Tiefsee

Das unerforschteste und unereichbarste Ökosystem der Erde birgt Wunder und Überraschungen.
Doch sind wir dabei, es irreversibel zu zerstören.

Erz-Rausch am Meeresgrund

Mangan: Erz-Rausch am Meeresgrund

DIE WELT, 05. August 2006,

Auf dem Grund der Ozeane liegen große Mangan-Vorkommen. Rohstoffarme Länder wollen den Schatz heben

 

Für die Geheimnisse, die der Grund der Tiefsee birgt, interessieren sich nicht nur Forscher. Zwar herrschen Tausende Meter tief unter dem Meer ewige Nacht und ein Druck, der allenfalls stählernen Robotern und Spezial-U-Booten den Aufenthalt ermöglicht. Aber durch die weltweit steigende Rohstoffnachfrage gerät die schwer zugängliche Region zunehmend ins Visier wirtschaftlicher Interessen. So liegen schätzungsweise zehn Milliarden Tonnen Manganknollen auf dem Grund der Ozeane.

 

Die kartoffelgroßen Brocken bestehen zu knapp einem Drittel aus Mangan. Das Metall wird für die Stahlproduktion und die Herstellung von Legierungen benötigt. Daran besteht noch kein Mangel, wertvoll machen die Meeresknollen indes Beimengungen von Kupfer, Kobalt, Zink und Nickel, aus denen sie zu jeweils etwa einem Prozent bestehen. Prognosen zufolge reicht das, um den Weltbedarf an Buntmetallen für mindestens ein Jahrhundert zu decken.

 

Der Erzschatz auf dem Grund der Ozeane weckt die Begehrlichkeiten von rohstoffarmen Staaten. Vor kurzem hat Deutschland von der UN-Meeresbodenbehörde mit Sitz in Jamaika das Recht gekauft, zwei insgesamt 75 000 Quadratkilometer große Gebiete im pazifischen Manganknollengürtel 15 Jahre lang zu erforschen. Dort lagern in vier bis fünf Kilometer Tiefe knapp zwei Milliarden Tonnen Manganknollen. „Die deutschen Claims sollen die Buntmetallversorgung der Zukunft sichern“, heißt es dazu aus dem Bundeswirtschaftministerium.

 

Auch andere Nationen sehen ihre Zukunft im Meer. Aus Sorge um die eigene Rohstoffversorgung hat sich Japan schon vor Jahren die Schürfrechte im Pazifik vor den Cook-, Marshall- und Fidschi-Inseln gesichert. Bereits 1978 hatte die Ocean Management Inc. (OMI), ein Konsortium aus deutschen, japanischen und US-amerikanischen Unternehmen, den Abbau von Vorkommen im Zentralpazifik erkundet. Insgesamt 800 Tonnen Manganknollen wurden von der Initiative seinerzeit ans Tageslicht befördert. Das Projekt wurde jedoch bald eingestellt, vergleichsweise niedrige Preise auf den Rohstoffmärkten hatten den Abbau unwirtschaftlich gemacht.

 

Berechnungen, die auf den Erfahrungen des Projektes basieren, gehen davon aus, dass der Manganknollenabbau ab einer Jahresfördermenge von 1,5 Millionen Tonnen oder 5000 Tonnen pro Tag rentabel ist, stabile Rohstoffpreise auf hohem Niveau vorausgesetzt. „Diese Menge kann bereits mit einem Förderschiff, einem am Meeresboden arbeitenden Raupenfahrzeug oder einem Sammler erreicht werden“, stellt eine Studie der Universität Hannover fest. Um das zu erreichen, müsste täglich etwa ein Quadratkilometer Meeresboden „beackert“ werden. Dazu sind freilich an die besonderen Bedingungen der Tiefsee angepasste Maschinen nötig.

 

Forscher der Universität Siegen haben in den Neunzigerjahren einen speziellen Antrieb für Tiefseeraupen entwickelt, der ein Durchdrehen der Ketten beim Anfahren im schlammigen Grund verhindert. Erprobt wurde auch, die Knollen mithilfe von kilometerlangen Schlauch- und Rohrleitungssystemen nach Art eines Staubsaugers vom Meeresgrund zu sammeln. Das aber macht den Einbau zahlreicher Pumpen nötig. Indische Forscher entwickelten und testeten vor fünf Jahren eine eigens für die Manganknollenförderung entwickelte saugstarke Hochleistungspumpe. Diese schaffte eine Spitzenleistung von 100 Tonnen pro Stunde. Doch außer den begehrten Knollen wurden auch große Mengen Schlamm vom Meeresboden angesaugt. Damit war der Turbosauger kaum für den Tiefseebergbau geeignet. Die indischen Ingenieure bauten das System kurzerhand um. Es wird heute eingesetzt, um Hafenbecken von Schlamm zu befreien.

 

Von derlei technischen Tücken ahnte niemand etwas, als Meeresforscher gegen Ende der Sechzigerjahre die Manganknollenvorkommen im sogenannten Perubecken, vor der Küste Südamerikas, im Tausende Kilometer langen „Manganknollengürtel“ von Hawaii bis Mexiko und im Indischen Ozean erkundeten. Damals glaubte man noch, die Knollen mit Tausende Meter langen Eimerschleppketten vom Meeresgrund „ernten“ zu können. Schiffe sollten die Ketten hinter sich herziehen.

 

Auf Manganknollen war bereits das britische Forschungsschiff „Challenger“ gestoßen, als es auf seinen Fahrten zwischen 1872 und 1876 Pionierarbeit für die Erforschung der Tiefsee leistete. Die seltsamen Gebilde vom Meeresgrund weckten seinerzeit kein anhaltendes Interesse, bis sie rund 100 Jahre später eine von der Ölkrise ausgelöste Neubewertung der internationalen Rohstoffvorräte wieder ins Gespräch brachte. Berechnungen hatten damals eine dramatische Verknappung durch den zunehmenden Verbrauch der Industriestaaten vorausgesagt. Tatsächlich ist die Entwicklung nun in Teilen eingetreten, verursacht allerdings vom Rohstoffhunger aufholender Schwellenländer.

