir dann noch erzählen, dass viele der Plastikteile gar nicht direkt von den Küsten stammt, sondern aus hunderten von Kilometern Entfernung angeschwemmt werden, ist er sehr überrascht. Nach diesem langen und erlebnisreichen Tag freuen wir uns auf unser Hähnchencurry, ein Glas Rotwein und der geselligen Atmosphäre in unser immer noch viel zu kleinen Bordsküche. Morgen werden wir ab 5:00 nach Borkum übersetzen und schon um 7:00 ist die nächste Station inmitten der Schiffsautobahn. Ich bin gespannt, was wir dann finden werden.
Isabel Lissner (Geographiestudentin Universität Hamburg)

Tag 2 Marine Litter Watch Expedition

Tag 2 Marine Litter Watch Expedition

8:00 in der Küche rührt sich was….Nils, Sabina, Cecilia und Sylvain haben bereits für 9:00 einen Interviewtermin in der Stadt mit der Leiterin des Meeresschutzparks. Als sie weg sind kehrt nochmal Ruhe ein
11:00 inzwischen sind alle wach…..Sebastien startet die Maschine langsam fahren wir durch die offene Drehbrücke in die Schleuse….perfektes Timing, kein warten vor der Brücke, die Schleuse empfängt uns mit offenem Tor…..die Schleusung geht viel schneller als gestern beim Einlaufen….
11:30 verlassen wir die Schleuse wir sind jetzt auf dem Weg nach Helgoland…
12:15 beginnt die Crew mit dem Segelsetzen, nacheinander setzen wir 2 Vorsegel, danach auch das achterliche Segel. Noch läuft die Maschine zusätzlich auf kleiner Kraft.,
13:15 querab Wangersiel machen wir den Motor aus. Die Ruhe wird kurz darauf von der Essensglocke „gestört“….sehr leckeres Risotto mit Pilzen bei ruhiger See
13:55 nach dem Essen kurz nachdem Mellum an Steuerbord an uns vorbeizieht setzen wir auch das Großsegel…6-6,5 Knoten unter Segeln, besser geht’s, kaum
Langsam wird es ruhig auf dem Boot…Mittagsschlafzeit…..
14:45 mit 5,5 bis 6,0 Knoten passieren wir das Minsener Oog
16:30 Daniel startet sein tägliches Meeresmüllmonitoring…. „20 minuten pro Stunde beobachtet er auf einer Breite von 3 Metern neben dem Schiff bei 5-6 Knoten wie viel Müll vorbeischwimmt, seine exakten Aufzeichnungen leitet er weiter an IFREMER in Toulon, hunderte Menschen weltweit senden Ihre Daten ein, hieraus entsteht eine Karte der weltweiten Müllbelastung der Meere welche ständig aktualisiert und erweitert wird.
18:00 der Wind schläft ein die Segel werden eingeholt
18:30 wir passieren ca. 13 Meilen vor Helgoland eine echte Müllzone Fischernetze Plastikkisten Flaschen, Getränkedosen, Styropor in allen Größen….ca. 30 Minuten entdecken wir ständig neues in Sichtweite, ein teil passiert auch die „3Meterzone“ und nur das findet Eingang in Daniels Protokoll
20:05 schnell noch Spagetti zum Abendessen bevor wir anlegen….
20:40 wir haben festgemacht….die hohe Kaimauer kann man nur über eine kleine Stegleiter erklimmen
Tobias Hechthausen

Tag 1 Marine Litter Watch Expedition

Erfolgreicher Start der DEEWAVE „Marine Litter Watch Expedition“

Tag 1 Marine Litter Watch Expedition

Seit Ende Juni ist die unter Schirmherrschaft der UNESCO stehende Changing Oceans Expedition in der deutschen Nord- und Ostsee unterwegs. Nun hat die Expedition der „Fleur de Passion“ ihre Halbzeit erreicht und startet in Hamburg ihr Programm für das Deutsch-Niederländische Wattenmeer.

DEEPWAVE e.V. wird auf dem ersten Teil in der deutschen Bucht eine Expedition zur Aufklärung und Probensammelfahrt zum Thema „Meeresplastik“ starten. Ausgehend von Bremerhaven wird das Schiff dazu die Häfen Wilhelmshaven, Helgoland, die ostfrisieschen Inseln und Emden besuchen, sich mit Experten treffen und in den Häfen Informationsmaterial an die Segler und Besucher verteilen.

