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Die Gesellschaft zum Schutz der
Meeressäugetiere (GSM), DEEPWAVE und der NABU
fordern angesichts der fortschreitenden
Bedrohung der Schweinswale in Nord- und
Ostsee die Einrichtung von
Meeresschutzgebieten und den Stopp des
Raubbaus durch Fischerei und
Rohstoffgewinnung.
Der Schweinswal in der Ostsee ist vom
Aussterben bedroht. Ohne strikte
Schutzmaßnahmen wird der nur 1,60
Meter lange, einzige in der Ostsee
heimische Wal in wenigen Jahren
ausgerottet sein. Umweltverschmutzung,
Unterwasserlärm und die Fischerei
machen ihm das Überleben schwer.
Nach Hochrechnungen von Wissenschaftlern
existieren in der östlichen und
zentralen Ostsee höchstens noch 100
Tiere. 1995 wurde der Bestand noch auf
600 hochgerechnet. In der westlichen
Ostsee leben vielleicht noch 800 bis
1.000 Wale. Jedes Jahr sterben in
Fischernetzen zwischen vier und sieben
Prozent der Bestände im so genannten
Beifang. “Es sterben mehr Wale als
geboren werden", so die Meeresbiologin
Petra Deimer von der GSM. “Das
können die Bestände nicht
überleben. In der Nordsee sieht die
Situation nicht viel besser aus".
Um den auch Kleiner Tümmler
genannten Schweinswalen zu helfen, wurde
im Rahmen des internationalen
Kleinwale-Abkommens ASCOBANS ein Rettungsplan
entwickelt. Er rät zur Umstellung
der Fischereitechnik von Treibnetzen auf
Langleinen und von Stellnetzen auf
Fischreusen. Jedoch konnten sich die
EU-Fischereiminister in einer Sitzung
Ende März 2004 nicht auf notwendige
Maßnahmen einigen. Gegen das
deutsche Votum wurde das Verbot der bis
zu 21 Kilometer langen Treibnetze auf das
Jahr 2008 verschoben, obwohl die
Vereinten Nationen seit 1992 ein
weltweites Treibnetzverbot empfehlen.
Für den Ostsee-Schweinswal ist diese
Rücksicht auf die Fischerei eine Art
Todesurteil.
Um besseren Aufschluss über
Verbreitung und Leben der Schweinswale zu
bekommen, wendet sich die GSM nun bereits
im dritten Jahr an Segler und andere
Bootfahrer. Sie bittet die Crews,
Sichtungen von Schweinswalen zu melden,
mit genauen Angaben über Datum,
Windverhältnisse und Position
möglichst mit GPS-Daten. Die
Sichtungsdaten können bei der
Ausweisung von geplanten
Meeresschutzgebieten eine große
Hilfe sein. Mit der
Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) zum
Erhalt natürlicher Lebensräume
sowie wild lebender Tiere und Pflanzen
haben sich nämlich die
EU-Mitgliedstaaten 1992 verpflichtet, ein
Netz von Schutzgebieten für bedrohte
Arten und Lebensräume zu
schaffen.
721 Sichtungen wurden der GSM 2003
gemeldet. Die Positionsmeldungen wurden
in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt
für Seeschifffahrt und Hydrographie
(BSH) in eine Seekarte integriert. Sie
bestätigen Pläne für
Schweinswal-Schutzgebiete Deutschlands,
wie vor Fehmarn, in der Kadetrinne und in
der Flensburger Förde.
Weil die zentrale und östliche
Ostsee relativ selten befahren werden,
bittet die GSM Wassersportler, vor allem
dort die Augen offen zu halten und
Meldung zu machen. Und noch etwas: Wo in
Zukunft Schweinswale ein Refugium finden
sollen, können sich Segler weiterhin
unbeschwert bewegen. Walschutz bedeutet
nicht, dass das Meer zum Beispiel
für Wassersportler gesperrt
wird.
Auf Unverständnis
stößt bei den
Naturschutzverbänden GSM, Deepwave
und NABU allerdings der ungebremste
Einsatz der Industrie, aus geplanten
Schutzgebieten in einem Wettlauf mit der
Zeit Nutzgebiete für Erdöl,
Erdgas und Kiesabbau zu machen.
“Derzeit sind vier
größere Kiesabbauflächen
in der so genannten
Ausschließlichen Wirtschaftszone
(AWZ) der Nord- und Ostsee bewilligt oder
stehen kurz davor", so Dr. Onno
Groß, Meeresbiologe und
Vorsitzender des Vereins Deepwave zum
Schutz der Hoch- und Tiefsee. “Die
Kies-Industrie will ihre Förderung
nun schlagartig um das fünffache auf
etwa fünf Millionen Kubikmeter Sand
und Kies im Jahr erhöhen. Aber die
Kiesbänke und Steinfelder sind nicht
nur einmalige Ökosysteme, sondern
auch wichtige Laichgründe für
einige Fischarten. Auch der Bestand des
Sandaals, der insbesondere den
Schweinswalen und tauchenden
Seevögeln als wichtige
Nahrungsgrundlage dient, könnte
durch den Abbau zurückgehen",
fürchtet Groß.
“Während die
Bundesregierung noch ihre Schutzgebiete
für das Netz ’Natura
2000’ plant, herrscht in Nord- und
Ostsee ein wahrer Wettlauf um Nutzungs-
und Abbaurechte", so NABU-Europareferent
Claus Mayr. “Gegen diese
Goldgräberstimmung kann nur eine
übergreifende Raumordnung zur
Steuerung der Nutzungskonflikte in der
AWZ sowie eine Verbesserung der
rechtlichen Grundlagen helfen, wie sie
auch der Sachverständigenrat
für Umweltfragen in seinem
jüngsten Sondergutachten fordert",
so Mayr.
Die Umweltverbände kritisieren
zudem, dass bei den Abbauanträgen
auch die EG-rechtlichen Vorschriften zum
Artenschutz vernachlässigt werden,
die auch außerhalb von
Schutzgebieten für den Schweinswal
und andere streng geschützte Arten
gelten. Mayr: “Die in der
Pilotphase des dänischen Windparks
’Horns Rev’ beobachtete
Vergrämung von Schweinswalen im
Umkreis von bis zu 15 Kilometern stellt
einen nach der FFH-Richtlinie
unzulässige Störung der Art
dar. Zudem sind bei der Beurteilung
dieser Vorhaben auch die kumulierenden
Wirkungen mit benachbarten Projekten wie
Offshore-Windparks zu beachten."
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