 

Bald interessierten sich Wissenschaftler für die Entstehung der „Meereskartoffeln“. Werden Manganknollen aufgeschnitten, zeigt sich der zwiebelförmige Aufbau um einen Kern. Lange Zeit gingen Forscher davon aus, dass es Millionen Jahre braucht, bis sich durch mineralische Ablagerungen eine ansehnliche Knolle gebildet hat. Vereinzelte Funde, bei denen zerknüllte Getränkedosen im Innern von Knollen gefunden wurden, weisen jedoch daraufhin, dass der Wachstumsprozess sehr viel schneller ablaufen kann.

 

Dabei stammt das in Schichten abgelagerte Mangan zum großen Teil aus dem von Flüssen herangeschafften und auf den Ozeanböden abgelagerten Gesteinsschutt. Ein kleinerer Teil stammt aus den zerfallenden Kalk- und Kieselschalen abgestorbener Mikroorganismen. In Regionen mit einer sauerstoffreichen Tiefenzirkulation löst sich das Mangan nicht vollständig im Wasser. Als Manganoxid fällt es dann aus und schlägt sich auf kleinen Steinen oder seltener auf Haifischzähnen nieder.

 

Die Ablagerungen enthalten stets Beimengungen anderer Metalle wie Eisen, Kupfer, Zink, Blei, Kobalt und Nickel. Sie stammen aus dem vom Meerwasser ausgelaugten Basaltgestein, welches die Ozeanböden bildet. Besonders intensiv ist dieser „Stoffwechsel“ in vulkanisch aktiven Regionen der Tiefsee.

 

Dort speien untermeerische Geysire eine schwarze schwefelige Brühe aus. Der Ausstoß dieser „Black Smokers“ enthält auch ansehnliche Mengen an Gold und Silber. Meterdicke Ablagerungen machen die Schwarzen Raucher buchstäblich zu einer Goldgrube. Im November vorigen Jahres vereinbarten die kanadischen Firmen Nautilus Minerals und Placer Dome, einer der weltgrößten Goldminenbetreiber, ein insgesamt 15 000 Quadratkilometer großes Gebiet in 1500 bis 2500 Meter Tiefe vor Papua-Neuguinea zu erkunden. Placer Dome, im Januar vom ebenfalls kanadischen Goldminenprimus Barrick geschluckt, steckte 6,7 Millionen Dollar in die geophysikalische Erforschung und in Probebohrungen. „Die Proben zeigen Gehalte von 22 Gramm Gold pro Tonne und 327 Gramm Silber pro Tonne. Das ist vergleichbar mit den ergiebigsten Minen an Land“, zeigten sich die Unternehmen hocherfreut.

 

Weltweit sind rund 150 solcher hydrothermal aktiver Felder bekannt. Sie konzentrieren sich entlang der Tiefseerücken. Dort quillt Magma aus dem Innern der Erde empor. In das neu gebildete Gestein eindringendes Meerwasser erhitzt sich und löst auf seinem langen Weg durch Spalten und Klüfte große Mengen an Schwefel- und Metallverbindungen heraus. Diese werden dann in weitem Umkreis um die oft zu Hunderten aufragenden Schlote abgelagert.

 

Das steigende kommerzielle Interesse an den Bodenschätzen der Tiefsee hat viele Wissenschaftler alarmiert. Die internationale Geoforschervereinigung Interridge fordert den konsequenten Schutz der Tiefseequellen. Die Forscher treibt nicht nur das Bangen um den freien Zugang zu ihren Forschungsgründen um. „Hydrothermalquellen bergen einzigartige Ökosysteme“, begründet Professor Colin Devey vom Institut für Meereswissenschaften in Kiel den Aufruf.

 

Die Schwefel speienden, siedend heißen Solequellen in den Tiefen der Ozeane gelten als die Wiege des Lebens auf der Erde. Modelle gehen davon aus, dass an den Oberflächen der reaktiven Sulfidablagerungen die ersten organischen Verbindungen entstanden, die sich durch Selbstabbildung vermehren konnten. Die Schwefelverbindungen spendeten auch die Energie für den primitiven Stoffwechsel der ersten Organismen. Deren Nachfahren, sogenannte Archaebakterien, besiedeln bis heute den einzigartigen Lebensraum unter dem Meer.

 

Den zugehörigen Artikel findet ihr bei der WELT.

Mehr zum Thema Tiefsee-Bergbau gibt es auf unserem Factsheet oder in unserem Tiefsee-Blog.

Schwarze Raucher: Tiefsee-Hitzerekord

Fluidbeprobung und Temperaturmessung in 3000 m Wassertiefe bei 407 °C mit Hilfe des Tiefseeroboters QUEST 5 am heißesten bisher bekannten „Schwarzen Raucher“

© MARUM | Universität Bremen

Tiefsee-Hitzerekord: Wissenschaftler messen höchste jemals am Meeresboden registrierte Temperatur an einem Schwarzen Raucher

Während der 68. Reise des Forschungsschiffes Meteor registrierte ein international besetztes Forscherteam unter der Leitung von Andrea Koschinsky, Professor of Geosciences an der International University Bremen (IU B), die bislang höchste Temperatur von 407°C an einer heißen Quelle am Meeresboden.

 

Die Wissenschaftler registrierten die Rekordtemperatur in 3000 m Wassertiefe mit einem speziellen, durch einen Tiefseeroboter gesteuerten Temperatursensor an einem so genannten „Schwarzen Raucher“, einer hydrothermalen Tiefseequelle mit charakteristischer Partikelwolke im austretenden Wasser. Zudem konnte das Sieden der austretenden Fluide gefilmt werden. Gefunden wurde die superheiße Quelle im Untersuchungsgebiet der Meteor-Expedition am Mittelatlantischen Rücken bei 5 °S an der submarinen Grenze zwischen der afrikanischen und südamerikanischen tektonischen Kontinentalplatte. Die Platten bewegen sich dort pro Jahr ca. 4 cm auseinander, was hier zu häufigen Vulkaneruptionen führt. Diese Vulkane werden durch zirkulierendes Meerwasser gekühlt, das normalerweise mit Temperaturen bis ca. 350 °C am Meeresboden austritt.