Als Praktikantin von Dr. Onno Groß, dem 1. Vorsitzenden des Vereines DEEPWAVE, begleite ich die spannende Exkursion, um bei der Forschungsarbeit mitzhelfen. Unsere Reise beginnt am Montag in aller Frühe um 5.45 Uhr. Ich liege noch träumend in meiner Koje, während die internationale Crew schon munter auf den Beinen ist und die Abfahrt vorbereitet. Sogar das Reporterteam von Radio Bremen ist schon an Bord um ein erstes Interview mit Onno Groß zu führen. Für einen Tag wollen sie das Forschungsteam bei ihren Untersuchungen filmen.

Um kurz nach Sechs findet aber auch mein Schlaf ein jähes Ende, als das Signalhorn des Segelschiffes zum Abschied lautstark ertönt.Mit einer schnell geschmierten Nutellaschnitte und einem Becher Kaffe begebe ich mich an Deck um zum ersten Mal den Fahrtwind zu genießen.

Um halb Zehn setzt Sebastien, unser Kapitän, den Anker vor der unbewohnten Düneninsel Mellum, damit wir mit dem Sammeln von Wasserproben beginnen können. Unter den wachsamen Augen der Seehunde, die nicht weit von uns faul am Strand liegen, werfen wir das erste 200er Planktonnetz ins Meer. Neben Grünalgen und Möwenfedern lassen sich auch ein rotes Kaugummi und winzig kleine Plastikteilchen beim Einholen des Netzes finden. Die gesamte Probenentnahme wird von dem Reporterteam ausführlich dokumentiert.

Unsere Tagesroute führt uns gegen Mittag weiter hinaus auf die offene See. Und je mehr es anfängt zu schaukeln, desto wackeliger werden auch die Passagiere auf den Beinen, bis schließlich das gesamte Reporterteam an Deck liegt und kränkelt.

Beim Minsener Oog, einer weiteren Düneninsel, setzen wir den Anker ein zweites Mal, um die Müllbelastung des Strandes zu untersuchen. Während ein Team mit dem Reportern, das mittlerweile wieder auf den Beinen ist, mit dem Schlauchboot zur Insel fährt, beköstigt sich der Rest der Mannschaft an dem kleinen Mittagessen in der Bordsküche.

Nach einer guten Stunde ist das kleine Expeditionsteam wieder an Bord und berichtet von dem Ausflug auf die Insel. Der Vogelwart Herr Lautermann war so freundlich das Team herumzuführen und ihnen einen Einblick in das Müllproblem zu geben. Er erzählt von seinen zahlreichen kuriosen Funden, zu denen u.a. eine Gummipuppe oder 17 Zoll Bildschirme gehören. Doch das Expeditionsteam muss selbst leider auch feststellen, dass kaum ein Strandabschnitt müllfrei ist. Insgesamt hat sich das Müllproblem nicht verbessert und auf der unbewohnten Insel wird das ganze Ausmaß der Müllfracht in der Nordsee sichtbar. Ein Großteil des Plastikmülls besteht dabei aus Fischernetzen. Zur Freude der Mannschaft, finden sie auch einen roten Wasserball (Banco Santander). Ob dieser den zahlreichen Meeresvögeln auf der Insel genauso gut gefällt, ist fraglich.

Die zusätzlich entnommenen Sandproben werden sorgfältig in kleine Beutelchen gefüllt und anschließend mit dem Mikroskop untersucht. Tatsächlich lassen sich kleintste Plastikteilchen und Fasern zwischen den Sandkörnern finden, auch wenn die Auswertung der Proben erst später ausführlich im Labor geschehen wird. Die Annahme, dass wir am Strand uns auf unserem eigenen Müll sonnen, konnte somit bewiesen werden.

