Segeln gegen Proteinpiraten

Segeln gegen Proteinpiraten

 

Die Industrienationen haben die Meere hoffnungslos überfischt. Nun bedienen wir uns an den Küsten des Südens: Wie Piratenflotten marodieren hochmoderne Fangflotten durch die traditionellen Fischgründe. Dabei zerstören ihre gewaltigen Netze die fragilen Ökosysteme am Meeresgrund für Generationen. An Land sorgen die Zuchtshrimps aus den tropischen Aquakulturen für den Verlust der Mangrovenwälder. Das Fischfutter für die Export-Garnelen entstammt wertvollen Fischgründen. Was so unsere Tiefkühltruhen füllt, lässt andere verhungern…

 

Juli 2006. Umwelt-Tour auf der Ostsee widmet sich der globalen Überfischung und den verheerenden Garnelenfarmen

KAPPELN/GREIFSWALD. Frische Seeluft tanken, Abenteuer pur erleben und umweltaktiv auf die fatalen Folgen der Überfischung der Meere aufmerksam machen: All dies wurde im Juli 2006 bei der Tour „Segeln gegen Proteinpiraten“ auf der Ostsee möglich. Das Ziel dieser von der Menschenrechtsorganisation FIAN in Kooperation mit der Umweltschutzorganisation DEEPWAVE e.V. organisierten Fahrt war es, über die globale Shrimps- und Fabrikfischerei zu informieren.

Mit Vorträgen, Aktionstheater und Filmbeiträgen sollten dabei Verbraucher, Touristen und Küstenanwohner für die drastischen ökologischen und ökonomischen Folgen sensibilisiert werden. Entlang der Ostseeküste wurden dazu an Bord des antiken Bildungsloggers „Lovis“ öffentliche Seminare von verschiedenen Menschenrechts- und Umweltaktivisten aus Deutschland, Spanien, England, Holland und Indien gegeben. Für allerlei spektakuläre Überraschungen für die Sommergäste dienten freie Theaterstücke und ein Freiluftkino auf den Segeln der „Lovis“. Über Kappeln, die Schleimündung, Dänemark Stralsund ging es bis nach Greifswald.

Pressemappe, mit 24 Seiten Hintergurnd zur Überfischung und Garnelenzucht.

Flyer der Proteinpiraten-Reise.

Segeln gegen Proteinpiraten, Ostsee
Segeln gegen Proteinpiraten, Ostsee

Veranstalter: DEEPWAVE e.V. (Marine Conservation)/ FIAN (Food First Information- and Action Network) / Böe e.V. (“Educational Lugger “Lovis”)

Partner: Deutsche Elasmo-Branchier-Gesellschaft (DEG, association for the protection of rays and sharks), Omcar (NGO for Marine Conservation and Research, India), Robin Wood e.V. (environmental organisation)

Sponsoring: Bingo Lotterie Schleswig – Holstein, Stiftung Umverteilen
Evangelischer Entwicklungsdienst, InWEnt


Die Proteinpiraten versenken!
Natürlich können und wollen wir die Piratenschiffe nicht wirklich versenken, obwohl Umweltschützer illegal fangende Schiffe schon verfolgt und so deren verbrecherische Methoden aufgedeckt haben. Und in Südamerika reißen Dorfgemeinschaften die Mauern illegal angelegter Shrimpsfarmen nieder und forsten den kostbaren Mangrovenwald wieder auf.
Auch wir in den Industrienationen sind aufgefordert, etwas gegen die Proteinpiraten zu tun. Wir fordern:
* ein Einfuhrverbot für tropische Zuchtshrimps, solange keine verbindlichen Umwelt-und Sozialstandards bestehen. Bei der Entwicklung dieser Standards muss unbedingt die betroffene örtliche Bevölkerung konsultiert werden.
* dass die EU die Einfuhr von Fisch nur dann genehmigt, wenn seine Herkunft klar nachzuweisen ist. Hier sind deutlich wirksamere Kontrollen notwendig
* bestandsschonende Fischerei in Nord-und Ostsee, statt immer brutalerer Ausbeutung der Gewässer des Südens.
Auch SIE als Konsumenten haben mehr Macht, als Sie denken:
* Kaufen Sie solange keine tropischen Zuchtshrimps, bis nachhaltig gezüchtete Tiere zur Verfügung stehen.
* Fragen Sie nach der Herkunft Ihres Fisches, meiden Sie überfischte Arten.
* Suchen Sie nach nachhaltigen Nahrungsquellen. Essen Sie möglichst Lebensmittel aus Ihrer Region.
* Teilen Sie Händlern und Politikern mit, was Sie über die
Proteinpiraten denken.