 

Maximale Wassertemperaturen bis zu 402 °C in hydrothermalen Tiefseequellen waren bislang nur aus dem Pazifik bekannt. „Die Erhöhung des Temperaturweltrekords um nur 5°C mag auf den ersten Blick unerheblich scheinen; sie hat jedoch erhebliche Konsequenzen“, sagt die Fahrtleiterin Andrea Koschinsky. „407 °C ist nämlich eine „magische“ Temperatur für Meerwasser. In 3000 m Wassertiefe stellt sie einen sogenannten Kritischen Punkt dar, wo Wasser nicht mehr als Flüssigkeit, sondern als eine Art überkritischer Dampf vorliegt. Dieser Dampf im Zwischenzustand zwischen flüssig und gasförmig löst Bestandteile aus den umliegenden Gesteinen, u.a. Metalle, auf eine ganz andere Weise als flüssiges Wasser heraus. Das Ergebnis sind superheiße Lösungen mit außergewöhnlichen Zusammensetzungen“, so Koschinsky.

 

Nach Meinung des Kieler Geologen Prof. Colin Devey weist die ungewöhnlich hohe Temperatur darauf hin, dass die vulkanische Aktivität in dem untersuchten Gebiet noch relativ jung ist, was auch durch Beobachtungen von frischen Lavaflüssen am Meeresboden bestätigt wurde. Trotz dieser Temperaturen ist die Umgebung der Austrittsstelle eine Oase des Lebens, denn die austretenden Lösungen liefern für die hydrothermale Lebensgemeinschaft die notwendigen Nährstoffe wie die Gase Methan, Wasserstoff und Schwefelwasserstoff, die ein exotisches Leben fernab der Sonne in den Tiefen des dunklen Ozeans ermöglichen.

 

Das Expeditionsteam, dessen Ziel es ist, die Zusammenhänge zwischen Vulkanismus, Wasserzirkulation im und oberhalb des Meeresbodens und Leben an den heißen Quellen zu erforschen, entdeckte neben dem bisher einzigartigen superheißen Schwarzen Raucher noch weitere bislang unbekannte heiße Quellen. Ermöglicht wurde dies durch die auf einem deutschen Forschungsschiff erstmalig eingesetzte Kombination des autonomen Unterwasserfahrzeugs „ABE“ (entwickelt vom Woods Hole Oceanographic Institute, USA) für die systematische Suche nach heißen Quellen mit dem ferngesteuerten Unterwasserfahrzeug „QUEST 5“ der Universität Bremen zur Vermessung und Beprobung neu entdeckter Felder. Diese Gerätekombination kam zustande durch die internationale Kooperation im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten 6-jährigen Schwerpunktprogramms 1144 „Vom Mantel zum Ozean: Stoff-, Energie- und Lebenszyklen an Spreizungsachsen“ sowie die Finanzierung durch die amerikanische Atmosphären- und Ozeanbehörde NOAA.

 

An der Meteor-Reise M68/1 vom 27. April bis 02. Juni 2006 beteiligen sich, neben einem Team von der IUB, auch Wissenschaftler vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel, von der Universität Bremen, der Universität Kiel, der Universität Hamburg, der Universität Münster, dem Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie in Bremen, der University of Otago in Neuseeland sowie Wissenschaftler und Techniker vom MARUM in Bremen, der National Oceanographic Institution in Großbritannien und der Woods Hole Oceanographic Institution in den USA.

Die zugehörige Pressemitteilung findet ihr bei der Jacobs University.

Update 2013: Schwarze Raucher: Experten messen Temperaturrekord im Pazifik

 

Grundschleppnetze: EU-Länder für Zerstörung des Tiefsee-Lebens verantwortlich

Ein mehrfarbiges Schleppnetz hängt über die Reling eines blauen Schiffes. Mehrere Seile, Tampen und Ketten liegen übereinander

© David Clode | Unsplash

EU-Länder für Zerstörung des Tiefsee-Lebens verantwortlich
Greenpeace fordert Stopp von Grundschleppnetz-Schiffen

pressetext, 06.03.2006, Lisa Hartmann

Greenpeace hat auf der OECD-Konferenz einen neuen Bericht vorgestellt, der enthüllt, daß die europäischen Länder für einen Großteil der Tiefsee-Zerstörung verantwortlich sind. Unter ihrer Flagge fahren 60 Prozent aller Schiffe, die Tiefsee-Schleppnetz-Fischerei betreiben und mit dieser Methode das Ökosystem der Ozeane zerstören. Meist bewegen sich die Schiffe außerhalb der 200-Seemeilen-Zone und fallen damit nicht unter die nationalen Gerichtsbarkeiten. Da die Biodiversität deshalb nicht von einem einzelnen Staat geschützt werden kann, fordert Greenpeace internationale Abkommen auf UN-Ebene.

 

Im letzten und vorletzten Jahr beobachtete Greenpeace die Aktivitäten von Tiefsee-Schleppnetz-Flotten, die beschwerte Netze über den Meeresboden ziehen. „Der Meeresboden wird wie ein Acker umgepflügt“, erklärt Antje Helms, Meeresbiologin bei Greenpeace, im Gespräch mit pressetext. Die Umweltschutz-Organisation schätzt, daß bei einem Schleppnetzeinsatz 95 bis 98 Prozent der Korallenbedeckung ruiniert werden. Auch auf die Bestände der Tiefsee-Fische hat das Einfluß. Da sie erst spät geschlechtsreif werden und oft nur wenige Nachkommen haben, stehen auch bekannte Arten wie Hoki oder Rotbarsch vor der Ausrottung.

 

Laut Greenpeace wurden 2001 etwa 170.000 bis 250.000 Tonnen Tiefsee-Fisch gefangen. Allerdings entspricht das nur 0,25 Prozent des gesamten Fischfangs. Trotzdem sei die Schleppnetz-Fischerei zusammen mit der illegalen Fischerei die größte Bedrohung für das marine Leben. Unter EU-Flagge fischen hauptsächlich Tiefsee-Schiffe aus Spanien, Dänemark und Frankreich, während Nicht-Industrieländer dabei nahezu unbeteiligt sind. Die europäischen Regierungen haben den Schutz des Tiefsee-Lebens in der Hand, so Greenpeace. Jetzt bringt die Umweltschutz-Organisation ein Moratorium für die Grundschleppnetz-Fischerei auf der Hohen See ins Rollen.

Den zugehörigen Artikel findet ihr bei pressetext.

Falls euch das Thema Grundschleppnetze interessiert, findet ihr hier Updates aus den Jahren 2010, 2013 und 2016.

