Tiefsee

Das unerforschteste und unereichbarste Ökosystem der Erde birgt Wunder und Überraschungen.
Doch sind wir dabei, es irreversibel zu zerstören.

Forschende warnen vor Tiefsee-Goldrausch

Unterwasseransicht von Manganknollenfeld

© CC BY-SA 3.0 / Wikimedia Commons

Angesichts der immer weiter voranschreitenden Pläne für einen baldigen Start des Tiefseebergbaus, haben Wissenschaftler:innen und Politikexpert:innen der Universität Exeter und Greenpeace eine neue Studie veröffentlicht. In ihr sprechen sie Empfehlungen aus, wie die Menschheit Umweltschäden durch Tiefseebergbau verhindern kann. Im Vordergrund steht dabei der Schutz der Biodiversität der Tiefsee. EurekAlert! hat dazu folgende Pressemitteilung veröffentlicht:

Warning over deep-sea „gold rush“

Pressemitteilung, 17.08.2018, EurekAlert!

A „gold rush“ of seabed mining could lead to unprecedented damage to fragile deep-sea ecosystems, researchers have warned. With major decisions on the future of seabed mining expected in 2019-20, scientists and policy experts from the University of Exeter and Greenpeace have recommended a range of measures to prevent environmental damage. They say deep-sea ecosystems currently need more protection, rather than new threats. They also argue that mining in the deep sea (depths below 200m) could be avoided altogether if humanity moved towards a „circular economy“ that focuses on reuse and recycling of metals, reduces overconsumption and limits built-in obsolescence of technology.

„This ‚gold rush‘ is being driven by our ever-growing demand for minerals,“ said Dr David Santillo, a marine biologist and senior Greenpeace scientist based at the University of Exeter. „Should we allow seabed mining – with the risk it poses to deep-sea ecosystems – or should we focus instead on reducing this demand for virgin minerals?“ The scientists also call for an improved network of Marine Protected Areas, strict regulations and monitoring of all human activities on the seabed, and far greater transparency on the costs and benefits of any proposed mining. „The deep sea is beyond the jurisdiction of any single state and we need more joined-up global governance to prevent biodiversity loss from human activities“, said Dr Kirsten Thompson, a marine biologist at the University of Exeter and co-author on the study. „Some areas targeted for seabed mining are known to be hotspots for biodiversity, including habitat for endemic corals and nursery grounds for sharks.“

The paper, published in the journal Frontiers in Marine Science, gives an overview of the current state of regulations and their likely effectiveness, with the aim to stimulate wider discussion before the International Seabed Authority reaches any decisions to allow commercial mining of the seafloor. „Many marine scientists are concerned that, once the first commercial contract for mining is issued, there will be no going back,“ said Kathryn Miller, a co-author on the study. „Before that happens, we should be absolutely certain that we have looked carefully at all the other options for a more sustainable future.“

The study recommends:

  • Sustainability: Create a „circular economy“ based on reuse and recycling, extending product lifespans and discouraging overconsumption.
  • Monitoring: Robust monitoring and research of deep-sea ecosystems through an international ocean agency.
  • Protection: Establish a coherent network of Marine Protected Areas.
  • Transparency: Inform the global community, including all indigenous groups and small-island states, of the costs and benefits of proposed activity according to the United Nations convention stipulation that activities in the deep sea must be carried out for „the benefit of mankind“.
  • Legislation: Strict regulations to prevent harm to ecosystems must be enforced by the regulatory body and be independently verified.

The study follows a previous paper that suggested seabed mining could do irreversible damage to deep-sea ecosystems.

Diese Pressemitteilung vom 17.08.2018 findet ihr bei EurekAlert!.

Das Paper Seabed mining and approaches to governance of the deep seabed findet ihr bei Frontiers in Marine Science.

Auch in Anbetracht der Tatsache, dass bisher erschlossenen die Erdölvorkommen immer kleiner werden, rückt der Abbau der riesigen Ölfelder in der Tiefsee in den Fokus der Unternehmen.