Damit das Meer wieder mehr ist als schneller Profit.
Damit es wieder ein Meer für ALLE ist.


Die Proteinpiraten
Die Herkunft der meisten wild gefangenen Meeresfische ist problematisch. Große Fischereiflotten verfolgen heutzutage mit hochmoderner Technik die letzten Fischschwärme auf allen Ozeanen. Fern der Kontrolle, auf hoher See werden sinnvolle Fangverbote und Quotenregelungen von diesen modernen Piraten umgangen.

Mehr als die Hälfte der weltweiten Fischbestände ist so überfischt, dass ihr Bestand zusammenzubrechen droht. So wird nicht nur das Ökosystem Meer zerstört: Auch die Kleinfischer an den Küsten leiden unter diesem Raubbau und müssen machtlos mit ansehen, wie ihnen ihre Lebensgrundlage entzogen wird. Der Verlust an hochwertiger, eiweißreicher Nahrung ist vor allem für die Bevölkerung in den ärmeren Ländern des Südens ein ernstes Problem: Sie können es sich nicht leisten einfach Fleisch zu kaufen, sondern sind auf das angewiesen, was sie selbst fangen bzw. sammeln können.

Ihre Lebensgrundlage wird in die Industrienationen zu tendenziell überernährten Menschen transportiert – falls die gefangenen Fische nicht gleich an die Shrimps in den Aquakulturen verfüttert werden. Ohne das Einkommen durch den Fischfang werden viele Boote an der westafrikanischen Küste nun notgedrungen zum illegalen Flüchtlingstransport genutzt. Unter Umständen begegnen ihnen auf diesem lebensgefährlichen Weg wieder die Piraten des Industriezeitalters: Auf hoher See verladen sie ihre Beute auf Schiffe der EU-Fangflotten, die diese dann als legal gefangene Ware weiterverkaufen, auch in Ihrem Supermarkt.
Weltweit raten Nichtregierungsorganisationen mittlerweile vom Kauf verschiedener Meeresprodukte ab, da ihre Herkunft nicht garantiert werden kann. Dies sind neben den Zuchtshrimps auch mit Bodennetzten gefangene Fische wie Leng, Heilbutt etc. Viele Konsumenten kaufen sie, ohne über die negativen Folgen dieser Wirtschaft informiert zu sein.

Aber ein Management der Ressourcen im Meer bedarf auch engagierter Konsumenten. Nur durch Ihre Entscheidung können naturverträgliche Lebensmittel produziert werden. Und Ihre Wahl ist für das Wohl der produzierenden Bevölkerung im globalen Süden verantwortlich.
„Die Garnelen leben besser als wir. Sie haben Elektrizität, wir nicht. Sie haben sauberes Wasser, wir nicht. Sie haben Mengen von Nahrung, wir hungern.“
Fischer von den Philippinen



Shrimps – als Luxusfalle

Weltweit gibt es mehr als 2.000 Garnelenarten, etwa 300 davon werden wirtschaftlich genutzt. Bei der Vielzahl der Formen gibt es je nach Land andere Bezeichnungen: Shrimps lautet das englische Wort für kleine Exemplare, Prawns das für größere. Die Spanier nennen die Meerestiere Gambas, die Franzosen sagen
dazu Crevettes. Dagegen meint der italienische Begriff Scampi einen Kaisergranat aus der Hummerfamilie. In der Nordsee heißen die Krabben (Crangon crangon) oder Granat. Am besten sagt man Garnele und orientiert sich am lateinischen Namen.

Im unseren Tiefkühltruhen finden sich
* Riesengarnele (Peneaus monodon): Auch Black Tiger, King Prawn und Giant Prawn (bis 35 cm) genannt. Diese Warmwassergarnele ist der Marktführer in der Aquakultur und lebt in indopazifischen Ländern, wie Thailand und Indonesien. Zuchtfarmen produzieren jährlich davon etwa 650.000 Tonnen.
* Weißer Shrimp (Litopeneaus vannamei): Die bis zu 23 Centimeter großen White Shrimp oder Pacific Prawn entstammt den Farmen in den Tropen Südamerikas, vor allem Ecuador. Der Weltmarktanteil liegt bei 16 Prozent.
* Kaltwassergarnele (Pandalus borealis): Auch Northern Shrimp und Eismeergarnele genannt. Jährlich werden knapp 400.000 Tonnen im Nordatlantik gefangen, mit bis zu 90 Prozent Beifang, also unerwünschten Tieren wie Muscheln, Seeigeln und Seesternen in den Netzen!