Methanfressende Einzeller: Langsam, alt und außergewöhnlich

Langsam, alt und außergewöhnlich: methanfressende Einzeller tief im Meeresboden

Veröffentlicht am: 22.02.2006

Urtümliche Einzeller tief im Meeresboden werden möglicherweise bis zu 2.000 Jahre alt. Geringe Nährstoffkonzentrationen, extrem niedriger Stoffwechsel und ungewöhnliche Stoffwechselwege machen es möglich.

 

Ein deutsch-amerikanisches Team von Geochemikern und Mikrobiologen kam im Rahmen des Ozean Bohr Programms (ODP) jetzt mit Hilfe neuer Analysemethoden bislang nicht erforschten Archaeen auf die Spur und gewann Erkenntnisse über ihre Lebensweise und Rolle in der tiefen Biosphäre. Das Team unter Leitung des Geochemikers Prof. Kai-Uwe Hinrichs vom DFG-Forschungszentrum Ozeanränder (RCOM) in Bremen veröffentlichte seine Ergebnisse in der angesehenen Zeitschrift der Nationalen Akademie der Wissenschaften der USA (Proceedings of the National Academy of Sciences, U.S.A.).
„Erst seit relativ kurzer Zeit ist bekannt, dass tief unter dem Meeresboden im Sediment ein uns völlig unbekanntes Ökosystem existiert – die so genannte tiefe Biosphäre. Die dort lebenden Bakterien und Archaeen machen etwa ein Zehntel der lebenden Biomasse auf der Erde aus. „Archaeen sind einzellige Lebewesen, die mit Bakterien etwa so eng verwandt sind, wie Bakterien mit uns. Sie bilden die dritte große Domäne des Lebens, neben Bakterien und Eukaryonten – zu letzteren zählen Pflanzen und Tiere“, erläutert Doktorand Julius Lipp vom RCOM. Er teilt sich die Erstautorenschaft der Studie mit Jennifer F. Biddle, Doktorandin an der Pennsylvania State University. „Wir kannten Archaeen bisher hauptsächlich von lebensfeindlichen Orten: heiße Quellen in der Tiefsee und an Land, extrem salzige Lösungen, Erdöllagerstätten und eben unter enormem Druck unter fast nährstofflosen Bedingungen tief im Meeresboden“, so Studienleiter Hinrichs. „Die Organismen dort unten scheinen wichtige, uns vertraute Prozesse auf völlig andere Art und Weise auszuführen, wie zum Beispiel den Umsatz von Methan.“

 

Gerade dieser Prozess ist höchst interessant: Tief im Meeresboden produzieren Archaeen riesige Mengen Methan. Einen großen Teil bauen andere Archaeen wieder zu Kohlendioxid ab. Da Kohlendioxid als Treibhausgas 25-mal weniger wirksamer ist, als Methan, dämpft dies ihren Einfluss auf das Klima. Die Wissenschaftler untersuchten gezielt Schichten, in denen die Archaeen unter sauerstofffreien Bedingungen Methan zu Kohlendioxid zersetzen.

 

„Bisher kannten wir solche anaeroben Methanoxidierer nur aus Gebieten, wo relativ viel Methan vorkommt. Doch die Methankonzentrationen in den teilweise 90 Meter tiefen Sedimentschichten sind vergleichsweise gering“, so Hinrichs. „Genetische Vergleiche zeigten, dass es sich um neue Arten von Methanoxidierern handelt. Außerdem ist der Stoffumsatz des Ökosystems so niedrig, dass sich die Zellen theoretisch nur alle 100 bis 2.000 Jahre teilen.“

 

Was die Wissenschaftler fanden, hat sie fasziniert. „Unsere Untersuchungen vor der peruanischen Küste deuten darauf hin, dass zwar ein Großteil der Energie für das Ökosystem aus dem Abbau von Methan zu Kohlendioxid stammt. Aber der Kohlenstoff, den die Archaeen in ihre körpereigenen Verbindungen einbauen, stammt aus fossilem, organischen Material und nicht aus Methan“, erläutert Hinrichs. „Das ist anders, als in bisher bekannten Systemen.“

 

Herausgefunden haben sie all dies mit einer neuen Kombination von Methoden, die Hinrichs zusammen mit seinem Kollegen von der Pennsylvania State University Prof. House und anderen ausgeklügelt hat. Über die Analyse der Kohlenstoffisotope 12C und 13C in den Zellen der Archaeen konnten sie feststellen, welche Substanz die Organismen eingebaut haben. Dazu kam ein spezieller genetischer Fingerabdruck, den die Gruppe von Prof. Andreas Teske von der University of North Carolina, Chapel Hill, zum ersten Mal von diesem Lebensraum erhielt, sowie die Analyse artspezifischer, fettartiger Verbindungen. Zusammen zeigten diese Techniken den Wissenschaftlern welche und wie viele Mikroorganismen nicht nur vorhanden, sondern auch lebendig waren. „Analysiert man einfach alles vorhandene genetische Material, weiß man nicht, wann diese Organismen gelebt haben. In einem Ökosystem, das so langsam Stoffe abbaut, kann es sich leicht um längst abgestorbenes, altes Material handeln.“

 

Dieser Lebensraum im tiefen Ozeanboden ist uns heute noch weitgehend fremd: „Wir wissen weniger über ihn, als über manchen Himmelskörper. Neben der DFG und anderen Porgrammen, förderte die NASA Teile der Forschung – nicht zuletzt weil unsere Techniken auch für die Suche nach Leben auf anderen Planeten geeignet sind“, sagt Hinrichs.

 

Obwohl diese Vorgänge tief unter dem Meeresboden ablaufen, haben sie Einfluss auf unsere Umwelt. „Auch wenn die Prozesse extrem langsam sind: Da sie an allen Kontinentalhängen über riesige Flächen stattfinden, setzen die Archaeen riesige Mengen Methan zu Kohlendioxid um. So haben sie einen großen Einfluss auf den Treibhauseffekt“, betont Hinrichs.

Die zugehörige Pressemitteilung findet ihr beim idw.

Mehr Nachrichten zum Thema Tiefsee gibt es auf unserer Tiefseeblog.

Die Augen der Tiefsee

Wozu Fische in der finsteren Tiefsee Augen haben

Der Tiefseefisch Rhyncholyalus Natalensis mit großen Augen

© D. A. Flynn (CSIRO)

idw (Informationsdienst Wissenschaft), 13.07.2005, Michael Scheifert

Anatomie

 

Die Tiefen der Meere werden bisher hauptsächlich wegen der dort lagernden Bodenschätze erforscht. Doch gibt es in diesem unwirklichen Lebensraum auch zahlreiche Tiere, über die bisher wenig bekannt ist. Der Tübinger Anatom Prof. Hans-Joachim Wagner will das ändern. Er erforscht, welche Sinne Fische, Krebse und Tintenfische besitzen und einsetzen, um sich in den kalten und dunklen Gewässern zurechtzufinden.