Nein zum Raubbau an der Tiefsee

Mehrere Tiefseekorallen wachsen vom Grund der Tiefsee

© NOAA Office of Ocean Exploration and Research / Wikimedia Commons

Das erste Tiefseebergbauprojekt „Solwara 1“ soll  in diesem Jahr am Boden der Bismarcksee vor Papua-Neuguinea starten. Auf der Suche nach Manganknollen, kobaltreichen Eisen- und Mangankrusten, Massivsulfiden und Erzschlämmen – ein unsicheres Investment. Das geplante Ausbeutungsgebiet beträgt etwa 140000 Quadratmeter und ist Teil eines ökologisch sehr sensiblen Lebensraums, der auch ein wichtiges Fanggebiet für viele Kleinfischer*innen ist. Der Rohstoffverbauch muss in Deutschland und in Europa auf ein nachhaltiges Maß reduziert werden, stattdessen unterstützt die Bundesregierung Industrie- und Forschungsvorhaben, die den Tiefseebergbau massiv vorantreiben, um auch die unerforschtesten Lebensräume unseres Planeten wirtschaftlich zu nutzen. Jedoch ist nicht nur der wirtschaftliche Ertrag beim Tiefseebergbau mehr als fraglich, sondern auch die Folgen für das gesamte Ökosystem und seine Bewohner.

„Tiefseebergbau ist in diesem Sinne eine Risikotechnologie und steht für den Wunsch nach unbegrenztem Wachstum, nicht für eine vorsorgende Politik“ – Kai Kaschinski (fair-oceans).

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. (DGVN), 13.06.2018, Autor: Hans-Christoph Neidlein

Den zugehörigen Artikel von Hans-Christoph Neidlein vom 13.06.2018 findet ihr bei der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. (DGVN).

Für weitere Informationen, schaut bei unserer Kampagne zum Tiefseebergbau DEEP SEA vorbei.

 

 

 

Selbst Flohkrebse in der Tiefsee nehmen Plastikmüll auf

Flohkrebse: rosafarbener Flohkrebs vor schwarzem Hintergrund

© Hans Hillewaert / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Ein Forschungsteam der „Newcastle University“ hat eine Studie über den Einfluss von Plastikmüllverschmutzung auf Amphipoden (Flohkrebse) veröffentlicht. Dafür entnahmen sie Flohkrebse in sechs verschiedenen Tiefsee-Gräben. Die Ergebnisse sind schockierend. Selbst im Marianengraben, dem tiefsten Punkt des Ozeans, hatten alle Exemplare Mikroplastik in ihrem Körper. Die Studie zeigt, dass kein marines Ökosystem auf der Welt mehr unberührt ist. Immer mehr Hinweise deuten darauf, dass die Tiefsee, als größter Lebensraum, auch das größte Reservoir für Plastikmüll sein könnte. Die Amphipoden stehen ganz unten in der Nahrungskette und werden von vielen anderen Meerestieren gefressen. Wenn sie Mikroplastik essen, wirkt sich das auf das ganze Ökosystem aus und auch die Menschen nehmen die Gifte zu sich, indem sie Meerestiere essen. Zudem können die Plastikfasern sich mit Chemikalien – zum Beispiel PCB – anreichern. Diese Studie sollte ein alarmierendes Signal sein, unseren Plastikkonsum dramatisch zu reduzieren.

Den Artikel Study: Every Animal Pulled Up From The Deepest Trenches Of The Ocean Had Plastic In Its Gut von Ed Yong vom 27.02.2019 findet ihr bei The Atlantic.

Weitere Informationen über die Studie der „Newcastle University“ findet ihr auf der Internetseite der Royal Society.

Tag des Artenschutzes: Tiefseefisch – Orange Roughy

Drei Orange Roughy liegen auf einem Tisch und werden vermessen

© CSIRO / Wikimedia Commons (CC-BY 3.0)

Alljährlich findet am 3. März der Tag des Artenschutzes statt, der aus dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora) von 1973 hervorgeht.

