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März 2004
Gemeinsame Pressemitteilung
Treibnetzfischerei und Kiesabbau stoppen
GSM, Deepwave und NABU fordern mehr Schutz für Wale in Nord- und Ostsee
 
Gestrandeter Schweinswal
 

Die Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere (GSM), DEEPWAVE und der NABU fordern angesichts der fortschreitenden Bedrohung der Schweinswale in Nord- und Ostsee die Einrichtung von Meeresschutzgebieten und den Stopp des Raubbaus durch Fischerei und Rohstoffgewinnung.

Der Schweinswal in der Ostsee ist vom Aussterben bedroht. Ohne strikte Schutzmaßnahmen wird der nur 1,60 Meter lange, einzige in der Ostsee heimische Wal in wenigen Jahren ausgerottet sein. Umweltverschmutzung, Unterwasserlärm und die Fischerei machen ihm das Überleben schwer. Nach Hochrechnungen von Wissenschaftlern existieren in der östlichen und zentralen Ostsee höchstens noch 100 Tiere. 1995 wurde der Bestand noch auf 600 hochgerechnet. In der westlichen Ostsee leben vielleicht noch 800 bis 1.000 Wale. Jedes Jahr sterben in Fischernetzen zwischen vier und sieben Prozent der Bestände im so genannten Beifang. “Es sterben mehr Wale als geboren werden", so die Meeresbiologin Petra Deimer von der GSM. “Das können die Bestände nicht überleben. In der Nordsee sieht die Situation nicht viel besser aus".

Um den auch Kleiner Tümmler genannten Schweinswalen zu helfen, wurde im Rahmen des internationalen Kleinwale-Abkommens ASCOBANS ein Rettungsplan entwickelt. Er rät zur Umstellung der Fischereitechnik von Treibnetzen auf Langleinen und von Stellnetzen auf Fischreusen. Jedoch konnten sich die EU-Fischereiminister in einer Sitzung Ende März 2004 nicht auf notwendige Maßnahmen einigen. Gegen das deutsche Votum wurde das Verbot der bis zu 21 Kilometer langen Treibnetze auf das Jahr 2008 verschoben, obwohl die Vereinten Nationen seit 1992 ein weltweites Treibnetzverbot empfehlen. Für den Ostsee-Schweinswal ist diese Rücksicht auf die Fischerei eine Art Todesurteil.

Um besseren Aufschluss über Verbreitung und Leben der Schweinswale zu bekommen, wendet sich die GSM nun bereits im dritten Jahr an Segler und andere Bootfahrer. Sie bittet die Crews, Sichtungen von Schweinswalen zu melden, mit genauen Angaben über Datum, Windverhältnisse und Position möglichst mit GPS-Daten. Die Sichtungsdaten können bei der Ausweisung von geplanten Meeresschutzgebieten eine große Hilfe sein. Mit der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) zum Erhalt natürlicher Lebensräume sowie wild lebender Tiere und Pflanzen haben sich nämlich die EU-Mitgliedstaaten 1992 verpflichtet, ein Netz von Schutzgebieten für bedrohte Arten und Lebensräume zu schaffen.

721 Sichtungen wurden der GSM 2003 gemeldet. Die Positionsmeldungen wurden in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in eine Seekarte integriert. Sie bestätigen Pläne für Schweinswal-Schutzgebiete Deutschlands, wie vor Fehmarn, in der Kadetrinne und in der Flensburger Förde.

Weil die zentrale und östliche Ostsee relativ selten befahren werden, bittet die GSM Wassersportler, vor allem dort die Augen offen zu halten und Meldung zu machen. Und noch etwas: Wo in Zukunft Schweinswale ein Refugium finden sollen, können sich Segler weiterhin unbeschwert bewegen. Walschutz bedeutet nicht, dass das Meer zum Beispiel für Wassersportler gesperrt wird.

Auf Unverständnis stößt bei den Naturschutzverbänden GSM, Deepwave und NABU allerdings der ungebremste Einsatz der Industrie, aus geplanten Schutzgebieten in einem Wettlauf mit der Zeit Nutzgebiete für Erdöl, Erdgas und Kiesabbau zu machen. “Derzeit sind vier größere Kiesabbauflächen in der so genannten Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) der Nord- und Ostsee bewilligt oder stehen kurz davor", so Dr. Onno Groß, Meeresbiologe und Vorsitzender des Vereins Deepwave zum Schutz der Hoch- und Tiefsee. “Die Kies-Industrie will ihre Förderung nun schlagartig um das fünffache auf etwa fünf Millionen Kubikmeter Sand und Kies im Jahr erhöhen. Aber die Kiesbänke und Steinfelder sind nicht nur einmalige Ökosysteme, sondern auch wichtige Laichgründe für einige Fischarten. Auch der Bestand des Sandaals, der insbesondere den Schweinswalen und tauchenden Seevögeln als wichtige Nahrungsgrundlage dient, könnte durch den Abbau zurückgehen", fürchtet Groß.