Am Abend erreichen wir nach der Einfahrt in den Jadebusen gegen Strom unseren Liegeplatz am Bontekai in Wilhelmshaven. Um halb Acht Uhr kommen dann die ersten Besucher an Deck, um sich bei einem Glas Sekt über unsere Expedition zu informiern. Die Kollegen vom Zentrum für marine Biodiversität , der Außenstelle der Universität Oldenburg (ehemals Terramare) und vom Nationalparkamt Niedersächsichses Wattenmeer diskutieren mit uns lebhaft die Ziele der Kampagne. Allen ist klar, dass dem Problem Meeresplastik viel zu wenig Aufmerksamkeit beschert wird. Unser langer Tag endet bei einem netten Abendessen in der kleinen aber gemütlichen Bordsküche. Morgen früh geht’s dann segelnd nach Helgoland.
Isabel Lissner

Meeresplastik auch in deutschen Gewässern ein Problem

Pressemittelung – press release

Meeresplastik auch in deutschen Gewässern ein Problem

DEEPWAVE-Expedition zum Schutz der Meere startet.

(english version below)

Hamburg, den 4.8.2010. Jedes Jahr landen 6,4 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle in den Weltmeeren. Auch in die Nordsee gelangen jährlich 20.000 Tonnen Müll und es befinden sich jetzt schon schätzungsweise 600.000 Kubikmeter Müll auf und im Meeresboden. Der Müll stammt von Schiffen und aus der Fischerei oder wird über die Flüsse und den Tourismus in die Meere getragen. Was für die Strandurlauber meist nur ein ästhetisches Problem darstellt, ist für viele Meereslebewesen tödlich: sie verschlucken sich daran oder verfangen sich in dem Plastik und sterben qualvoll. „Unsere Meere werden überfischt und zunehmend vermüllt. Plastik hat eine Haltbarkeit von 450 Jahren und ist als Mikroplastik schon in allen Nahrungsnetzen aufzufinden. Letztendlich gelangt es zu uns Verbrauchern. Wenn wir nicht sofort mit Maßnahmen anfangen, wird das europäische Ziel, einen guten Zustand der Nord- und Ostsee herzustellen, niemals erreicht“, kritisiert DEEPWAVE-Präsident Dr. Onno Groß.

Um auf das Problem Meeresmüll aufmerksam zu machen beteiligt sich DEEPWAVE e.V. an der unter Schirmherrschaft der UNESCO stehenden Changing Oceans Expedition in der deutschen Nordsee. An Bord des ehemaligen deutschen Kriegsfischkutters „Fleur de Passion“ soll auf der „Marine Litter Expedition“ die Belastung der Nordsee mit Meeresmüll dokumentiert werden. Dazu wird mit Hilfe von Planktonnetzen der Wasserköper befischt und der treibender Müll oder die Plastikbelastung an den Stränden und Häfen dokumentiert. In den Häfen entlang der deutschen Bucht wird es zu diesem Thema weitere Aufklärung geben. Zahlreiche Experten der Forschungsstationen haben Ihren Besuch zugesagt.

Wenn Sie mehr über die Expedition erfahren wollen, freuen wir uns über Ihren Besuch an Bord in den Häfen:
8. August in Bremerhaven, Neuer Hafen (ab 18:00 Empfang an Bord)
9. August in Wilhelmshaven, Bontekai (ab 19:00 Empfang an Bord)
10. August in Helgoland, Hafen
11. August in Helgoland, Hafen (ab 19:00 Empfang an Bord)
12. August in Borkum (ab 19:00 Empfang an Bord)
13. August in Emden (evtl. Norddeich) (ab 19:00 Empfang an Bord)

Ergänzung am 13.08.10:
Leider muss der Empfang in Emden ausfallen, die Strömung verhindert unser Einlaufen.

Zum Thema Meeresplastik gibt es auch eine brandneue Informationsbroschüre, die auf unserer Website www.deepwave.org zum downloaden bereit steht.

Fotos vom Schiff finden Sie unter:
www.changingoceans.org
www.antinea-foundation.org

Mit sommerlichen Grüßen

Ihr
Dr. Onno Groß
Vorsitzender DEEPWAVE e.V.

Unterstützen Sie bitte die Arbeit der Organisation DEEPWAVE e. V.
So können Sie etwas für unsere Meere und Gewässer tun!

Spendenkonto:
Deepwave e.V.
Konto: 1208 116 713
Hamburger Sparkasse, BLZ: 20050550

Als gemeinnütziger Verein sind Spenden an DEEPWAVE e.V. voll steuerlich abzugsfähig und Sie erhalten von uns eine Spendenbescheinigung.

Ocean plastic causes concern in German waters

The DEEPWAVE expedition for marine conservation departs.