Zum diesjährigen Tag des Artenschutzes stellen wir euch den Granatbarsch – oder auch Orange Roughy – vor. Ein Sinnbild für das Leben in der Tiefsee. Die Tiefsee – tiefer, dunkler und  langsamer. Der größte Lebensraum unseres Planeten, der früher durch seine besonderen Lebensbedingungen als lebensfeindlich galt. Orange Roughy hat sich jedoch, so wie viele andere Lebewesen, perfekt an die Kälte, den hohen Druck und die ewige Dunkelheit der Tiefsee angepasst.

In bis zu 1800 Metern Tiefe gleitet er langsam durch den lichtlosen Ozean, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Er hat einen extrem langsamen Stoffwechsel, der dazu führt, dass er erst sehr spät geschlechtsreif wird und sich somit auch nur langsam reproduzieren kann.  Bis zu 150 Jahre kann der orange-rote Fisch die Tiefen unseres Planeten durchqueren. Die ZEIT hat Orange Roughy nicht ohne Grund den „Entdecker der Langsamkeit“ getauft.

Der Knochenfisch, der älter wird als unsere Großeltern, landet in Ländern wie USA, Australien, China, aber auch in Deutschland auf den Speisekarten. Er fällt der steigenden Nachfrage nach Fisch zum Opfer. Er stirbt und endet im Magen von Menschen, die diesen besonderen Fisch gerne verspeisen oder er wird als Beifang der industriellen Fischerei unabsichtlich gefangen, wenn er nicht dem erhofften Fang entspricht aufgrund seiner Spezies, Größe oder Qualität, sterbend wieder ins Meer geworfen.

Seit 2016 tragen drei neuseeländische Fischereien das MSC-Siegel (Marine Stewardship Council) für nachhaltige Fischerei, die insgesamt für mehr als die Hälfte des örtlichen Fangs von Granatbarschen verantwortlich sind. Wie ist das möglich?  Tiefseelebewesen wie Orange Roughy werden mit Grundschleppnetzen gefangen, die gleichzeitig die Jahrhunderte alten empfindlichen Kaltwasser-Korallenriffe der Tiefsee zerstören.  Kann er überhaupt „nachhaltig“ gefangen werden, wenn durch die angewandten Tiefseefangmethoden gleichzeitig sein Lebensraum zerstört wird? Was ist, wenn sich die Granatbarsche und ihr Lebensraum trotz der Auflagen des MSCs nie wieder erholen?

Können wir als Gäste des Planeten Erde unser Bedürfnis diesen Fisch zu essen über das Leben eines Lebewesens stellen, das mehr als doppelt so alt wird wie wir? Wir sind in den Ländern, in denen Orange Roughy gegessen wird, nicht auf Fische als Proteinquelle angewiesen. Auf wie viel verzichten wir wirklich, wenn wir nicht mehr uralte Lebewesen aus den unbekannten Tiefen des Ozeans rauben, um unsere Vorliebe für besonderes Fischfilet zu befriedigen?

Orange Roughy steht für die Tiefsee. Eine geheimnisvolle und artenreiche Welt, die wir in ihrer Komplexität noch nicht erfasst haben. Müssen wir das, bevor wir anfangen sie zu schützen? Nein, wir müssen nicht alle Vorgänge und Mechanismen in der Tiefsee verstehen, um sie sinnvoll schützen zu können. Klar ist, wenn wir so weitermachen, werden wir nicht mehr alle Wunder der Tiefsee entdecken…

3.März – Ein Tag, an dem wir unsere täglichen Entscheidungen überdenken müssen, die das Leben vieler Lebewesen gefährden, sowohl in den Tiefen des Ozeans, als auch auf dem ganzen Planeten Erde.

Johan Busse von Colbe für DEEPWAVE

 

 

The future of deep seabed mining

drei riesengroße Maschinen im Watt, die für den Tiefseebergbau eingesetzt werden© Nautilus Minerals

“Our current knowledge of the deep sea is not sufficient to protect the unique species that live there from mining operations. It is alarming to see contracts being granted for these still largely unexplored and vulnerable areas. We need a 10-year moratorium on seabed mining exploitation.” -Carl Gustaf Lundin, Direktor der International Union for Conservation of Nature’s (IUCN) of Global Marine and Polar Programme.