“Während die Bundesregierung noch ihre Schutzgebiete für das Netz ’Natura 2000’ plant, herrscht in Nord- und Ostsee ein wahrer Wettlauf um Nutzungs- und Abbaurechte", so NABU-Europareferent Claus Mayr. “Gegen diese Goldgräberstimmung kann nur eine übergreifende Raumordnung zur Steuerung der Nutzungskonflikte in der AWZ sowie eine Verbesserung der rechtlichen Grundlagen helfen, wie sie auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen in seinem jüngsten Sondergutachten fordert", so Mayr.

Die Umweltverbände kritisieren zudem, dass bei den Abbauanträgen auch die EG-rechtlichen Vorschriften zum Artenschutz vernachlässigt werden, die auch außerhalb von Schutzgebieten für den Schweinswal und andere streng geschützte Arten gelten. Mayr: “Die in der Pilotphase des dänischen Windparks ’Horns Rev’ beobachtete Vergrämung von Schweinswalen im Umkreis von bis zu 15 Kilometern stellt einen nach der FFH-Richtlinie unzulässige Störung der Art dar. Zudem sind bei der Beurteilung dieser Vorhaben auch die kumulierenden Wirkungen mit benachbarten Projekten wie Offshore-Windparks zu beachten."

 
 
 
Februar 2004
Gemeinsame Pressemitteilung:
DEEPWAVE e. V., Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere (GSM), Deutscher Naturschutzring (DNR), Hohe Tied , Internationaler Tierschutz-Fond (IFAW)
 
Verkommt die Nordsee zur Kiesgrube?
 

Eine neue Gefahr bedroht das Leben im Meer: Kiesabbau. Riesige Maschinen saugen in deutschen Gewässern der Nord- und Ostsee jährlich mehr als drei Millionen Kubikmeter Sand und Kies vom Meeresboden. Sie vernichten wertvollen Lebensraum, Speisekammer und Kinderstube zahlreicher Arten weit über die Abbauflächen hinaus.

Nun gibt es Streit um neue Abbaugebiete und eine weitere Million Kubikmeter bis zum Jahr 2051 westlich von Sylt, "noch dazu nicht weit entfernt vom ersten bekannten Schweinswal-Aufzuchtgebiet", so Ralf Sonntag (IFAW). Durch die Sand- und Kiesentnahme wird der Meeresboden bis zur Tiefe von 2,60 Metern entfernt. Umweltverbände befürchten, dass sich der Meeresgrund von diesem Raubbau nicht mehr erholt und das Ökosystem Meer schwer leidet.

"Der Kies am Meeresboden wirkt wie eine Kläranlage für belastetes Wasser", sagt der Experte Gisbert Jäger (Hohe Tied), "wollten wir diese Reinigungswirkung mit Maschinen erzielen, müssten wir jährlich 500 Millionen Euro aufwenden."

Sand und Kies sind begehrte Rohstoffe für den Küstenschutz und die Bauindustrie, zumal leichter erschließbare Festland-Reserven zu Ende gehen. Die Baumkurren-Fischerei pflügt jährlich im Durchschnitt sieben Mal den gesamten Nordseeboden um und zerstört dabei die Lebensgemeinschaften am Meeresgrund.

"Schlimmer aber ist es, wenn Sand und Kies abgebaut werden", so Petra Deimer (GSM). "Dann werden beispielsweise auch Sandaale abgesaugt. Sie sind die Nahrungsbasis für Schweinswale, Robben, Seevögel und viele Fischarten". Auch Fischfang und Krabbenfischerei werden darunter zu leiden haben.

"Dazu wirbelt die Kiesgewinnung sogenannte Trübungsfahnen auf", so der Meeresbiologe Onno Groß (Deepwave), "die Sauerstoff zehren und abgesetzte Schad- und Giftstoffe erneut mobilisieren."

Naturschützer beklagen, dass der brutale Rohstoffabbau dem Projekt "Natura 2000" zuwiderläuft, einem Netz von Schutzgebieten der Europäischen Union. Wie soll Naturschutz funktionieren, wenn eine so wichtige Basis wie der Meeresboden mit Schleppkopf- und Stechrohrbaggern abgetragen wird?

Für weitere Informationen:

DEEPWAVE e.V.
Dr. Onno Groß,
Tel. 0 40/46 85 62 62 oder
0179/598 69 69
info@deepwave.org
www.deepwave.org

 
 
 
 
 
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