Hamburg, 04.08.2010. Each year, 6.4 million tonnes of plastic enter the oceans. In the North Sea alone yearly 20.000 tonnes of garbage accumulate and an estimated 600,000 cubic meters of trash are found on and within the seabed.

The garbage emanates from ships and fishing activities or enters via rivers and through tourism into the ocean. For beach holidaymakers it is usually only an aesthetic problem, it is, however, deadly for many marine creatures: they choke or become entangled in plastic and die painfully.

„Increasingly our seas are overfished and polluted. Plastic has a live-span of 450 years and is presently found as micro plastic in all food webs. Finally it reaches the consumer. If we do not take action immediately, the European aim, to reach a good environmental status within the North and Baltic Sea, can never be reached,“ criticizes DEEPWAVE President Dr. Onno Gross.

To highlight the problems of worldwide marine litter, DEEPWAVE is involved in the Changing Oceans Expedition running under the auspices of UNESCO. On board the former German fish cutter of war „Fleur de Passion“ the „Marine Litter Expedition“ will document marine trash in the North Sea. The refuse is fished using plankton nets out of the water column or from the surface and the plastic garbage on the beaches and in the harbours will be documented. In the ports along the German Bight, there will be further events on the subject. Numerous experts from research stations have agreed to visit us.

If you want to learn more about the expedition, we look forward to seeing you on board in the following ports:
8th August in Bremerhaven, “New Port” (18:00 Reception on board)
9th August in Wilhelmshaven, Bontekai (19:00 reception on board)
10th August, Helgoland, port
11th August, Helgoland, port (19:00 Reception on board)
12th August in Borkum (19:00 Reception on board)
13th August in Emden (possibly Norddeich) (19:00 Reception on board)

Additional remark on 13 July 2010: Unfortunately we have to cancel our visit to Emden and the reception on board because the currents do not support sailing.

On the subject of marine plastic, there is also a brand new brochure ready for your download on our web-site www.deepwave.org 

ANTINEA FOUNDATION: Nies Feldmann: 0176-63764834
Email: niels.feldmann@antinea-foundation.org

Dr. Onno Groß
Vorsitzender DEEPWAVE e.V.

Unterstützen Sie bitte die Arbeit der Organisation DEEPWAVE e. V.
So können Sie etwas für unsere Meere und Gewässer tun!

Spendenkonto:
Deepwave e.V.
Konto: 1208 116 713
Hamburger Sparkasse, BLZ: 20050550

Als gemeinnütziger Verein sind Spenden an DEEPWAVE e.V. voll steuerlich abzugsfähig und Sie erhalten von uns eine Spendenbescheinigung.

Plastiki: Buddelschiff gegen Plastikwahn

taz – Buddelschiff gegen Plastikwahn

PROTEST Nach vier Monaten auf dem Pazifik ist am Montag ein aus 12.500 Kunststoffflaschen gebautes Schiff in Sydney angekommen. Besatzung will gegen Müll im Meer mobilisieren

AUS SYDNEY URS WÄLTERLIN

Begleitet von Hubschraubern und mehreren kleinen Booten passierte die „Plastiki“ kurz vor Mittag das Opernhaus mit dem gleißend weißen Segeldach. Nach 128 Tagen auf hoher See war die Mannschaft sichtlich erschöpft. Am Ruder David de Rothschild, 31-jähriger Spross des gleichnamigen Bankenimperiums. Der Abenteurer hat eine Mission: Er will vor der Gefahr warnen, die vom Alltagsprodukt Plastik ausgeht.

Der 18 Meter lange Katamaran war im März in San Francisco in den USA in See gestochen. Er legte auf seiner Reise mehrere Zwischenstopps auf Pazifikinseln ein. Das Schiff ist aus 12.500 gebrauchten Plastikflaschen gebaut, die mit einem umweltfreundlichen Kleber aus Zucker und Cashewnüssen zusammengefügt wurden. In Anlehnung an das Floß „Kon-Tiki“, mit dem 1947 eine Expedition um den Norweger Thor Heyerdahl den Pazifik überquerte, ist der Katamaran auf den Namen „Plastiki“ getauft. Ein Enkel Heyerdahls, Olav, reiste eine Weile auf der „Plastiki“ mit.

