Workers installing a large-scale solar array in a green field

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Die durch SARS-CoV-2 ausgelöste Krise ist in vollem Gange, die Gesellschaft steht still, die Wirtschaft erlebt eine noch nie dagewesene Eiszeit. In Simulationen zum Social Distancing werden Menschen zu kleinen Pünktchen, die stillstehend wie Eiskristalle aussehen. Die menschliche Welt ist eingefroren, so sehr das Osterwetter sich auch bemüht einen anderen Anschein zu geben.

Nur leider ist unsere Gesellschaft nicht auf so etwas ausgerichtet. Menschen müssen essen, Künstler:innen ihre Miete zahlen, Unternehmen Kredite, nur wenige Privilegierte können einfach Monate lang nichts tun. Und selbst diesen wurden die Dividenden gekürzt. Dem Staat bleibt nur eine Option: er druckt Geld. Die Schwarze Null ist vergessen.

Auch die EU plant gewaltige Investitionen, Neuverschuldung, Corona-Bonds. Doch wohin mit diesem Geld? Unsere Gesellschaft wird langsam auftauen, Schutzmaßnahmen werden greifen, Impfstoffe entwickelt, das scheint als Einziges in dieser ungewissen Zeit vorhersehbar. Doch unser Leben, unsere Politik und unsere Industrie wird nicht mehr dieselbe sein. Nur wie, das wird in diesem Moment entschieden.

Die erste Option lautet zu sagen: Unser System ist stabil. Jede Krise können wir überdauern, ohne Kratzer durch den Sturm, so wie vorher. Einfach überwintern und dann zurück zu dem was war. Befürworter dieser Idee schreien nach Aufweichen des Green New Deals, nach Aussetzen von Umweltrichtlinien, denk doch mal einer an die armen Fluggesellschaften. Alles zu teuer, alles nicht sozialverträglich. Es scheint als ob Umweltschutz eine zusätzliche Last ist, nur etwas für Zeiten des Wohlstands. Nachhaltigkeit als Luxusgut, bitte 19% Mehrwertsteuer.

Die zweite Option lautet zu sagen: Unser System ist resilient. Jede Krise können wir überdauern, stärker daraus hervorgehen. Durch die Kälte gegangen, gewachsen, gestärkt. Befürworter sagen: Lasst uns gerade in Krisenzeiten wohlüberlegt handeln und die Gelegenheit nutzen, um alteingesessene Fehler zu korrigieren. Und uns so nebenbei gleich auf die nächste vorbereiten.

Die zweite Option wurde jüngst auf den Tisch gelegt, von unerwarteter Seite. Insgesamt mehr als 180 Unterzeichner:innen stehen unter dem Papier der neugegründeten Green Recovery Alliance.

Initiator der Green Recovery Alliance ist der französische Europaabgeordnete Pascal Canfin, Ausschussvorsitzender von ENVI, der mit 78 weiteren Parlamentariern, 37 CEOs, 28 Wirtschaftsverbänden, 11 nationalen Minister:innen, 7 NGOs, 6 Think-Tanks und einem Gewerkschaftsbund ein breites Bündnis aufstellen konnte. Mit dabei sind bekannte Namen wie IKEA, Coca Cola, Danone, 3M, H&M, Unliver, WWF, Deutscher Naturschutzring, Agora Energiewende, Vizepäsidenten der EU-Fraktionen Renew Europe und Greens, und unsere Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit Svenja Schulze.

Doch was soll man davon halten? Woher kommt bei einigen dieser Unternehmen dieser Green Recovery Alliance der plötzliche Sinneswandel? Oder handelt es sich am Ende doch nur um Greenwashing? Oder Opportunismus?

Die Idee hinter der Initiative ist eigentlich genial. Die Forderungen der Wirtschaftsvertreter nach Geld, die wir immer und immer wieder seit dem Shutdown hören, erinnern stark an unsere eigenen Forderungen: eine Transformation der Wirtschaft durch massive Investition. Nur so ist der Weg aus der Coronakrise zu schaffen, nur so ist das Pariser Abkommen einzuhalten. Im Papier heißt es:

Covid-19 will not make climate change and nature degradation go away. We will not win the fight against covid-19 without a solid economic response. Let’s not oppose those two battles, but let’s fight and win them at the same time. By doing so, we will only be stronger together.

 

Covid-19 wird den Klimawandel und die Zerstörung der Natur nicht verschwinden lassen. Wir werden den Kampf nicht ohne eine solide wirtschaftliche Antwort gegen Covid-19 gewinnen. Lasst uns diese beiden Kämpfe nicht verweigern sondern gleichzeitig gewinnen. Wenn wir das tun, werden wir gemeinsam stärker sein.