Diese Woche tagt die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA), um gemeinsam mit der Industrie Richtlinien für die Zukunft des Tiefseebergbaus zu entwickeln. Eine Publikation von Jessica Aldred vom Chinadialogue ocean aus dem Jahr 2019 befasste sich mit der komplexen Natur des Tiefseebodens, der als mineralienreiche Ressource das Potenzial für zukünftigen Reichtum birgt, aber zu welchem Preis? Die Frage der Rechtsprechung, dass der Meeresboden außerhalb der Grenzen eines Landes liegt, hat zu Missständen geführt, da Länder wie Japan Tiefseeböden innerhalb ihrer kontinentalen Gewässer besitzen und diese ausbeuten dürfen, während andere Länder diese „Möglichkeit“ nicht haben. Diese und andere Fragen sollten auf der jüngsten Sitzung der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) diskutiert werden, um einen Verhaltenskodex für die verantwortungsvolle Nutzung der Ressourcen des Tiefseebodens auf umweltverträgliche Weise zu erarbeiten.

Den gesamten Artikel von Jessica Aldred vom 25.02.2019 findet ihr bei Chinadialogue ocean.

IUCN, International Union for Conservation of Nature: https://www.iucn.org/

Weitere Informationen über die Tiefsee findet ihr bei unserer Kampagne zum Tiefseebergbau DEEP SEA.

Fangquoten 2019/2020 für Tiefseefische festgelegt: EU umschifft eigenen Nachhaltigkeitsstandard

Die EU hat die aktuellen Fangquoten für einige Tiefseefischarten im Nordostatlantik beschlossen. Dabei geht es unter anderem um folgende Fischarten: Tiefseehai, Schwarzer Degenfisch, Kaiserbarsch, Rundnasen-Grenadier und Rote Fleckbrasse.

20.11.2018 Pressemeldung von Slow Food Deutschland:

Tiefsee-Fanggrenzen 2019/2020: EU umschifft eigenen Nachhaltigkeitsstandard

20.11.2018 – Die Fischereiminister der EU, darunter Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, haben über die Fanggrenzen für wirtschaftlich bedeutende Bestände von Tiefseefischarten für 2019 und 2020 entschieden – darunter die für Deutschland relevanten Arten Schwarzer Degenfisch, Rundnasengrenadier und Gabeldorsch. „Herzstück der Gemeinsamen Fischereipolitik ist das rechtlich verbriefte Ziel nachhaltiger Nutzungsgrade für alle fischereilich genutzten Populationen bis 2020. Dieser sogar global geltende Nachhaltigkeitsstandard wurde nun umschifft, indem zahlreiche Fanggrenzen einfach aufgehoben wurden“, so Nina Wolff, Fischerei-Expertin von Slow Food Deutschland.

Die Tiefsee zählt zu den empfindlichsten Bereichen der Meere. Sie birgt eine Fülle von Lebewesen und Lebensräumen. Vieles davon ist uns Menschen noch unbekannt. Trotzdem fischen industrielle Fischereiflotten, auch aus EU-Ländern, in diesen Gefilden, weil sie in einigen Küstengewässern Europas nicht mehr ausreichend Fang und Gewinne erzielen. Viele Tiefseefische jedoch reproduzieren sich langsamer als andere Fischarten. Sie sind entsprechend anfällig für Überfischung. Einige dieser Arten sind bereits stark dezimiert, darunter der Granatbarsch sowie mehrere Haiarten. Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) hat im Vorfeld der gestrigen Entscheidung empfohlen, bei vielen der Tiefseebestände die Fänge erheblich zu reduzieren oder gänzlich zu vermeiden.