Schwimmende Müllkippen

Hintergrund der Aktion: Hunderte von Millionen Tonnen Plastik verschmutzen die Weltmeere, und jeden Tag werden es Tausende von Tonnen mehr. Laut den Vereinten Nationen enden jedes Jahr über sechs Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen der Welt. Es ist nicht nur Abfall, der von Schiffen achtlos über Bord geworfen wird, es sind Plastiksäcke, Styroporbecher und Verpackungsfolien, die auf Abfallhalden landen und schließlich über Bäche, Kanäle und Flüsse in den Meeren enden. Das Material hat eine Lebensdauer von Hunderten von Jahren.

Jedes Stück Plastik, das je hergestellt worden sei, befinde sich „noch immer irgendwo in der Umwelt“, sagt de Rothschild. Berichten von Seeleuten und Wissenschaftlern zufolge treiben allein im Pazifik zwei „Plastikteppiche“, schwimmende Müllkippen, laut verschiedenen Quellen so groß wie der amerikanische Bundesstaat Texas.

Plastik statt Quallen

Wie der Meeresbiologe Peter Steinberg vom Sydney Institut für Meereswissenschaften meint, hat der Müll verheerende Konsequenzen für Tiere und Pflanzen. „Große Tiere wie Meeresschildkröten verwechseln Plastiktüten mit Quallen, fressen sie und gehen elend zugrunde“.

Kleinere Tiere fressen statt Plankton mikroskopisch kleine Plastikteile und gingen ein. Damit sei das erste Glied in der Nahrungskette gebrochen, mit allen Konsequenzen für Fische, die dann auch nichts zu fressen hätten. Hunderten von Millionen Menschen drohe ihre oftmals einzige Eiweißquelle zu verlieren. Doch auch jene, die sich den immer seltener werdenden Fisch noch leisten können, seien in Gefahr, sagen Wissenschaftler. Giftstoffe im Plastik sammelten sich in den Körpern der Tiere an und werden vom Menschen aufgenommen.

Wasser aus Urin

Für de Rothschild ist klar: Plastik und Plastikabfall muss als wertvoller Rohstoff gesehen und wiederverwendet werden. Der Verzicht durch die Konsumenten auf Einwegprodukte sei aber ein erster Schritt. De Rothschild ruft Politiker auf, die Produktion sämtlicher Einwegplastikprodukte wie Plastikbecher, Plastiktüten und Feuerzeuge sofort zu verbieten.

Während ihrer Reise gewann die Besatzung Strom aus Solarzellen, Windturbinen und mit Fahrrädern betriebenen Generatoren. Zudem bereiteten die Expeditionsteilnehmer ihren Urin auf, um sich mit Wasser zu versorgen. Das Schiff aus Plastik wird nun bis kommenden Monat im Meeresmuseum von Sydney ausgestellt.

http://taz.de/digitaz/2010/07/27/a0066.nf/text

UN-Meereskonferenz in Indonesien

Rettung der Ozeane

UN-Meereskonferenz in Indonesien

Von Dagmar Röhrlich

 

Ozeanographie. – Im indonesischen Manado dreht sich in dieser Woche alles um die Weltmeere: Dort treffen sich auf Einladung der Vereinten Nationen rund 1000 Wissenschaftler sowie Politiker und NGOs aus 72 Nationen zur Weltmeereskonferenz.

 

Mitten im Zentralpazifik formen Meeresströmungen einen gigantischen Wasserwirbel, der inzwischen als Großer Nordpazifischer Müllstrudel traurige Berühmtheit erlangt hat. Dort dümpeln pro Quadratkilometer 3.340.000 Stück Plastikmüll – und das sind nur die Teile, die größer sind als ein A5-Blatt. Dort gibt es mehr kleine Kunststoffteile als Plankton. Dieser Nordpazifische Wirbel ist zwar die größte Müllkippe überhaupt, das Problem Plastikmüll ist jedoch ein weltweites. Judith Weis von der Rutgers University in Newark:

 

„Die Strömungen tragen den Müll an die Strände. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, was da alles schwimmt, sammeln Freiwillige ihn im Rahmen eines internationalen Hilfsprogramms ein. Sie finden Plastikmüll, der von offenen Müllkippen ins Meer geweht, mit dem Regenwasser von den Straßen weggespült, von Frachtern verloren oder von Schiffsbesatzungen über Bord geworfen worden ist. Dieser Plastikmüll nimmt zu.“

 

Und er tötet Tiere: die Schildkröte, die eine Plastiktüte mit einer Qualle verwechselt ebenso wie das Albatros-Küken, das mit Einwegfeuerzeugen gefüttert wurde. 80 Prozent des in den Niederlanden angespülten Kunststoffmülls zeigen Schnabelspuren. Vögel haben versucht, ihn zu fressen. Aber das ist nur eine Seite des Problems. Denn die Brandung zerreibt den Kunststoff, Mikroplastik entsteht.