Die Green Recovery Alliance mag damit einen gewagten Schritt gehen, denn noch ist und sollte unser Fokus auf der Bekämpfung der Coronaepidemie liegen. Aber gleichzeitig ist er wichtiger denn je. Denn wenn jemandem Opportunismus vorgeworfen werden kann, dann denjenigen Unternehmen, die eine Krise nutzen, um heimlich noch mehr gemeinsamer Ressourcen der Menscheit zu stehlen. Auch wenn es schmerzhaft für Flugunternehmen sein mag, dass sie bereits CO2-Kompensationszahlungen versprochen haben, diese jetzt aufzuweichen würde uns Jahre zurückwerfen. Und daran muss erinnert werden.

Im Prinzip erinnert dieses Papier also nur an Dinge, die bereits gemeinsam beschlossen wurden. Wir wissen seit langem, dass Erneuerbare Energien mehr Jobs erschaffen, als durch den Verlust der Ölindustrie verloren gehen. Wir wissen seit langem, dass regionale Produktion physischer Güter gekoppelt mit internationalem Vertrieb digitaler Güter nicht nur ökologisch nachhaltiger, wirtschaftlich zukunftsfähiger, sondern vor allem lokal resilienter ist als unsere momentane Globalisierung. Oder sollte man besser sagen unsere ehemalige Form der Globalisierung? Es ist eine Tragöde, dass wir viele Menschenleben durch eine Pandemie verlieren mussten, um das zu lernen. Doch um wirklich daraus zu lernen, braucht es Sätze wie diese:

Indeed, the transition to a climate-neutral economy, the protection of biodiversity and the transformation of agri-food systems have the potential to rapidly deliver jobs, growth and improve the way of life of all citizens worldwide, and to contribute to building more resilient societies.

 

In der Tat haben der Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft, der Schutz der Biodiversität und die Transformation der Agrar- und Lebensmittelsysteme das Potenzial, rasch Arbeitsplätze und Wachstum zu schaffen, die Lebensweise aller Bürger zu verbessern und zum Aufbau widerstandsfähigerer Gesellschaften beizutragen.

Inhaltlich gibt es also an diesem starken Statement nichts auszusetzen. Geld in Systeme zu stecken, die nicht langfristig funktionieren, ist keine Investition, und so muss die EU, aber auch Deutschland, jeden Cent, der als Reaktion auf die Coronakrise ausgeschüttet wird, auf Nachhaltgkeitsprinzipien überprüfen.

Doch eine Frage bleibt noch. Wieso unterzeichnen Unternehmen dieses Papier, die für Fast-Fashion, Insektensterben, Wasserverschmutzung, Petrochemie, kurz globale Wertvernichtungsketten stehen? Woher kommt dieser Anreiz?

Mich erinnert dies an eine Anekdote über die kanadische Eishockeyliga. Lange Zeit trug kaum ein Spieler einen Helm, denn er schränkte das Sichtfeld ein und man war im Nachteil. Die Unfälle häuften sich, und obwohl jeder insgeheim einen Helm tragen wollte, so tat es doch niemand. Es kam zum Tod eines Spielers. Und trotzdem verzichteten immer noch Spieler auf den Helm. Erst als eine offizielle Pflicht eingeführt wurde, und alle erleichtert aufatmeten, wurde der Helm von allen getragen. Diese vereinfachte Geschichte wird oft angebracht, um zu zeigen, dass auch Verbote manchmal von der Bevölkerung gewollt sind.

Aber sie ist ebenfalls übertragbar auf die Investitionen großer Unternehmen. Unternehmen tun genau soviel für die Umwelt, wie es ihnen erlaubt bei ihren Konsumenten gerade so davonzukommen. Ein Logo wird Grün eingefärbt, die Verpackung geändert, ein hübsches Leitmotiv von der PR-Abteilung entwickelt, mehr wird nicht getan. Das ist garnicht zynisch oder sarkastisch gemeint, alles andere wäre einfach nicht wirtschaftlich. Und nicht wirtschaftliche Unternehmen überleben nur kurz an der Wall Street. Wenn aber politische Entscheidungen, Steuern oder auch wie von der Green Recovery Alliance geforderte, an Bedingungen geknüpfte Investitionspakete für Fair-Play sorgen, so kommt dies den insgeheimen Wünschen der Firmen entgegen. Die unerwarteten Sinneswandel der Unternehmen wirken radikal, doch in Wahrheit, vermute ich, haben viele der Unternehmen schon lange auf genau so ein Papier gewartet. Denn was gäbe es wirtschaftlich Sinnvolleres als …

… enshrining the fight against climate change as the core of the economic strategy.

 

…den Kampf gegen den Klimawandel im Kern der Wirtschaftsstrategie zu verankern.

Hinter Forderungen solcher Art stecken meist versteckte Intentionen, nicht öffentliche Interessen und geheime Absichten. Doch erstaunlicherweise habe ich bei der Green Recovery Alliance ein seltenes Gefühl der Ehrlichkeit empfunden. Wir von DEEPWAVE hätten dieses Papier unterzeichnet, selbst wenn wir dann mit Nestlè auf einem Blatt gestanden hätten. Denn das ist die Message wert.

Heye Groß für DEEPWAVE

 

Quelle: euraktiv.com oder auf deutsch cleanthinking.de.

 

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