Diesen wissenschaftlichen Empfehlungen ist die EU mit ihrer getroffenen Entscheidung nicht ausreichend nachgekommen. „Die EU hätte gestern für 19 Tiefsee-Bestände Fanggrenzen festlegen sollen. Stattdessen wurden sechs Bestände der Quote entzogen. Der Ministerrat ist kritiklos diesem unverantwortlichen Vorschlag der EU-Kommission gefolgt. Die wissenschaftlichen Kenntnisse über die besonders schutzbedürftigen Tiefseepopulationen sind nach wie vor gering. Eine Bewirtschaftung dieser Bestände im Einklang mit dem Vorsorgeprinzip hätte deshalb besonders strenge Fanggrenzen bis hin zu Fangverboten erfordert“, so Wolff und erklärt entschieden weiter: „Die EU und auch das zuständige Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft sind sich der großen Bedeutung der Tiefseefische für die marinen Ökosysteme durchaus bewusst. Dennoch wurden erneut wichtige Erhaltungsmaßnahmen einer schlanken Quotenverwaltung geopfert. Das ist, als höbe man Geschwindigkeitsbegrenzungen auf weniger befahrenen Straßen auf, um die Verkehrspolitik zu entschlacken“.

In ihrer Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) hat die EU rechtsverbindlich beschlossen, bis 2020 alle EU-Fischbestände auf einem ökologisch vertretbaren Niveau zu bewirtschaften. Mit der jüngst getroffenen Entscheidung hat sie sich davon erneut einen Schritt entfernt und das wirtschaftliche Interesse einiger weniger Mitgliedstaaten über wissenschaftliche Expertise und geltendes Recht gestellt. „Ich bin sprachlos darüber, dass der Ministerrat nicht stärker agiert hat, um die für uns überlebenswichtigen marinen Ökosysteme zu erhalten. Da die EU weiterhin nicht die Grundlagen für einen verantwortungsvollen Fischverzehr schafft, kann ich nur an die Verbraucherinnen und Verbraucher appellieren, sensible und kluge Entscheidungen zu treffen. Wenn eine der biologischen Empfindlichkeit entsprechende vorsichtige Bewirtschaftung nicht gewährleistet ist, gibt es nur eine Konsequenz. Die Tiefsee gehört nicht auf den Teller, und wir sollten auch auf Reisen einen kulinarischen Bogen um Tiefseefischarten schlagen und stattdessen zu regionalem Fisch greifen, dessen ökologisch unbedenklicher Herkunft wir uns vergewissert haben“, sagt Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland.

Die Pressemitteilung findet ihr bei Slow Food Deutschland.

Weitere Informationen und Standpunkte findet ihr unter anderem bei Seas at Risk.

Und hier die Pressemitteilung der EU Deep-sea fish stocks: agreement on catch limitations over 2019 and 2020.

 

Prof. Antje Boetius erhält den Deutschen Umweltpreis 2018

© Alfred-Wegener-Institut / Kerstin Rolfes (CC-BY 4.0)

Bereits zum 26. Mal wurde der Deutsche Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) vergeben, die Meeresbiologin Prof. Dr. Antje Boetius ist eine der Gewinnerinnen. Der mit 500.000 Euro dotierte Preis ist der größte unabhängige Umweltpreis Europas. Durch die Vergabe betont die DBU die große Bedeutung der Weltmeere für Klima, Lebensvielfalt und Nahrungsversorgung und warnt gleichzeitig vor dem Klimawandel, der Umweltverschmutzung und Überfischung.

Ein Leben für die Ozeane

Mit unterschiedlichen Schwerpunkten erforscht Antje Boetius die Biodiversität der Tiefsee, betreibt Wissenschaftskommunikation und setzt Projekte zwischen Wissenschaft, Kunst und Kultur um – die Ozeane und ihre Vielfalt sind die Themen der wohl bekanntesten Meeresforscherin Deutschlands. Ihren Anspruch an das Meer sieht sie dabei sogar durchaus romantisch: „Es geht darum, ein Paradies zu erhalten.“

Ende der 1980er begann Antje Boetius‘ Reise in die unbekannten Weiten der Tiefsee. Sie studierte Biologie an der Universität Hamburg und setzte Anfang der 90er mit einem Studium der Biologischen Ozeanographie an der Scripps Institution of Oceanography in den USA nach. Der Startschuss für eine beeindruckende Laufbahn war gefallen. Für ihre Diplomarbeit über Tiefseebakterien verbrachte Boetius einige Monate auf diversen Forschungsschiffen im Pazifik und Atlantik. Ihre Dissertation schrieb die heute 51-Jährige an der Universität Bremen dann im Jahr 1996 über „mikrobielle Stoffumsätze in der Tiefsee der Arktis“, bevor sie 2001 zunächst Assistenz-Professorin an der Jacobs University Bremen und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Alfred-Wegener-Institut im Fachbereich Geologie wurde. Seit 2009 ist sie Professorin für Geomikrobiologie an der Universität Bremen.