 

„Wenn Plastik erst einmal puderfein zermahlen ist, wird die Oberfläche der Körnchen insgesamt ungeheuer groß. So groß, dass Meerwasser oder Magensäure die Additive wie Flammschutzmittel, Weichmacher oder anti-mikrobielle Substanzen, die bei der Produktion zugefügt worden sind, freisetzen können.“

 

Außerdem saugt Mikroplastik Chemikalien auf wie ein Schwamm – und Gifte wie DDT, Dioxine und PCB gibt es im Meer reichlich, erklärt Richard Thompson von der Universität von Plymouth. An den Oberflächen der Körnchen sind ihre Konzentrationen Tausendmal höher als im Wasser. Weil Muscheln oder Würmer die Partikel für Plankton halten, gelangen die Gifte in die Nahrungskette. Genauso geht es den von Menschen ausgeschiedenen Medikamenten, die die Klärwerke passieren und sich wie ein Band um die Küsten legen. Weis:

 

„Das Problem ist in den Küstengewässern Europas und Nordamerikas am größten, also dort, wo es entsteht. Medikamente sind so entwickelt worden, dass sie bereits in geringsten Konzentrationen wirksam werden und deshalb richten sie in den Küstengewässern großen Schaden an – aber genau von dort bekommen wir unsere Muscheln und Krebse, und genau dort leben die meisten Meerestiere.“

 

Fische, die durch die Anti-Baby-Pille beiderlei Geschlecht haben, sind nur die Spitze des Eisbergs. Selbst Beruhigungsmittel oder Antidepressiva wie Prozac sind in Fischen nachgewiesen worden. Der ökologische Schaden wird gerade erst erforscht. Für Judith Weis kommt jedoch die schlimmste Bedrohung der Weltmeere aus einer anderen Quelle:

 

„Für mich ist die Überdüngung das größte Problem. Durch die Intensivlandwirtschaft gelangen überreichlich Nährstoffe ins Meer, die die Algen blühen lassen. Sterben sie ab, sinken sie zu Boden und verbrauchen bei ihrer Zersetzung den Sauerstoff. Inzwischen gibt es immer mehr und immer größere sauerstofflose Zonen, in denen nichts lebt. Der Mississippi schleppt aus halb Nordamerika so viel Dünger in den Golf von Mexiko, dass Jahr für Jahr Todeszonen entstehen, die Tausende von Quadratkilometern groß werden. Und so etwas passiert rund um die Welt.“

 

Ob Überdüngung, sauerstofflose Zonen, Algenblüten oder Plastikmüll – diese Probleme wachsen derzeit, so Judith Weis. Aber sie konnte auf der Weltmeereskonferenz in Manado auch Positives berichten: So steigt die Belastung mit giftigen Schwermetallen zumindest nicht weiter an – und die Zahl der Ölteppiche nimmt sogar ab. Und Judith Weis erklärt, dass sich auch bei den derzeit noch wachsenden Problemen vieles verbessern ließe:

 

„Es gibt landwirtschaftliche Methoden, die den Eintrag von Düngemittel erheblich reduzieren könnten. Auch moderne Kläranlagen würden viel verbessern, ebenso wenn man verhindert, dass Regenfälle Müll von den Straßen ins Meer spülen können. Man muss dafür sorgen, dass nicht alles direkt in die Meere gelangen kann.“

Quelle: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/forschak/965918/

Neubausiedlung im Meer bleibt leer

Ein Taucher schwimmt über das "Reifenriff" voller Altreifen vor Fort Lauderdale. Es ist kein einziger Fisch zu sehen

© WDR | Quarks

taz, 17.10.2006, Adrienne Woltersdorf

Florida hat Millionen von Altreifen im Ozean versenkt – damit sich ein künstliches Riff entwickelt. Doch das Paradies für Fische ist ausgeblieben, und die Reifen zerstören nun die Wasserwelt. Nun sollen die Reifen für viel Geld geborgen werden