Relativ neu auf dem Markt sind Shrimps, die nach ökologischen Kriterien gezüchtet wurden. Sie verzichten u. a. auf Antibiotika und das Abholzen der Mangroven. Mehr Arbeitsplätze schaffen jedoch auch die Ökozuchtbecken kaum. Auch Ökoshrimps wandern in die Tiefkühltruhen des wohlgenährten Nordens.


Shrimps machen Hunger!
Die Aufzucht von Garnelen in Farmen entlang der tropischen Küsten Lateinamerikas, Südostasiens und Afrikas dient fast ausschließlich dem Export in die Industrienationen, deren Bevölkerung überreichlich mit tierischem Eiweiß versorgt ist. Auch in unserem Supermarkt sind die einstigen Delikatessen
inzwischen zu Discountpreisen zu haben. Die Folgen der Shrimpszucht sind verheerend. Flächendeckend wurden für die Becken Mangrovenwälder abgeholzt. Nicht erst seit der Tsunamikatastrophe von 2004 weiß man, dass dieses hochproduktive Ökosystem für den Schutz der Küsten und die Regeneration des Lebens in den Meeren unentbehrlich ist. Massiver Einsatz von Antibiotika, Pestiziden und Chemikalien lassen verseuchte Gewässer und unbrauchbares Land zurück.

Nicht nur die Natur, auch die Bevölkerung leidet unter den Teichen. Eine Farm von 200 – 500 Hektar Größe schafft etwa fünf ganzjährige und fünf saisonale Arbeitsplätze. Dagegen kann ein Hektar Mangroven zehn Familien ein Auskommen geben. Doch die Shrimpsfarmer und die Behörden verweigern häufig den Zugang zu einst von allen genutzten Regionen und Küstengewässern. Wer sich wehrt, wird bedroht, nicht selten ermordet. In Indien wurden so 50.000 Menschen vertrieben.
Häufig bleibt den Menschen dann nur, das Land zu verlassen oder gelegentlich einen Job in einer Shrimpsverpackungsfabrik anzunehmen. Eine Arbeiterin berichtet von den Strapazen: “In den Verpackungsfabriken arbeitet man während der dreimonatigen Saison vier bis sieben Tage die Woche. Man
arbeitet in Räumen, in denen Gefriertemperaturen herrschen, im Stehen köpft man Garnelen von 7 Uhr morgens bis 12 Uhr nachts, manchmal bis 2 Uhr morgens. Zwischendurch ißt man schnell ein paar Garnelen mit Kochbananen, ebenfalls im Stehen…“ – Stand 2006


„Sailing against protein-pirates“

Article by Martina Möller (FIAN, group Hamburg)

… was the motto of a nine-days sailing tour with the lugger “Lovis” over the Baltic sea. Our pirate, a skull-like image with a shrimp between his teeth, nevertheless did not stand for the romantisized “Likedeeler”pirates, which some centuries ago navigated these waters, but for two very modern and ugly versions of piratism: On the one hand the ruthless overfishing of the seas by so called factory vessels, in which also illegal fleets take an important part. On the other hand the shrimp industry, which in pursuit of a short-time-profit destroy those tropical ecosystems that used to guarantee the survival of the coastal populations. The intention of our tour was to create awareness of these problems among the consumers of tropical shrimp and other marine species and to motivate a more responsible consumer behaviour.

THE TOUR:
The tour started on the 08. of July with a press conference in Kappeln, on the ship which was decorated with banners. Wind, weather and our dependence on permissions of the port authorities didn’t let us dock in every projected harbour and led to a zigzag course between Germany and Denmark. Between the german harbours there were Maasholm, Heiligenhafen, Barhöft, Stralsund and Greifswald-Wiek, but we also came e.g. to Nysted (D) and Gedser (D).
The tour ended in Greifswald, our destination and port of registry of the “Lovis”.