Die international hoch geschätzte Wissenschaftlerin, die seit November 2017 außerdem Direktorin am Alfred-Wegener-Institut (AWI) ist, dem Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, wurde mit verschiedensten Preisen ausgezeichnet. Unter anderem erhielt sie für ihre Arbeit den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis sowie den Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, den Advanced Grand des Europäischen Forschungsrates und nun vor wenigen Tagen den Deutschen Umweltpreis.

Mit Begeisterung und ganzheitlicher Sicht gegen die Bedrohungen des Meeres

Plastikmüll, Klimawandel, Tiefseebergbau oder Überfischung – die Liste der Bedrohungen für das Meer ist lang. Während in der Bevölkerung insbesondere das Thema Plastikmüll aktuell große Beachtung findet, sieht Boetius die Themen für gleichermaßen bedeutsam und gefährlich an. Langfristig gedacht ist jedoch immer noch der Klimawandel die größte Bedrohung, denn schon jetzt gibt es laut Boetius keine Region mehr in den Ozeanen, die nicht von ihm betroffen ist. Algen und Mikroorganismen machen die oberen Zonen des Meeres produktiv, verändern sich allerdings durch den Klimawandel und haben somit eine direkte Wirkung auf die fernsten Tiefseetiere. Das Konzept „unberührte Natur“ wird es dadurch für zukünftige Generationen gar nicht mehr geben, so die Wissenschaftlerin.

Zum Verständnis der komplexen klimatischen Zusammenhänge hat Boetius mit dem Kerngebiet ihrer Forschung schon viel beitragen können. Beispielsweise wurde die Symbiose von Archaeen (Urbakterien) und Bakterien, die vom starken Treibhausgas Methan leben, erstmals von ihr entdeckt – eine wichtige Funktion in unserem Kohlenstoffkreislauf. Alle paar Jahre widmet sich die Forscherin allerdings wieder neuen Themen der Meeresbiologie, um das große Ganze zu sehen. Kein Wunder, denn auf ihren bald 50 mehrmonatigen Meeresexpeditionen weltweit kommt sie immer wieder mit neuen Phänomenen in Berührung – eine für sie unendliche Inspirationsquelle für Projekte und Forschung. Woher ihr unersättlicher Forschungswille stammt? Aus Neugierde auf das Unbekannte und der Faszination darüber, wie vieles wir noch immer nicht über unsere Welt wissen. Und natürlich daraus, wirklich etwas zu bewirken zu wollen.

»Mir ist wichtig, dass wir verstehen, dass das Wissen, Forschen und Entdecken ein Teil der Frage ist: Wer sind wir Menschen, wo wollen wir hin, wie wollen wir in Zukunft mit der Erde und den Meeren leben.«

Wissen und Kommunikation als Brücke

Schon kleinste Veränderungen in unserer Lebensweise haben Konsequenzen für die Ozeane – der Bedarf an Wissen darüber ist groß, ebenso wie der Bedarf daran, mehr über die Rolle der Ozeane in globalen Zusammenhängen zu erfahren. Es geht immer wieder darum, andere Arten des Umgangs mit der Natur herauszufinden, dafür ist Wissen ein bedeutender Schritt. Und genau dieses Wissen will die Meeresbiologin an möglichst viele Menschen weitergeben.

Es geht um Information, aber auch um Überzeugungen und das Bewirken von Veränderungen. Die Kommunikation mit den unterschiedlichsten Gruppen – ob Politiker, Medienschaffende oder Kinder – ist ein Schlüssel hierfür. Dafür geht Boetius gerne auch unkonventionelle Wege in Richtungen, in denen Wissenschaft sonst eher selten vorkommt. Beispielsweise in Kindersendungen und Unterhaltungsshows, in Lesungen mit Autoren oder Kulturveranstaltungen mit Musikern und Künstlern. Wer sich traut, neue Wege zu gehen, schafft es, unterschiedlichste Menschen zu erreichen und bisher unbeantwortete Fragen zu thematisieren – und genau das gelingt Boetius ausgezeichnet.

