Blinde Passagiere auf Schiffen
Das verschleppte Problem

Mit ihrem Ballastwasser verfrachten Schiffe Wassertiere und Mikroorganismen rund um den Erdball – eine große Bedrohung für die marine Umwelt. Ab 2016 fordert eine internationale Vorschrift, diese Eindringlinge abzutöten. Doch das ist schwieriger, als es klingt.

Dafür, dass sie mehrere Tausend Kilometer von ihrer Heimat entfernt lebt, fühlt sich die Chinesische Wollhandkrabbe hierzulande sehr wohl. Das bis zu 30 Zentimeter große Tier, das ursprünglich aus dem Norden Chinas stammt, hat sich in vielen deutschen Gewässern bis hin zum Bodensee gut eingelebt, frisst dort heimischen Wasserbewohnern die Nahrung weg und zerstört durch seine Wohnhöhlen Dämme und Böschungen.

Nun sollen neue Technologien das Trittbrettfahren verhindern. Nötig ist der Ballast, damit bei unbeladenen Schiffen die Schraube nicht aus dem Wasser ragt. Auch wenn Schiffe auf einer langen Reise ihre Brennstoffvorräte aufbrauchen, müssen sie das verlorene Gewicht durch Ballastwasser ausgleichen, das sie aus dem Meer pumpen. Der 330 Meter lange Öltanker „Desh Vishal“ etwa schleppt bei einer Leerfahrt an die 100.000 Kubikmeter mit. Wenn er im Hafen wieder beladen wird, pumpt er den Ballast ab – und mit ihm Wassertiere, die dort nichts zu suchen haben.

Um diesen Fauna-Transfer zu unterbinden, hat die International Maritime Organization in London 2004 den sogenannten D1-Standard verabschiedet. Er schreibt vor, das Ballastwasser auf offener See, weit weg von den Küsten, auszutauschen. „Doch inzwischen weiß man, dass diese Maßnahme relativ uneffektiv ist“, sagt Meeresbiologe Onno Groß von der Meeresschutzorganisation Deepwave. „Die meisten Organismen befinden sich nämlich in den Sedimenten am Boden der Tanks und bleiben dort, auch wenn das Wasser getauscht wird.“ Daher gilt voraussichtlich ab 2012, spätestens aber ab 2016, der verschärfte D2- Standard. Eine der Auflagen darin: Ballastwasser darf nur noch abgepumpt werden, wenn es pro Kubikmeter höchstens zehn lebende Organismen mit einer Größe von maximal 50 Mikrometern enthält.

Der Bedarf an Ballastwasser-Reinigungssystemen ist gewaltig

Um diesen Wert zu erreichen, gibt es drei verschiedene Ansätze: Bei der mechanischen Separierung wird das Ballastwasser durch Filter oder sogenannte Hydrozyklone gereinigt – künstliche Wasserstrudel, die schwere Teilchen abscheiden. Zu den physikalischen Methoden zählt die Bestrahlung mit ultraviolettem Licht, das die Organismen abtötet. Chemische Verfahren setzen dem Ballastwasser Biozide zu oder erzeugen per Elektrolyse aus dem Meersalz Chlor, welches ebenfalls desinfizierend wirkt. „Die meisten Hersteller von Ballastwasser-Reinigungssystemen setzen auf Kombinationen dieser Methoden, zum Beispiel als ersten Schritt eine Filterstufe und dann UV-Licht oder ein Fliehkraftabscheider“, sagt Christoph Peickert, Spezialist für Ballastwasser-Management beim Schiffszertifizierer Germanischer Lloyd.

Der Bedarf nach solchen Anlagen ist gewaltig: Rund 60.000 Handelsschiffe weltweit müssen früher oder später umgerüstet werden. Peickert spricht von „etlichen Milliarden Euro“ Marktvolumen. Doch noch ist nicht abzusehen, dass sich ein bestimmtes Verfahren durchsetzen wird. …

Quelle: Spiegel Online Wissenschaft, 20.02.2011

//