 

Jetzt scheint die Idee verrückt, im Jahr 1972 wurde sie aber als ökologischer Lichtblick gefeiert: Freiwillige in 100 Motorbooten halfen, vor der Küste Floridas eine Million alter Autoreifen zu versenken. Aus den Reifen, so die Vision, würde ein Korallenriff erwachsen, in dem sich Fische wohl fühlen. Am Schluss flog noch ein Zeppelin des Reifenherstellers Goodyear herbei, die Mannschaft warf einen vergoldeten Reifen ab.

 

Statt eines Zackenbarsch-Paradieses liegt heute vor Fort Lauderdale eine Unterwasser-Müllhalde. Keine Fische, keine Korallen, nur eine leblose Gummiwüste, die sich über rund 14 Hektar Ozeanboden erstreckt. Die Reifen erweisen sich zudem als zerstörerisch: Mit den Gezeiten hämmern sie gegen Naturriffe in der Nachbarschaft.

„Es ist höllisch frustrierend“, sagt Ken Banks, ein für den zuständigen Broward-Kreis arbeitender Meeresforscher. Kürzlich erkundete er das Gebiet. „Wir schwammen so ungefähr eine Stunde, und die Reifen hörten nicht auf.“ Vor ihm hatte schon Robin Sherman, Meeresbiologin an der Nova Southeastern University, einen Rettungsversuch gestartet: Vor zwei Jahren sammelten ihre Studierenden die Reifen ein, die an den Naturriffs schrammten. Zwei Monate später, bei einem Kontrolltauchgang, „sah alles wieder genauso aus“, sagt sie – „Wir wussten nicht mehr, wo wir schon abgeräumt hatten.“

Nach Jahren der Bestandsaufnahme wollen die Verantwortlichen der Kreisverwaltung die Küste nun vom desaströsen Öko-Experiment befreien. In Kooperation mit Bundesbehörden und Kommunen sowie Umweltgruppen planen sie, militärische Rettungsmannschaften einzusetzen, die die Reifen-Aufsammel-Aktion als Tauchtraining nutzen wollen.

Der Staat hat sich verpflichtet, aus dem Meer gefischte Reifen zu vernichten. Das Ganze wird bis zu 5 Millionen Dollar (knapp 4 Millionen Euro) kosten, schätzen die Verantwortlichen. „In den vergangenen Jahrzehnten haben die Leute sich den Müll angeschaut und schließlich gesagt: ,Das packen wir nicht‘ „, sagt Will Nuckols, Projetkoordinator für Coastal America, einer der beteiligten Organisationen.

Tatsächlich ist die Aufgabe gigantisch. Es ist leicht, etwas ins Wasser zu schmeißen, aber rausholen ist teuer. Jedes Tauchteam kann pro Woche gerade mal 700 Reifen schaffen, sodass die Aufräumaktion mehrere Jahre in Anspruch nehmen könnte – bei geschätzten 2 Millionen Reifen. 2008 soll es losgehen.

 

Die Idee, künstliche Riffe vor US-Küsten zu schaffen, stammt aus den 1830er-Jahren in North Carolina. Mit den Jahren wurden landesweit Felsen, Bäume, Beton und Schiffe als künstliche Korallenstätten versenkt. Die Idee, ein Gummiriff zu schaffen erhielt in den 1950er-Jahren Konjunktur, als der Autoboom viele Altreifen produzierte. Küstengemeinden in Texas, Kalifornien, Florida und North Carolina legten damit los, doch nirgendwo wurde so reingekippt wie vor Fort Lauderdale. Es sollte das größte Altreifen-Riff der Welt werden.

Damals seien alle enthusiastisch gewesen, sagt Ray Allister, emeritierter Professor für Meeresingenieur-Wissenschaften. Allister war einer der Initiatoren. „Es war ein schrecklicher Fehler, ich muss es zugeben“, sagt er heute. Seit 2004 sind Reifen-Riff-Projekte in den USA verboten.

Den zugehörigen Artikel findet ihr bei der taz.

Mehr zum Thema Verschmutzung der Meere gibt es bei DIE OZEANE oder unserer BLUE STRAW Kampagne.

//