Luisa Münch für DEEPWAVE

Mehr darüber erfahrt in der Pressemitteilung vom AWI und in diesem Videobeitrag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.

 

NGOs fordern von der ISA eine Kehrtwende

Hauptsitz der ISA: Kastenförmiges hellbraunesGebäude

© CC BY-SA 3.0 / Wikimedia Commons

Anlässlich des Treffens der International Seabed Authority (ISA) in Jamaika haben 45 Naturschutzorganisationen die Nationalregierungen aller Länder zum Umdenken in Bezug auf den Tiefseebergbau aufgerufen. Im Rahmen der Bemühungen für eine nachhaltige Wirtschaft ergibt es keinen Sinn, neue Projekte anzugehen, die die Umwelt zerstören, denn die wirtschaftliche Erschließung der Tiefsee zerstört einen Großteil der Biodiversität.

Environmental groups call for a U-turn on deep sea mining

Pressemitteilung, 03.07.2018, Seas at Risk

As the International Seabed Authority (ISA) gathers in Jamaica, environmental organisations are calling on governments to wake up to the irreversible harm that deep sea mining will inflict, not only to marine ecosystems but also to global efforts to transition to a sustainable economy. In a joint statement to the ISA, 45 organisations, including Greenpeace and Seas At Risk, warn of significant loss of biodiversity if the world’s seabeds are opened up to mining.

“Humanity depends on healthy oceans. Sending huge machines to the bottom of the sea to rip up the ocean floor will have devastating effects. Deep sea mining could wipe out species and ecosystems before we even know them.” said David Santillo, a scientist at Greenpeace International. The letter states that deep sea mining is contradictory to the UN sustainable development commitments, particularly goals on healthy oceans and sustainable consumption and production. The groups also question industry claims that deep sea mining is needed:

“We risk squandering one of our most precious ecosystems, which has a vital role to play in the health of our planet, for an obsolete dream of boundless growth,” states the letter. “It is time we learn to use minerals in a responsible and efficient way, instead of digging up the deep sea to fuel a throwaway economy which turns metals into waste on a large scale,” said Ann Dom, deputy director of Seas at Risk. The civil society organisations argue the ISA should focus its mission on protecting the deep sea, defined by the United Nations as ‘common heritage of mankind’.

The NGOs are calling on the ISA to end the granting of contracts for deep-sea mining exploration and to not issue contracts for exploitation. The groups are also concerned about the lack of transparency and shortage of environmental expertise in the ISA and demand a full and public process to assess the potential impact of deep sea mining.

Diese Pressemitteilung vom 03.07.2018 findet ihr bei Seas at Risk.

Auch Greenpeace war an dem Aufruf an die ISA beteiligt und greift die Forderungen in seinem Artikel Deep sea mining decisions: Approaching the point of no return von Sebastian Losada und Pierre Terras vom 23.03.2018 detaillreich auf. Außerdem antwortet er auf die Argumente von Befürwortern des Tiefseebergbaus.

In unserem Blogbeitrag IUCN Bericht: Die Zukunft des Tiefseebergbaus stellen wir ebenfalls die Folgen des Tiefseebergbaus und die notwendigen Kontollmechanismen vor.

Positionspapier: Nein zum Raubbau an der Tiefsee!

Positionspapier zivilgesellschaftlicher Akteure zum Tiefseebergbau veröffentlicht

Über 90 Millionen Tonnen Metalle werden laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe jährlich zur Produktion von Maschinen, elektrischer Ausrüstung oder Automobilen importiert. Hinzu kommen die vielen Rohstoffe aus verarbeiteten und aus Vorprodukten. Dabei übersteigen diese Konsum- und Produktionsmuster die planetaren Grenzen und laufen konträr zu globaler Ressourcengerechtigkeit. Denn der Abbau von Rohstoffen ist global mit großen sozialen und ökologischen Kosten verbunden, die sich nicht in den Rohstoff- und Produktpreisen wiederfinden und vor allem in Ländern des globalen Südens anfallen. Auch geht er häufig mit Menschenrechteverletzungen einher.