 

Tübinger Anatom erforscht Sinnesorgane und Wahrnehmungsfähigkeiten sowie Biorhythmen der Meeresbewohner

 

Die Tiefsee macht 99 Prozent des Lebensraumes auf der Erde aus – wenn man das Volumen betrachtet. Dennoch gibt es weltweit nur wenige Wissenschaftler, die sich die Erforschung der dort lebenden Organismen zur Aufgabe gemacht haben. Früher hielten viele Forscher die kalten und dunklen Bereiche der Ozeane biologisch betrachtet für eine Wüste. Heute weiß man zwar, dass es dort komplexe und hoch komplizierte Lebensgemeinschaften gibt. Doch die Erforschung der Meereswesen in einer Tiefe bis zu 4000 Metern stellt die Wissenschaftler auch heute noch vor praktische Probleme. Schließlich lassen sich die Lebewesen nicht ohne weiteres vor Ort beobachten; holt man sie jedoch an die Oberfläche, sterben sie schnell. Prof. Hans-Joachim Wagner vom Anatomischen Institut der Universität Tübingen lässt sich dennoch nicht von der Tiefseeforschung abschrecken. Ihn interessieren vor allem die Sinnesorgane und Wahrnehmungsfähigkeiten von Fischen, Tintenfischen und Krebsen. Vor kurzem ist er von einer Forschungsfahrt mit dem amerikanischen Schiff „New Horizon“ vor der kalifornischen Küste zurückgekehrt.

 

Allerdings ist der Anatomieprofessor bei seinen Forschungen nicht an ein bestimmtes Gebiet gebunden. In der Tiefsee ist es fast überall unter vier Grad Celsius kalt, viele der dort vorkommenden Arten sind weltweit verbreitet. „Bis in die Tiefe von etwa 1000 Metern reicht ein Teil der Sonnenstrahlung, darunter haben die Lebewesen keinerlei Tageslicht mehr“, erklärt Hans-Joachim Wagner. Daher teilt der Forscher die Tiefsee bei seinen Untersuchungen in zwei Zonen: den Lebensraum über 1000 Meter und den darunter bis etwa 4000 Meter. „Dort ist an den meisten Stellen der Boden erreicht, nur einzelne Gräben in der Tiefsee sind noch tiefer“, sagt Wagner. Dennoch haben auch viele der Tiere, die unterhalb von tausend Metern leben, große Augen. „Man darf sich die Umgebung dort nicht als völlige Dunkelheit vorstellen“, sagt Wagner. Denn etwa 90 Prozent der Lebewesen in der Tiefsee erzeugen selbst sichtbares Licht – Biolumineszenz heißt das Phänomen. „Lässt man eine Kamera in die Tiefe hinab, sieht man Bilder wie bei einem Feuerwerk“, so der Forscher. Allerdings verursache schon die Druckwelle der Kamera eine Störung, auf die die Tiere wahrscheinlich mit verstärkter Lichtaussendung reagierten. Die Lichterzeugung dient unterschiedlichen Strategien: Bekannt sind zum Beispiel die Anglerfische: Sie nutzen eine beleuchtete Angel als Köder, um andere Fische anzulocken und zu fressen. „Bei anderen Fischen dient die Biolumineszenz zur gegenseitigen Erkennung. Seitlich sind in Abständen, bei Männchen und Weibchen mit jeweils unterschiedlichen Mustern Leuchtpunkte zu sehen“, erklärt Wagner. Ein Krebs schütze sich, indem er eine biolumineszierende Wolke ausspuckt, die noch leuchtet, wenn er selbst längst weg ist. So werden seine Fressfeinde desorientiert. „Meistens produzieren die Tiefseelebewesen Licht im blau-grünen Bereich“, sagt der Forscher, „englische Kollegen haben jedoch auch Fische entdeckt, die neben dem blauen rotes Licht produzieren. Damit leuchten sie Beutefische an, die das rote Licht nicht sehen können, sie benutzen praktisch ein Nachtsichtgerät.“

 

Am lebenden Tier kann Hans-Joachim Wagner physiologische Vorgänge meistens nicht erforschen. „Wenn die Fische von Schiffen aus über Spezialvorrichtungen nach oben geholt werden, leben sie höchstens noch ein paar Stunden“, erzählt er, „bisher ist es nicht gelungen, Tiefseefische in Aquarien zu halten.“ Doch auch an den toten Tieren lässt sich feststellen, dass sie teilweise sehr alt werden, bis zu mehrere Jahrzehnte. Ihr Stoffwechsel ist in der Tiefe sehr langsam. „Die Nahrung kommt in der Tiefsee meist von oben“, sagt Wagner. „Algen rieseln als so genannter Schnee hinunter, aber auch ein toter Wal zum Beispiel bietet den Tiefseefischen über Jahre hinweg Nahrung.“ Andere Fische wiederum fressen die Aasvernichter. „Da gibt es Generalisten und Spezialisten, im Magen eines Fisches wurden zum Beispiel nur Fischschwänze gefunden.“ Wagner erforscht Sinnesorgane und Gehirn der Tiefseefische. Er will wissen, welche Sinne vorhanden sind und in welchem Umfang die Fische diese nutzen. „Die meisten können sehen, hören und riechen“, sagt er nach einem anatomischen Vergleich von rund 200 verschiedenen Arten. „Manche nutzen alle Sinne, andere vor allem die Augen, bei weiteren Arten handelt sich praktisch um ’schwimmende Nasen'“, sagt Wagner. Das kann der Forscher aus Vergleichen der Hirnanatomie schließen, durch die Untersuchung der jeweils zuständigen Bereiche im Gehirn.