THE ACTIVITIES:
During the cruise, we offered lectures, short films and discussions, where the travellers could exchange and amplify their knowledge about different issues. Beside representatives of FIAN, Deepwave and Böe e.V., we also had an indian marine biologist from the NGO Omcar on board, an experience, we all gained a lot from. As an alternative to the usual informative events, we have chosen for this tour an unorthodox, experimental presentation of the subjects: After the arrival of the ship, people who passed by could run across a drumming shoal of fishes, whose actors were moving through the place with fish-masks on their faces and distributed flyers advertising the evening screening on the main sail of the “Lovis”. Perhaps the unsuspecting summer visitor, who strolled over the quay, was also presented a silver tray with shrimps appetizers, offered by an elegant dressed lady. Many could not overcome the temptation and helped themselves to one of the shiny pink appetizers. But cautious! No sooner had they eaten the surprisingly sweet delicacy than a colourful procession (parade?) of figures approached from the crowd and quickly surrounded its victim. Between them, the actors carried along a big net full of coloured foam objects: Beside all kinds of fish and marine creatures, also two artificial mangrove trees and several writings like f. ex. “human rights”, “drinking water”, “justice”, “education” or “biodiversity” are to be found. A ragged fisherman and an unhappy shell collector got also caught in the net and showed their miserable catch. “All this is bycatch”, it was explained to the appalled gourmet, “so you will have to take it also.” What a good luck that our alleged shrimp appetizers were composed only of cake with a pink icing… The little theatre scene was followed by an explication of the contents of the bycatch net and the background of the campaign. We also informed about our foto exposition, the information booth and other attractions in front of the ship. There, apart from information about our organisations, we also presented the development project of our fellow traveller Dr. Balaji from India.

BACKGROUND:
With this common project of a human rights- an environmental organisation and the association of the “Educational Lugger Lovis” (all the participating NGOs see below), we wanted to clarify to the consumers in the industrial countries the consequences of current fishing policy: In order to prey on a maximum profit, the current policy does not use but virtually destroy the natural resources. Todays fishing methods do not admit the conservation of fish resources and they destroy the means of existence of local small scale fisheries, also in our country. In addition, ecosystems which feed coastal populations in southern countries for hundreds of years, are now destroyed for luxury foods like tropical shrimps. In many countries of Asia, Latin America and nowadays also Africa, this industry contaminates whole coastal areas with chemicals and deprive the people of their traditional livelihood – without offering them alternatives. Therefore, the comparison with lootings of pirates is not far-fetched, but different from the romantizised “Likedeeler”-pirates, these pirates seize their prey from the poorest and weakest and sell it to the rich industrial countries of the North – to us.

We therefore recommend to all shrimp-aficionados to renounce products from tropical aquacultures and to buy in a responsable way, f. ex. by means of the fish shopping guide from Greenpeace, we offered at our information booth.

RESULTS:
In spite of our voluminous press release and advance notice, there was not much eco from the press. An exception was the city of Stralsund, where we received a visit from a representative of the newspaper “Ostsee-Zeitung”. The article which was published there was quite detailed. Primarily, we planned in Stralsund also an event together with the Sea Museum, but because of the security measures due to the Bush-visit to that city, we didn’t get permission. Instead of the event, a group of our activists visited the museum a day later, distributed information material and than received a visit from the director of the museum, who informed himself in detail about our concern and our projects – including the project of Dr. Balaji. Hereupon, the Sea Museum assured us to incorporate the problem of industrial shrimp aquaculture in its presentation. As well, the Harbour Museum in Hamburg showed interest in this subject.

Although a few people escaped when they saw our actors approaching, most of the summer guests in the harbours reacted positive to our activities, especially as for the shrimps appetizers: Most people were surprised that they never or barely heard of the explained problems, and listened to our comments with great interest. Many complemented us on the unusual form of activity and commented with enthusiasm the colourful animal figures.

From these reactions we see that there is a continuing need of background information about shrimps and similar subjects, and we want to go on working on these issues. During or activities, we displayed a petition on our booth, with three central demands on the responsible persons in policy and economy (f. ex. temporarily import stop of tropical shrimps, a proof of origin for fish etc., a more sustainable fishing policy). Until now, we do not have enough signatures to make it a successful action, so this will be one of our projects for the next months.

The films we showed on our mainsail, are:
“Der Garnelenring” from Heiko Thiele and Dorit Siemer
„Die Proteinpiraten“ from Inge Altmeier

The participating groups and projects were:
Organizers:
FIAN (FoosFirst Information- and Action Network)
Deepwave e.V. (NGO for the protection of the oceans)
Böe e.V., association of the “Educational Lugger “Lovis”

Participants of the tour also:
Deutsche Elasmo-Branchier-Gesellschaft (DEG, association for the protection of rays and sharks)
Omcar (NGO for Marine Conservation and Research), India
Other supporters: Robin Wood e.V. (environmental organisation)

Financial support from:
Bingo Lotterie Schleswig – Holstein
Stiftung Umverteilen
Evangelischer Entwicklungsdienst
InWEnt