Mit den weltweit weiterhin hohen Begehrlichkeiten nach neuen Rohstoffquellen und den geringen Erträgen aus terrestrischen Lagerstätten rücken die marinen mineralischen Rohstoffe der Ozeane und Meere zunehmend in den Fokus. Mittlerweile gibt es zahlreiche Explorations- und Forschungsprojekte für Bergbau in der Tiefsee.
Die Bundesregierung unterstützt politisch und finanziell eine Reihe von Industrie- und Forschungsinitiativen, die den Tiefseebergbau massiv voran-treiben. Die in der AG Tiefseebergbau zusammengeschlossenen Umwelt-, Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen fordern dagegen ein rasches Umdenken und Umlenken der Politik. Der absolute Rohstoffverbrauch in Deutschland und Europa muss massiv reduziert werden. Die Tiefsee muss als gemeinsames Erbe der Menschheit geschützt werden. Das schließt den Tiefseebergbau aus, da dieser in jedem Fall mit gravierenden Störungen der marinen Ökosysteme, mit Artensterben und unkalkulierbaren Folgewirkungen für die Meereswelt wie auch für die Menschen an ihren Küsten einhergeht und einer nachhaltigen Ressourcenpolitik entgegensteht.
Die unterzeichnenden Organisationen fordern deswegen von der Bundesregierung ein entschiedenes politisches Umsteuern weg vom Raubbau an der Tiefsee!

[…]

Das vollständige Positionspapier findet ihr hier:

Street-Art gegen Grundschleppnetzfischerei

Von Formen dominiertes Graffiti mit blauen Robotern

© MMT / Pixabay

Während sich heute die Fischereiminister:innen der EU-Mitgliedsstaaten treffen, nehmen sieben bekannte Street-Art-Künstler:innen dies zum Anlass, zeitgleich in verschiedenen europäischen Hauptstädten gegen die Grundschleppnetzfischerei zu protestieren. Dadurch erhoffen sie sich, die Meinung der Menschen zu diesem Thema an die versammelten Politiker:innen heranzutragen, denn mehr als 860.000 Europäer:innen haben die von BLOOM initiierte Petition unterschrieben, deren Ziel es ist, dass die Grundschleppnetzfischerei möglichst schnell verboten wird.

Ihre Sorge ist berechtigt: Schon seit längerem ist bekannt, dass die Tiefsee womöglich noch artenreicher als der Amazonas-Regenwald ist. Demnach ist die Grundschleppnetzfischerei das Unterwasser-Äquivalent der Rodung des Amazonas-Regenwaldes. In unserem Factsheet haben wir die negativen Folgen der Grundschleppnetzfischerei sehr anschaulich dargelegt.

Die beteiligten Street-Art-Künstler:innen sind: POPAY in Brüssel, JB ROCK in Rom, SP38 in Berlin, SPOK BRILLOR in Mardid; David JAE Antunes in Lissabon, PANIK in London und DELWOOD in Biarritz.

Den Artikel European Street-Art Stands Up Against Deep-Sea Bottom Trawling vom 14.07.2014 findet ihr auf der Seite von BLOOM.

UPDATE:

  • 30.06.2016: Das Europaparlament, der Ministerrat und die Europäische Kommission einigen sich darauf, dass die Grundschleppnetzfischerei ab einer Tiefe von 800 Metern verboten wird. Außerdem werden einige Gebiete, in denen empfindliche Meeresökosysteme vermutet werden, aus den Fischfanggebieten ausgeschlossen. Nachlesbar ist dies in unserem Blogbeitrag EU zieht ersten Schlussstrich unter Grundschleppnetzfischerei in der Tiefsee.
  • 01.12.2020: Inzwischen diskutiert die EU, ob in weiteren Teilen der Gewässern der EU die Grundschleppnetzfischerei eingeschränkt werden soll.
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