 

„Die Augen sind bei den Tiefseefischen meistens sehr groß. Und sie sind nicht farbtüchtig“, erklärt Wagner. Denn ihre Sehzellen sind ausschließlich oder zum überwiegenden Teil so genannte Stäbchen. Die sind empfindlich auch für geringe Lichtmengen, taugen aber nicht für die Farbunterscheidung. Der Mensch besitzt neben den Stäbchen auch Zapfen – Sehzellen für das Farbensehen. „Es gibt nur wenige Wirbeltiere, die nur Stäbchen besitzen. Bei den Tiefseefischen sind sie sehr lang, sehr zahlreich und besonders lichtempfindlich“, sagt der Wissenschaftler. Außerdem hat er festgestellt, dass bei den Tiefseefischen 100 oder 200 Stäbchen ihre Wahrnehmungen an eine einzige Nervenzelle weitergeben, um das wenige Licht zu sammeln. Beim Menschen ist – umgekehrt – eine Zapfen-Sehzelle im Bereich des gelben Flecks (Fovea), der Zone der größten Sehschärfe im Auge, mit zahlreichen Nervenzellen verschaltet. „Die Fischaugen sind als Modell für die einfache Informationsverarbeitung im visuellen System geeignet.“

 

Hans-Joachim Wagner hat auch untersucht, wie der Tagesrhythmus verschiedener Tiefseefische aussieht. „Bei Fischarten wie dem Beilfisch oder dem Vipernfisch, die oberhalb von 1000 Metern leben, kann man vermuten, dass die Sonne einen Rhythmus vorgibt“, sagt Wagner. Tatsächlich halten sie sich tagsüber bei 500 bis 1000 Metern auf, nachts kommen sie bis auf 200 Meter hoch. „Das sind riesige Völkerwanderungen.“ Die fotosynthetisch aktiven Algen bilden die Basis der Nahrungspyramide im Meer. Die Konzentration der Nahrungsmittel ist daher nahe der Oberfläche am höchsten. „Dort leben aber auch die Fressfeinde vieler Tiere, die darum am Tag weiter in die Tiefe abtauchen“, erklärt der Forscher. Doch unterhalb von 1000 Metern ist die Sonne auch für die empfindlichsten Augen nicht zu sehen. Haben die tiefer lebenden Arten auch einen Bio-Rhythmus? Und wie kann man das untersuchen? „Es gibt einen Signalstoff der biologischen Uhren, der nicht nur bei Wirbeltieren vorkommt: Melatonin. Es wird in der Zirbeldrüse des Gehirns gebildet“, sagt Wagner. Der Wissenschaftler hat die Zirbeldrüsen von Tiefseelebewesen gesammelt, die Melatoninkonzentration in den Zellen gemessen und die Drüsen auch in Kultur gehalten. „Es hat sich gezeigt, dass die bodenlebenden Arten wie Tiefseeaale oder Grenadierfische nicht die Sonne als Rhythmusgeber haben, sondern den Mond, dessen Phasen sie durch die Strömungswechsel der Gezeiten wahrnehmen.“ Die Änderungen der Strömungsrichtung werden vom Seitenliniensystem und durch Änderungen bestimmter Signal- und Geruchsstoffe wahrgenommen.

Die zugehörige Pressemitteilung findet ihr beim idw.

Mehr zum Thema Tiefsee erhaltet ihr bei Die Ozeane.

Unsere Kampagne zum Tiefseebergbau: Deep Sea Mining

Wem gehören die Ressourcen der Tiefsee?

Wem gehören die Ressourcen der Tiefsee?

 

Zeichnung eines Riesenkalmares in der Tiefsee. Dieser erscheint bunt und rot, während der Hintergrund komplett schwarz und dunkel ist

© DEEPWAVE | Anna Mandel

Telepolis, 12.06.2005, Florian Rötzer

Auch wenn viele Länder bereits das Seerechtsabkommen unterzeichnet haben, das die Ausbeutung der Bodenschätze regeln soll, fehlen Regelungen zur Nutzung der interessanten genetischen Ressourcen völlig

 

Noch dient die Tiefseeforschung meist wissenschaftlichen Zwecken. Aber voraussehbar ist, dass mit einer weiteren Verbesserung der Technik auch die kommerzielle Ausbeutung der bislang noch weitgehend unberührten und ungenutzten Ressourcen in den tiefen Regionen der internationalen Gewässer zunehmen wird. Sollte man neben interessanten Lebewesen wie den in den hydrothermalen Quellen lebenden Extromophilen auch auf große und abbaubare Bodenschätze stoßen, könnte es dann auch in dieser neuen Welt unter den Ozeanen zu einer für die empfindlichen Ökosysteme destruktiven Jagd nach dem „blauen Gold“ kommen.

 

Ein Bericht des United Nations University Institute for Advanced Studies (UNU-IAS), der sich auf Bioprospecting konzentriert, warnt davor, dass die in letzter Zeit in den Blick geratenen und zunehmend durch neue Technologien zugänglicheren genetischen Ressourcen der Tiefsee einer unkontrollierten Ausbeutung anheim fallen können, da hier bislang klare internationale Regeln fehlen. Es bestehe keine Einigung darüber, wem das für bio- und gentechnologischen Zwecken interessante genetische Material gehören oder welchen Zwecken sie dienen sollen, aber unklar sei auch die wesentliche Unterscheidung zwischen reiner und angewandter Forschung.

 

Die Nutzung von Bodenschätzen der Tiefsee regelt das Internationale Seerechtsübereinkommen, das 1982 von der UN verabschiedet wurde und 1994 in Kraft getreten ist. Hier werden im Art. 136 die Bodenschätze der Meere außerhalb der Ausschließlichen Wirtschaftszonen als gemeinsamer Besitz der Menschheit erklärt (all solid, liquid or gaseous mineral resources in situ in the Area at or beneath the seabed, including polymetallic nodules). Die Internationale Meeresbodenbehörde (International Seabed Authority (5)) in Kinston, Jamaica, wurde als Behörde eingesetzt, die Lizenzen zum Abbau von Rohstoffen unter bestimmten Auflagen vergeben kann und den Abbau überwacht. Alle Unternehmungen sollen ausschließlich friedlichen Zwecken dienen und der ganzen Menschheit, insbesondere den Entwicklungsländern, zugute kommen.

 

Das Internationale Seerechtsübereinkommen wurde von 148 Staaten anerkannt, auch von Russland und China, nicht aber von den USA. Die Regelung über den Umgang mit den Bodenschätzen in Teil XI des Abkommens haben 121 Staaten ratifiziert, auch Russland und China, aber die USA wiederum nicht, ebenso wenig wie Nordkorea oder Iran. In Bezug auf die Ausbeutung genetischer Ressourcen oder Bioprospecting kommt hinzu, dass bislang auch in Teil XI Umweltschutzbelange nicht ausreichend gewährleistet sind. Aber auch diese sind nur für die Staaten bindend, die das Abkommen unterzeichnet haben. In seinem Bericht an die Generalversammlung 2004 hat Generalsekretär Kofi Annan auf diese Lücke hingewiesen, dass weder „lebendige Ressourcen“, noch der Erhalt der biologischen Viefalt und „seltene oder empfindliche Ökosysteme“ geschützt sind. Das spielt auch deswegen eine Rolle, weil die biologischen Ressourcen der Tiefsee eng mit den mineralischen Ressourcen verbunden sind und ihr Schutz daher direkt mit der Regelung über denen Abbau verbunden ist. Das UN-Abkommen über den Schutz der biologischen Diversität erstreckt sich nicht auf die Tiefsee. Und was die Nutzung der genetischen Ressourcen betrifft, so wurden bereits erste Patente verliehen, obwohl sie eigentlich allgemeiner Besitz der Menschheit sein sollen. Alle großen Pharmakonzerne haben Abteilungen für Meeresbiologie, kommerziell ist das Tiefseeleben sehr attraktiv:

 

Die Ozeane enthalten 32 der 34 Phyla der Erde und besitzen eine Artendichte von 1.000 Arten pro Quadratmeter im Pazifik. Wegen der außerordentlichen Vielfalt und ihren Eigenschaften versprechen die Meeresorganismen viel für die Entwicklung von Medikamenten. Das Verhältnis von potenziell nützlichen natürlichen Verbindungen zu den untersuchten Verbindungen ist in den aus dem Meer stammenden Ressourcen höher als bei terrestrischen Organismen. Daher gibt es eine höhere Wahrscheinlichkeit eines kommerziellen Erfolgs.

 

Der Bericht führte die vielen erfolgreichen und einträglichen Anwendungen vor allem im Bereich der Biotechnologie und Medizin auf und gibt zu bedenken, dass die Menschen bei der Nutzung der Tiefseeressourcen erst am Anfang stehen. Notwendig müsse definiert werden, was im Unterschied zur reinen Forschung „bioprospecting“ ist, um dies regeln und entscheiden zu können, ob Forscher von öffentlichen wissenschaftlichen Institutionen und von Privatunternehmen denselben Zugang zur Tiefsee haben sollen. Besonders Berücksichtigung müsse der Schutz empfindlicher Ökosysteme haben, die vermutlich eine wichtige Rolle auch im globalen Klimahaushalt spielen können. Geklärt müsse werden, welche Schäden welche Technologien zur Tiefseeforschung haben können. Bislang haben während der letzten 11 Jahre erst 430 Erkundungsfahrten zum Tiefseemeeresboden stattgefunden, aber man kann davon ausgehen, dass diese mit der Verbesserung der Technik bald sehr viel häufiger stattfinden werden.

 

Vorgeschlagen wird für nicht unter nationaler Jurisdiktion fallenden Tiefseegebiete die Einrichtung einer internationalen Behörde, die ähnlich der ISA Belange des Naturschutzes regelt und überwacht, Lizenzen für den Zugang ausgibt, für den Transfer von Technik und Informationen sorgt, die Gewinnverteilung regelt und für Inspektionen zuständig ist. Die Aussichten dürften vorerst nicht sehr groß sein, nachdem schon das Abkommen über die Bodenschätze nicht von allen Staaten ratifiziert wurde.

 

Korallenriffe in Europa

© Solvin Zankl für GEO; Lophelia pertusa; An manchen Stellen geht das von der Art Lophelia pertusa gebildete Riff in mit Gorgonien besiedelte Bereiche über. Während deren rote, blasige Oberfläche von zahlreichen Gorgonenhäuptern (planktonfangende Schlangensterne) besetzt wird, scheinen sich zwischen den Lophelia-Ästen besonders Krebse wohl zu fühlen

 

Die Kinderstube unserer Speisefische – Korallenriffe in Europa (ZDF.umwelt Sendung vom 05.06.2005)

Korallenriffe gedeihen nicht nur in den Tropen. Auch in den lichtlosen Tiefen des nordatlantischen Beckens haben sie sich ausgebreitet. Ihre Größe ist immens: Das Gebiet dehnt sich von den Azoren bis nach Nordnorwegen. Es birgt so manche Überraschung.

Als sich Prof. Freiwald von der Universität Erlangen vor rund elf Jahren mit einem kleinen Forschungsprojekt über Kalke der Nordmeere beschäftigte, erlebte er eine Überraschung: In den unerforschten Tiefen von 1000 und mehr Metern entdeckte er riesige Riffstrukturen, gebaut von der Steinkoralle Lophelia pertusa.

Artenreichtum in der Tiefe

Was man gemeinhin nur als artenreichen Lebensraum in sonnendurchfluteten tropischen Küstengewässern kennt, zieht sich auch im Atlantik über viele hundert Kilometer vom Süden bis in den Norden Europas. Der Wissenschaftler und sein Team konnten damit nachweisen, dass Korallen auch in dunklen Meerestiefen leben können. Zudem entdeckten sie im Laufe der Jahre, dass es sich bei dem Riffgürtel um ein großes, zusammenhängendes System handelt.

Die Tiefseekorallen bestimmen die Forschungsarbeit von Prof. Freiwald noch immer. Es geht dabei sowohl um die Bestandsaufnahme – große Areale sind noch gar nicht erforscht – als auch um weiterführende Fragen. Freiwald und seine Kollegen wollen wissen, wie Riffe im ewigen Dunkel überhaupt entstehen können und welche Lebensgemeinschaften dort existieren.

Zerstörung auf dem Meeresgrund

Mit der systematischen Erforschung des Riffsystems kamen seitdem auch Tiefseeroboter zum Einsatz. Mit ihrer Hilfe kam Licht ins Dunkel der unwirtlichen Tiefe. Es stellte sich Erstaunliches heraus: An den Riffen tummeln sich zahlreiche Lebewesen. Kleine Krebse wurden entdeckt, die eine leuchtende Flüssigkeit ausstoßen, wenn sie in Gefahr sind. Zudem wurde deutlich, dass viele Speisefische, beispielsweise Rotbarsch, Kabeljau oder Heilbutt, dort ihre Kinderstube haben. Der Nachwuchs findet im Riff Schutz vor Räubern und wird durch die starke Strömung mit Nahrung versorgt.

Doch der Einblick in das Tiefseetreiben hat den Forschern auch Erschreckendes offenbart. Dem Tiefseebiotop droht die Zerstörung durch die Hochseefischerei. Ihre tonnenschweren Schleppnetze durchpflügen großflächig den Meeresgrund und zermalmen die Korallenriffe. Damit geht nicht nur ein wertvolles Biotop verloren. Die Fischer schaden sich auch selbst, denn den nachfolgenden Fischgenerationen wird jegliche Lebensgrundlage entzogen.

Tiefseeforschung in den Kinderschuhen

Wissenschaftler wie Prof. Freiwald arbeiten darum mit Hochdruck an der Suche nach weiteren Riffen und ihrer Kartierung. Denn nur was bekannt ist, kann auch geschützt werden. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn die Erforschung der Tiefseekorallen steht ganz am Anfang.

https://www.welt.de/wissenschaft/article1010749/Geheimnisvolles-Leben-im-arktischen-Eismeer.html

https://www.scinexx.de/service/dossier_print_all.php?dossierID=91651

weiterführende Informationen zu „Kaltwasserkorallen – aus der Grundlagenforschung auf die politische Agenda“ siehe hier:

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SeaOrbiter: Raumschiff für die Weltmeere

© www.seaorbiter.com/Jaques Rougerie

Futuristisches Raumschiff für die Weltmeere

Paris (rpo). U-Boote und Unterwassersiedlungen üben eine Faszination auf ihn aus, Jules Vernes liebt er abgöttisch: Der französische Architekt Jacques Rougerie will eine futuristische Mischung aus Raumfähre, Schiff und U-Boot zur Forschung in die Unterwasserwelt schicken. Schon in drei Jahren soll der 51 Meter hohe SeaOrbiter wie ein Seepferdchen senkrecht durchs Meer treiben. Doch bis dahin muss der Franzose weitere Geldgeber finden.

„Es wird eine neue Art sein, die Unterwasserwelt zu sehen“, schwärmt Rougerie – „ein Abenteuer für Forscher.“ Auch 130 Jahre nach dem phantastischen Vernes-Roman „20.000 Meilen unterm Meer“ sind weite Teile der Ozeane nicht erforscht. Wissenschaftler vermuten, dass sich in ihnen zahlreiche noch unbekannte Lebenswesen tummeln. Bisher mussten die Forscher mit Unzulänglichkeiten kämpfen: Tauchgänge sind wegen des Sauerstoffvorrats zeitlich begrenzt, Forschungs-U-Boote klein und unbequem, die Motorengeräusche vertreiben die Tiere. Der SeaOrbiter soll dagegen still mit der Strömung treiben. Eine „Oase des Lebens“ werde sich um das Gefährt bilden, verspricht Rougerie – schwimmende Gegenstände ziehen neugierige Meeresbewohner magisch an.

So hofft der Visionär auf einen einzigartigen Beobachtungsplatz für Forscher. Rougerie will aber auch die breite Öffentlichkeit für die Unterwasserlandschaften begeistern – und auf die Gefahren durch Umweltverschmutzung hinweisen. Kameraaufnahmen des SeaOrbiters sollen zum Beispiel ins Internet gestellt werden. Nur ein Drittel der Forschungsstation soll über Wasser zu sehen sein, die restlichen 30 Meter ragen unter die Wasseroberfläche und werden mit Sichtfenstern ausgestattet sein. Biologen und Akustiker können sich auf aufwändig ausgestattete Labore freuen. Ferngesteuerte Kameras sollen Aufnahmen in bis zu 600 Meter Tiefe ermöglichen.

In Teilen des Schiffs wird der Luftdruck dem Unterwasserdruck angepasst. „Wenn die Forscher etwas Interessantes sehen, brauchen sie sich nur einen Tauchanzug überzuziehen und durch eine Schleuse ins Wasser hinauszugleiten“, erläutert Rougerie. Der Hochdruckbereich bietet acht von insgesamt 18 Besatzungsmitgliedern Platz. Mehrere von ihnen sollen Astronauten sein – der SeaOrbiter sieht nicht nur aus wie ein Raumschiff, er soll auch Trainingsstation für Weltraumbesucher sein. „Im Wasser nähern sich die Bewegungen denen im All an“, erläutert Rougerie. „Und der Bereich für die Astronauten kommt dem einer Raumkapsel ziemlich nahe.“ Die US-Raumfahrtbehörde NASA hat bereits Interesse an Trainingsgängen angemeldet.

Schon jetzt ist die NASA über ihr Tiefseeforschungsprogramm NEEMO am SeaOrbit-Projekt beteiligt. NEEMO-Leiter Bill Todd gehört zu dem Team von gut 15 Mitarbeitern, das die von Rougerie vor zehn Jahren erstmals entworfene Idee vorantreibt. Beteiligt sind auch Vertreter des norwegischen Marineforschungsinstituts Marintek und des Pariser Ozeanographischen Instituts. Rougeries Büro befindet sich auf einem Schiff auf der Seine in Paris. Aber vor allem das Leben unter Wasser zog ihn immer wieder magisch an: So entwarf er schon in den 70er Jahren Siedlungen auf dem Meeresgrund oder futuristisch anmutende U-Boote.

Dass Rougerie jetzt mit seinem SeaOrbiter an die Öffentlichkeit geht, hat einen Grund: Zur Umsetzung seines großen Traums fehlt ihm noch das Geld. 25 Millionen Euro veranschlagt der ambitionierte Architekt für den Bau des Wundergefährts und die erste Reise, die in den Golfstrom führen soll. Zwei Financiers will er schon gefunden haben: Eine auf Unterwassertechnik spezialisierte Firma aus Marseille und den französischen Bau- und Energiekonzern Vinci. Wie viel Geld noch fehlt, wird nicht verraten. Die Planungen sollen aber bis Ende dieses Jahres abgeschlossen sein, dann könnte der SeaOrbiter 2008 in See stechen.

https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/unterwasserstation-riesen-seepferdchen-soll-im-atlantik-treiben-a-357649.html

https://rp-online.de/panorama/wissen/forschung/futuristisches-raumschiff-fuer-die-weltmeere_aid-17131343

weiterführende Informationen:

http://www.seaorbiter.com/

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